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Justizze. Art. 42 IVG

Bundesgericht

Versicherter mit psychischer Beeinträchtigung lebt in begleitetem Wohnen mit nur 0.5 Stunden Betreuung pro Woche: Heimcharakter verneint, Hilflosenentschädigung für lebenspraktische Begleitung zustehend (Art. 42 Abs. 1-3 IVG)

BGE / ATF / DTF
BGE 146 V 322 · ATF 146 V 322 · DTF 146 V 322
Datum
17.08.2020
Geschäftsnummer
BGE 146 V 322
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 42 IVG Art. 35 IVV Art. 37 IVV Art. 38 IVV

Zusammenfassung

Die IV-Stelle des Kantons Zürich verweigerte einem Versicherten mit Persönlichkeits- und Verhaltensstörung sowie kognitiven Beeinträchtigungen eine Hilflosenentschädigung für lebenspraktische Begleitung mit der Begründung, er lebe in einem Heim. Das kantonale Sozialversicherungsgericht hob diese Verfügung auf und sprach die Entschädigung zu, weil das von der Stadt Zürich angebotene Begleitete Wohnen (Bewo) keinen Heimcharakter habe. Die IV-Stelle beschwerte sich beim Bundesgericht gegen diesen Entscheid. Streitig war ausschliesslich die Frage, ob das Bewo-Angebot den Heimcharakter im Sinne der Invalidenversicherung besitzt.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde der IV-Stelle ab und bestätigte den vorinstanzlichen Entscheid, der die Hilflosenentschädigung für lebenspraktische Begleitung zusprach. Der Versicherte erfüllt sämtliche Bedarfskriterien gemäss Art. 38 Abs. 1 lit. a-c IVV, da er ohne Begleitung einer Drittperson nicht selbständig wohnen kann, seine Verpflichtungen ausserhalb der Wohnung nicht nachkommen kann und ernsthaft gefährdet ist, sich dauernd von der Aussenwelt zu isolieren. Entscheidend ist jedoch, dass er ausserhalb eines Heimes lebt: Das von der Stadt Zürich betriebene Begleitete Wohnen (Bewo) bietet ihm zwar ein eigenes möbliertes Zimmer, aber nur eine wöchentliche ambulante Betreuung durch eine Fachperson von insgesamt einer halben Stunde, was weit unter der für die Erheblichkeitsschwelle maßgeblichen Grenze von zwei Stunden pro Woche liegt. Der deutlich überwiegende Anteil seines minimalen Bedarfs an lebenspraktischer Begleitung wird stattdessen durch seine Mutter gedeckt, die ihn bei Mahlzeiten, Wäsche, Arztterminen, Einkäufen und Freizeitaktivitäten unterstützt. Gemäss Art. 35 ter IVV richtet sich die Heimdefinition nach materiellen Merkmalen wie Umfang und Intensität der Betreuungsleistung, nicht nach der Bezeichnung der Wohnform; eine kollektive Wohnform mit einer derart niederschwelligen Betreuung ist von vornherein als Heim im Sinne der Invalidenversicherung abzulehnen. Dies entspricht dem gesetzgeberischen Ziel gemäss Art. 42 Abs. 1-3 IVG, den Eintritt von zu Hause lebenden Versicherten in stationäre Einrichtungen zu verhindern oder hinauszuschieben. Da alle Anspruchsvoraussetzungen gegeben sind, steht der Ausrichtung der Entschädigung für leichte Hilflosigkeit nichts entgegen.

Die Entscheidung klärt präzise, dass die Heimdefinition in der Invalidenversicherung nicht formal, sondern materiell erfolgt, und konkretisiert die Erheblichkeitsgrenze für lebenspraktische Begleitung als maßgebliches Kriterium zur Abgrenzung. Sie stellt klar, dass auch bei einer offiziellen Wohnintegrationsmassnahme der Heimcharakter verneint wird, wenn die institutionelle Betreuung quantitativ unerheblich bleibt und der Bedarf überwiegend durch private Dritte gedeckt wird.

