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Justizze. Art. 54 VwVG

Bundesgericht

Arbeitslosenentschädigung: Unzulässige zeitliche Verfahrensausdehnung und Nichtigkeit neuer Verfügung lite pendente (Art. 97, 106 Abs. 1, 123 OG; Art. 54, 58 VwVG)

BGE / ATF / DTF
BGE 130 V 138 · ATF 130 V 138 · DTF 130 V 138
Datum
10.11.2003
Geschäftsnummer
BGE 130 V 138
Abteilung
CH_BGE_007
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 53 ATSG Art. 123 OG Art. 132 OG Art. 54 VwVG Art. 58 VwVG

Zusammenfassung

Eine 1969 geborene Mutter von Zwillingen bezieht Arbeitslosenentschädigung. Das Amt für Wirtschaft und Arbeit verneint ihre Vermittlungsfähigkeit ab April 2002 wegen fehlender Kinderbetreuung. Das Sozialversicherungsgericht Zürich erweitert den Streitgegenstand ausnahmsweise auf den Zeitraum nach Erlass der Verfügung und bejaht die Vermittlungsfähigkeit ab September 2002. Gegen diesen Entscheid führen sowohl die Versicherte als auch das Amt Verwaltungsgerichtsbeschwerde an das Eidgenössische Versicherungsgericht. Während des Verfahrens erlässt das Amt eine neue Verfügung, welche die Vermittlungsfähigkeit für einen späteren Zeitraum bestätigt.

Das Eidgenössische Versicherungsgericht hebt den vorinstanzlichen Entscheid teilweise auf, soweit dieser die Vermittlungsfähigkeit ab dem 3. September 2002 beurteilt. Die Vorinstanz hat den Streitgegenstand unzulässig in zeitlicher Hinsicht ausgedehnt, da zum Zeitpunkt ihres Entscheids keine klare Prozesserklärung der Verwaltung vorlag und die Verfahrensrechte der Parteien, insbesondere das rechtliche Gehör, nicht hinreichend gewahrt waren. Eine solche Ausdehnung ist nur zulässig, wenn der nachträgliche Sachverhalt vollständig abgeklärt ist.

Zudem erklärt das Gericht die während der Rechtshängigkeit des Beschwerdeverfahrens erlassene Verfügung des Amtes vom 18. August 2003 für nichtig. Gemäss dem Devolutiveffekt der Verwaltungsgerichtsbeschwerde geht die Entscheidungsbefugnis über den Streitgegenstand mit Einreichung der Beschwerde auf das Gericht über. Solange die Voraussetzungen für eine Verfahrensausdehnung nicht letztinstanzlich geklärt sind, bleibt es der Verwaltung verwehrt, über denselben Zeitraum neu zu verfügen. Dies gilt analog zu den Regeln über Neuverfügungen lite pendente gemäss Art. 58 VwVG und Art. 53 Abs. 3 ATSG. Da die Akten punktuell unklar blieben, muss über die Vermittlungsfähigkeit ab September 2002 neu verfügt werden, ohne dass dies zwingend eine Schlechterstellung der Versicherten bedeutet.

Regeste

a Art. 97 und 132 OG: Ausdehnung des Verfahrens; zeitlich massgebender Sachverhalt. Ausnahmsweise kann das Sozialversicherungsgericht aus prozessökonomischen Gründen auch die tatsächlichen Verhältnisse nach Erlass der angefochtenen Verwaltungsverfügung in die richterliche Beurteilung mit einbeziehen, mithin den das Prozessthema bildenden Streitgegenstand in zeitlicher Hinsicht ausdehnen. Dies ist indessen nur zulässig, wenn der nach Erlass der angefochtenen Verfügung eingetretene, zu einer neuen rechtlichen Beurteilung der Streitsache ab jenem Zeitpunkt führende Sachverhalt hinreichend genau abgeklärt und die Verfahrensrechte der Parteien, insbesondere deren Anspruch auf rechtliches Gehör, respektiert worden sind (Erw. 2.1). Regeste b Art. 97 und 106 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 123 OG: Devolutiveffekt der Verwaltungsgerichtsbeschwerde. Nimmt die Rechtsmittelinstanz im erstinstanzlichen Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren eine (hier: zeitliche) Ausdehnung des Streitgegenstands vor, erstreckt sich der Devolutiveffekt im Falle eines Weiterzugs an das Eidgenössische Versicherungsgericht auch auf diesen ausgedehnten Streitgegenstand (Erw. 4.2). Regeste a Art. 97 et 132 OJ: Extension de la procédure; état de fait déterminant dans le temps. Exceptionnellement le juge des assurances sociales peut, pour des motifs d'économie de procédure, se fonder sur un état de fait survenu après la décision administrative litigieuse, et ainsi étendre l'objet du litige dans le temps. Un tel procédé n'est toutefois admissible que dans la mesure où l'état de fait postérieur à la décision administrative, qui conduit à partir de là à une nouvelle appréciation juridique du litige, a été correctement instruit et que les droits des parties dans la procédure ont été respectés, en particulier leur droit d'être entendues (consid. 2.1). Regeste b Art. 97 et 106 al. 1 en liaison avec art. 123 OJ: Effet dévolutif du recours de droit administratif. Lorsque l'autorité de recours a étendu l'objet du litige (ici: sous l'angle temporel) au cours de la procédure de recours de première instance, l'effet dévolutif, en cas de recours subséquent au Tribunal fédéral des assurances, s'étend également à cet objet (consid. 4.2). Regesto a Art. 97 e 132 OG: Estensione della procedura; fatti determinanti. In via eccezionale il giudice delle assicurazioni sociali può, per ragioni di economia processuale, considerare ai fini della sua valutazione anche uno stato di fatto posteriore alla data di emanazione della decisione amministrativa impugnata ed estendere così temporalmente l'oggetto della lite. Un tale modo di procedere è tuttavia soltanto lecito nella misura in cui lo stato di fatto subentrato successivamente alla resa della decisione impugnata e implicante, a partire da tale momento, una nuova valutazione giuridica della controversia, sia stato sufficientemente accertato nel rispetto dei diritti procedurali delle parti, segnatamente del loro diritto di essere sentiti (consid. 2.1). Regesto b Art. 97 e 106 cpv. 1 in relazione con l'art. 123 OG: Effetto devolutivo del ricorso di diritto amministrativo. Se l'autorità di ricorso ha proceduto ad una estensione (qui: temporale) dell'oggetto della lite nell'ambito della procedura giudiziaria amministrativa di prima istanza, l'effetto devolutivo, in caso di successivo ricorso al Tribunale federale delle assicurazioni, si estende ugualmente a questo oggetto (consid. 4.2).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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