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Justizze. Art. 38 IVV

Bundesgericht

Lebenspraktische Begleitung: Direkte Dritthilfe anrechenbar, Sache wegen ungenügender Abklärung zurückgewiesen (Art. 42 IVG, Art. 38 IVV)

BGE / ATF / DTF
BGE 133 V 450 · ATF 133 V 450 · DTF 133 V 450
Datum
23.07.2007
Geschäftsnummer
BGE 133 V 450
Abteilung
CH_BGE_007
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 9 ATSG Art. 29 IVG Art. 42 IVG Art. 37 IVV Art. 38 IVV Art. 159 OG

Zusammenfassung

Ein 1984 geborener Versicherter mit frühkindlicher Hirnschädigung, motorischen Störungen, schwerem psychointellektuellem Entwicklungsrückstand und Epilepsie lebt bei seinen Eltern und bezieht eine Invalidenrente. Er meldete sich erneut zum Bezug einer Hilflosenentschädigung an, da er auf lebenspraktische Begleitung angewiesen sei. Die IV-Stelle wies den Anspruch ab, weil er nicht selbstständig wohne und nur direkte Hilfe erhalte. Das kantonale Versicherungsgericht sprach ihm eine Entschädigung bei leichter Hilflosigkeit zu. Die IV-Stelle erhob dagegen Verwaltungsgerichtsbeschwerde und rügte insbesondere, dass direkte Dritthilfe nicht anrechenbar sei und die Regelmässigkeit der Begleitung nicht gegeben sei.

Das Bundesgericht hiess die Verwaltungsgerichtsbeschwerde der IV-Stelle gut und wies die Sache zur neuen Beurteilung zurück. Es stellte fest, dass im Rahmen der lebenspraktischen Begleitung nach Art. 38 Abs. 1 lit. a IVV sowohl direkte als auch indirekte Dritthilfe berücksichtigt werden müssen, wenn die versicherte Person gesundheitsbedingt trotz Anleitung oder Überwachung nicht in der Lage ist, Tätigkeiten selbst auszuführen. Eine Unterscheidung zwischen direkter und indirekter Hilfe ist sachlich nicht gerechtfertigt, da Menschen mit psychischen Behinderungen je nach Gesundheitszustand unterschiedliche Unterstützungsformen benötigen.

Zugleich genügte die vorliegende Aktenlage nicht für eine abschliessende Entscheidung. Der Bericht über die Abklärung an Ort und Stelle vom 24. März 2004 war ungenau und enthielt keine ausreichenden Angaben zur Antriebsarmut des Versicherten. Zudem fehlte ein rechtskonformes handschriftliches Visum des regionalen ärztlichen Dienstes (RAD) sowie ein Bericht der spezialisierten Institution L., obwohl der Versicherte deren Betreuung angegeben hatte. Auch aktuelle ärztliche Feststellungen zu den funktionellen Einschränkungen im Hinblick auf die lebenspraktische Begleitung lagen nicht vor. Gemäss Art. 42 IVG und Art. 38 IVV muss die Hilflosigkeit aufgrund einer vollständigen und plausiblen Abklärung festgestellt werden. Die Sache wurde daher an die IV-Stelle zurückgewiesen, damit sie ergänzende Berichte einhole und erforderlichenfalls eine weitere psychiatrische Abklärung vornehme.

Hinsichtlich der Kosten wurden keine Gerichtskosten erhoben. Trotz des formellen Obsiegens der IV-Stelle wurde ihr keine Parteientschädigung zugesprochen, da die Voraussetzungen dafür nicht erfüllt waren. Für das vorinstanzliche Verfahren blieb die dem Versicherten zugesprochene Parteientschädigung bestehen, da die Rückweisung bereits als Verbesserung seiner Rechtsstellung gilt.