Regeste

Art. 42 Abs. 1-3 IVG; Art. 35 ter , Art. 37 Abs. 3 lit. e und Art. 38 IVV; invalidenversicherungsrechtliche Heimdefinition im Zusammenhang mit lebenspraktischer Begleitung. Bei der Prüfung der Frage, ob einer Einrichtung Heimcharakter beizumessen ist, sind Umfang und Intensität der von der Institution erbrachten Betreuungsleistung angemessen miteinzubeziehen (E. 6.1). Mit der Hilflosenentschädigung für lebenspraktische Begleitung soll der Eintritt von zu Hause lebenden Versicherten in stationäre Einrichtungen nach Möglichkeit verhindert oder wenigstens hinausgeschoben werden. Dieses Ziel würde geradezu torpediert, wenn kollektive Wohnformen mit einer effektiven Betreuungsleistung von weniger als 2 Stunden pro Woche bereits als Heime im Sinne der Invalidenversicherung zu qualifizieren wären und demnach den Bewohnern eine Entschädigung für lebenspraktische Begleitung schon aus diesem Grunde versagt bliebe (E. 6.2). Dem Wohnintegrationsangebot Begleitetes Wohnen (Bewo) der Stadt Zürich, bei dem der deutlich überwiegende Anteil des minimalen Bedarfs an lebenspraktischer Begleitung anderweitig gedeckt werden muss, ist der Heimcharakter von vornherein abzusprechen (E. 7). Regeste Art. 42 al. 1-3 LAI; art. 35 ter , art. 37 al. 3 let. e et art. 38 RAI; définition de la notion de home dans l'assurance-invalidité en lien avec l'accompagnement pour faire face aux nécessités de la vie. Lors de l'examen du point de savoir si la qualification de home doit être conférée à une institution, l'étendue et l'intensité des prestations d'assistance fournies par l'institution doivent être prises en compte de façon appropriée (consid. 6.1). L'allocation pour impotent fondée sur un besoin d'accompagnement pour faire face aux nécessités de la vie vise à empêcher, ou du moins à retarder dans la mesure du possible, l'entrée d'assurés vivant à leur domicile dans des institutions. Cet objectif serait directement réduit à néant si des formes de logement collectif fournissant des prestations d'assistance d'une durée effective inférieure à deux heures par semaine étaient déjà qualifiées de home au sens de l'assurance-invalidité et, par conséquent, une allocation pour impotent fondée sur un besoin d'accompagnement pour faire face aux nécessités de la vie serait refusée aux résidants déjà pour ce motif (consid. 6.2). La qualification de home doit d'emblée être niée à l'offre de logements protégés de la Ville de Zurich (Bewo), dans laquelle la grande majorité des besoins minimaux afférents à l'accompagnement pour faire face aux nécessités de la vie doit être couverte autrement (consid. 7). Regesto Art. 42 cpv. 1-3 LAI; art. 35 ter , art. 37 cpv. 3 lett. e ed art. 38 OAI; definizione della nozione di istituto nell'assicurazione per l'invalidità in relazione all'accompagnamento nell'organizzazione della realtà quotidiana. Quando si esamina se la qualifica di istituto deve essere conferita a un'istituzione, l'estensione e l'intensità delle prestazioni d'assistenza fornite dall'istituzione devono essere considerate in maniera appropriata (consid. 6.1). L'assegno per grandi invalidi fondato sul bisogno d'accompagnamento nell'organizzazione della realtà quotidiana ha per scopo di impedire o almeno di ritardare nella misura del possibile l'entrata nelle istituzioni di assicurati che vivono al loro domicilio. Questo obiettivo sarebbe persino privato d'efficacia se forme di alloggi collettivi con effettive prestazioni d'assistenza di una durata inferiore a due ore per settimana fossero già da qualificare come istituti nel senso dell'assicurazione per l'invalidità e, di conseguenza, un assegno per grandi invalidi fondato sull'accompagnamento nell'organizzazione della realtà quotidiana fosse rifiutato ai residenti già per questo motivo (consid. 6.2). La qualifica di istituto deve subito essere negata all'offerta di alloggi protetti della città di Zurigo (Bewo), nella quale la grande maggioranza dei bisogni minimi relativi all'accompagnamento nell'organizzazione della realtà quotidiana deve essere coperta altrimenti (consid. 7).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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