Geschlechtsdiskriminierung durch Minusklassenentscheid und frankenmässige Überführung: Lohngleichheit verletzt, Sache zur neuen Beurteilung zurückgewiesen (Art. 8 Abs. 3 BV, Art. 3, 5 GlG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 131 II 393 · ATF 131 II 393 · DTF 131 II 393
- Datum
- 08.04.2005
- Geschäftsnummer
- BGE 131 II 393
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Ehemalige und aktuelle Krankenpflegende, Ergotherapeutinnen und Hebammen der Spitäler Olten, Grenchen und Solothurn klagten gegen den Staat Solothurn sowie die Stiftungen Spitalfonds Grenchen und Bürgerspital Solothurn auf Feststellung und Beseitigung einer Geschlechtsdiskriminierung gemäss Gleichstellungsgesetz. Sie beanstandeten insbesondere den sogenannten Minusklassenentscheid im Rahmen der Besoldungsrevision BERESO sowie die frankenmässige Überführungsregelung in höhere Lohnklassen. Das Verwaltungsgericht wies die Klagen gegen den Kanton mangels Passivlegitimation ab und verneinte auch gegenüber den Spitalstiftungen eine Diskriminierung bei der Arbeitsplatzbewertung und Überführung.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerden teilweise gut und weist die Sache zur Neubeurteilung an das Verwaltungsgericht zurück. Der Kanton Solothurn ist für die primären Leistungsbegehren nicht passivlegitimiert, da die Spitalstiftungen als rechtlich selbständige Träger die Lohnschuldner sind; dies gilt auch für eventualiter gestellte Feststellungsbegehren, sofern sie mit Leistungsansprüchen verknüpft sind.
Die vereinfachte Funktionsanalyse (VFA) als Methode der Arbeitsplatzbewertung ist als solche nicht diskriminierend. Die vom Verwaltungsgericht vorgenommene Bewertung der Kriterien Ausbildung, geistige Anforderungen und Verantwortung für die Funktionen Krankenschwester DN 2 und Stationsleiterin verstösst nicht gegen Art. 8 Abs. 3 BV und Art. 3 GlG, da allfällige Unterbewertungen der Gefühlsarbeit sowohl weibliche als auch männliche Vergleichsfunktionen gleichermassen betreffen.
Hingegen erweist sich der Minusklassenentscheid, mit dem die Funktionen Krankenschwester DN 2 und Stationsleiterin entgegen dem Ergebnis der analytischen Arbeitsplatzbewertung in tiefere Lohnklassen eingereiht wurden, als diskriminierend. Die Beschwerdegegner haben nicht nachgewiesen, dass die herangezogenen Vergleichslöhne anderer Kantone ihrerseits diskriminierungsfrei waren; zudem wurden arbeitsmarktliche Überlegungen ohne sachliche Rechtfertigung einseitig nur im überwiegend weiblich geprägten Pflegebereich angewendet. Dies begründet eine Vermutung der Diskriminierung gemäss Art. 6 GlG, die nicht widerlegt wurde.
Auch die frankenmässige Überführungsregelung ist diskriminierend, weil sie von einem bereits diskriminierenden Ausgangslohn ausgeht und dadurch die bestehende Ungleichbehandlung fortführt. Gemäss Art. 5 Abs. 1 lit. d GlG besteht Anspruch auf sofortige Anhebung auf diskriminierungsfreien Lohn. Im Rahmen der fünfjährigen Verjährungsfrist analog Art. 128 Ziff. 3 OR haben die Beschwerdeführerinnen Anspruch auf Lohnnachzahlungen rückwirkend ab dem 8. Dezember 1995, also seit Einreichung der Klage beim Verwaltungsgericht abzüglich Verjährungsfrist. Das Verwaltungsgericht hat die Lohnansprüche neu zu berechnen und zuzusprechen.