Regeste

Art. 8 Abs. 1 und 2, Art. 9 BV; Art. 9 ATSG; Art. 42 IVG; Art. 37 Abs. 3 lit. e und Art. 38 IVV; Bundesgesetz über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen (BehiG; SR 151.3): Lebenspraktische Begleitung. Die "lebenspraktische Begleitung" beinhaltet weder die (direkte oder indirekte) "Dritthilfe bei den sechs alltäglichen Lebensverrichtungen" noch die "Pflege" noch die "Überwachung". Sie stellt vielmehr ein zusätzliches und eigenständiges Institut der Hilfe dar. Die vom BSV vorgenommene Konkretisierung der Anwendungsfälle der lebenspraktischen Begleitung (Rz. 8050-8052 des Kreisschreibens über Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung [KSIH] in der seit 1. Januar 2004 gültigen Fassung) erweist sich grundsätzlich als sachlich gerechtfertigt und damit als gesetzes- und verordnungskonform (E. 9). Rz. 8053 KSIH beinhaltet keine Verletzung des Gebots der rechtsgleichen Behandlung (Art. 8 Abs. 1 BV), des Diskriminierungsverbots (Art. 8 Abs. 2 BV), des Willkürverbots (Art. 9 BV) oder des BehiG (E. 6.2). Im Rahmen der lebenspraktischen Begleitung nach Art. 38 Abs. 1 lit. a IVV ist die direkte und indirekte Dritthilfe zu berücksichtigen. Demnach kann die Begleitperson die notwendigerweise anfallenden Tätigkeiten auch selber ausführen, wenn die versicherte Person dazu gesundheitsbedingt trotz Anleitung oder Überwachung/Kontrolle nicht in der Lage ist (E. 10.2). Regeste Art. 8 al. 1 et 2, art. 9 Cst.; art. 9 LPGA; art. 42 LAI; art. 37 al. 3 let. e et art. 38 RAI; loi fédérale sur l'élimination des inégalités frappant les personnes handicapées (LHand; RS 151.3): Accompagnement pour faire face aux nécessités de la vie. "L'accompagnement pour faire face aux nécessités de la vie" ne comprend ni "l'aide (directe ou indirecte) de tiers pour les six actes ordinaires de la vie", ni les "soins" ou la "surveillance personnelle". Elle représente bien plutôt une aide complémentaire et autonome. La concrétisation des cas d'application de l'accompagnement pour faire face aux nécessités de la vie opérée par l'OFAS (ch. 8050-8052 de la Circulaire concernant l'invalidité et l'impotence de l'assurance-invalidité [CIIAI] dans sa teneur en vigueur dès le 1er janvier 2004) se révèle matériellement justifiée et ainsi conforme à la loi et à la Constitution (consid. 9). Le ch. 8053 CIIAI ne consacre pas de violation du principe de l'égalité de traitement (art. 8 al. 1 Cst.), de l'interdiction de discrimination (art. 8 al. 2 Cst.), de l'interdiction de l'arbitraire (art. 9 Cst.) ou de la LHand (consid. 6.2). Dans le cadre de l'accompagnement pour faire face aux nécessités de la vie selon l'art. 38 al. 1 let. a RAI, il y a lieu de tenir compte de l'aide directe ou indirecte du tiers. Ainsi, la personne qui accompagne l'assuré peut aussi accomplir elle-même les actes nécessaires lorsque malgré les instructions, la surveillance ou le contrôle, l'assuré n'est pas en mesure de le faire à cause de son atteinte à la santé (consid. 10.2). Regesto Art. 8 cpv. 1 e 2, art. 9 Cost.; art. 9 LPGA; art. 42 LAI; art. 37 cpv. 3 lett. e, art. 38 OAI; legge federale sull'eliminazione di svantaggi nei confronti dei disabili (LDis; RS 151.3): Accompagnamento nell'organizzazione della realtà quotidiana. "L'accompagnamento nell'organizzazione della realtà quotidiana" non comprende né "l'aiuto (diretto o indiretto) di terzi per compiere i sei atti ordinari della vita", né "le cure" e neppure "la sorveglianza". Esso configura una misura di assistenza complementare e indipendente. La concretizzazione dei casi di applicazione d'accompagnamento nell'organizzazione della realtà quotidiana da parte dell'UFAS (cifre marg. 8050-8052 della Circolare sull'invalidità e la grande invalidità nell'assicurazione per l'invalidità [CIGI] nel loro tenore in vigore dal 1° gennaio 2004) è, di principio, materialmente giustificata e quindi conforme a legge e ordinanza (consid. 9). La cifra marg. 8053 CIGI non lede il principio della parità di trattamento (art. 8 cpv. 1 Cost.), né il divieto di discriminazione (art. 8 cpv. 2 Cost.), né il divieto dell'arbitrio (art. 9 Cost.) e neppure la LDis (consid. 6.2). Nell'ambito dell'accompagnamento nell'organizzazione della realtà quotidiana a norma dell'art. 38 cpv. 1 lett. a OAI si deve tener conto dell'aiuto diretto e indiretto di terzi. Pertanto, la persona accompagnatrice può anche personalmente eseguire le attività necessarie se la persona assicurata per motivi di salute non è più in grado di farlo nonostante istruzione o sorveglianza/controllo (consid. 10.2).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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