Regeste
Art. 8 Abs. 3 BV, Art. 3 und 5 GlG; Geschlechtsdiskriminierung; Arbeitsplatzbewertung; Minusklassenentscheid; Berücksichtigung von konjunkturellen oder arbeitsmarktlichen Faktoren; Überführungsregelung. Zur Passivlegitimation des Kantons bei auf das Gleichstellungsgesetz gestützten Feststellungs- bzw. Leistungsbegehren gegen vom Kanton abhängige, aber rechtlich selbständige Spitalträger (E. 3). Arbeitsplatzbewertung mit Hilfe der vereinfachten Funktionsanalyse; einheitliche Methode und Bewertung der Kriterien für alle Funktionen; Problematik der Gewichtung der einzelnen Kriterien (E. 6). Unzulässigkeit eines Minusklassenentscheides (E. 5.2), mit dem der Arbeitgeber vom Ergebnis der Arbeitsplatzbewertung zum Nachteil der Arbeitnehmer abweichen will (Präzisierung der bisherigen Rechtsprechung; E. 7). Unterscheidung der Überführung in eine höhere Klasse nach Dienstalter und nach Frankenbetrag (E. 5.2 und 8.1). Die frankenmässige Überführung kann die zuvor bestehende Diskriminierung fortführen (E. 8.2-8.4). Regeste Art. 8 al. 3 Cst., art. 3 et 5 LEg; discrimination fondée sur le sexe; évaluation analytique de la place de travail; décision de rétrogradation dans les classes de traitement; prise en considération de facteurs conjoncturels ou de la situation du marché du travail; mode de collocation dans les nouvelles classes de traitement. Question de savoir si le canton a qualité pour défendre, lorsque des conclusions condamnatoires et en constatation de droit sont prises sur la base de la loi sur l'égalité dans le cadre d'une action dirigée contre des institutions ayant la charge d'hôpitaux, qui sont liées au canton mais en sont juridiquement indépendantes (consid. 3). Evaluation de la place de travail à l'aide d'une analyse simplifiée des fonctions; la méthode d'évaluation et l'importance des critères doivent être identiques pour toutes les fonctions; question de la pondération de chaque critère (consid. 6). L'employeur ne peut décider de rétrograder une fonction dans les classes de traitement (consid. 5.2) en s'écartant au détriment des employés du résultat d'une évaluation des places de travail (précision de la jurisprudence; consid. 7). Collocation dans une classe de traitement plus élevée en prenant en considération l'ancienneté ou en se basant uniquement sur le montant du salaire (consid. 5.2 et 8.1). Le classement basé sur le montant du salaire peut avoir pour effet de maintenir une discrimination existante (consid. 8.2-8.4). Regesto Art. 8 cpv. 3 Cost., art. 3 e 5 LPar; discriminazione fondata sul sesso; criteri di valutazione di un posto di lavoro; attribuzione a classi di salario inferiori; presa in considerazione di fattori congiunturali o inerenti al mercato del lavoro; regole di trasferimento. Legittimazione passiva del Cantone in ambito di domande di accertamento, rispettivamente di richieste di prestazioni fondate sulla legge sulla parità e rivolte contro enti ospedalieri dipendenti dal Cantone ma giuridicamente autonomi (consid. 3). Valutazione di un posto di lavoro sulla base di un'analisi semplificata della funzione; metodo e valutazione uniformi dei criteri per tutte le funzioni; problematica della ponderazione dei singoli criteri (consid. 6). Inammissibilità dell'attribuzione a classi di salario inferiori (consid. 5.2), mediante la quale il datore di lavoro vuole scostarsi dal risultato della valutazione del posto di lavoro a scapito del lavoratore (precisazione della giurisprudenza; consid. 7) Distinzione fra trasferimento in una classe di salario superiore in base all'anzianità e quello in base all'ammontare preciso del salario (consid. 5.2 e 8.1). Quest'ultimo genere di trasferimento può avere come effetto il perpetuarsi della discriminazione preesistente (consid. 8.2-8.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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