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Justizze. Art. 17 ANAG

Bundesgericht

Familiennachzug Drittstaatsangehöriger Schweizer: Keine analoge Anwendung FZA, Sache zur neuen Beurteilung zurückgewiesen (Art. 17 Abs. 2 ANAG)

BGE / ATF / DTF
BGE 130 II 137 · ATF 130 II 137 · DTF 130 II 137
Datum
16.01.2004
Geschäftsnummer
BGE 130 II 137
Abteilung
CH_BGE_004
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 17 ANAG Art. 8 BV Art. 191 BV Art. 3 BVO Art. 13 EMRK Art. 14 EMRK Art. 3 FZA Art. 14 OV-EJPD

Zusammenfassung

Ein aus Serbien/Montenegro stammender eingebürgerter Schweizer beantragte beim Migrationsamt des Kantons Aargau den Nachzug seines ausserehelichen Sohnes aus dem Kosovo. Das Migrationsamt lehnte das Gesuch ab, da keine wesentliche Veränderung der Betreuungsverhältnisse vorliege und kein Anspruch aus dem Freizügigkeitsabkommen bestehe. Das Rekursgericht im Ausländerrecht hiess die Beschwerde gut und gewährte den Nachzug analog zum Freizügigkeitsabkommen, um eine verfassungswidrige Schlechterstellung von Schweizern gegenüber EU-Bürgern zu vermeiden. Das Bundesamt für Zuwanderung, Integration und Auswanderung erhob daraufhin Verwaltungsgerichtsbeschwerde ans Bundesgericht.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerde des Bundesamtes für Zuwanderung, Integration und Auswanderung gut, hebt das Urteil des Rekursgerichts auf und weist die Sache zur neuen Beurteilung zurück.

Das Bundesamt war gemäss Art. 103 lit. b OG und Art. 14 Abs. 2 OV-EJPD zur Verwaltungsgerichtsbeschwerde befugt, da es die einheitliche Anwendung des Bundesrechts sicherstellen wollte. Die Beschwerde war zulässig, obwohl Art. 100 Abs. 1 lit. b Ziff. 3 OG grundsätzlich nur bei bestehenden Rechtsansprüchen greift; eine Behördenbeschwerde muss auch möglich sein, wenn eine kantonale Instanz einen nicht bestehenden Rechtsanspruch bundesrechtswidrig bejaht hat. Dies ergibt sich aus Art. 98 lit. g, Art. 98a und Art. 100 Abs. 1 lit. b Ziff. 3 OG.

Materiell bestätigt das Bundesgericht, dass ein Rechtsanspruch auf Nachzug minderjähriger Kinder eines Schweizers aus einem Drittstaat weiterhin nur unter den strengen Voraussetzungen von Art. 17 Abs. 2 Satz 3 ANAG besteht, also bei nachgewiesener vorrangiger Bindung oder Änderung der Betreuungsverhältnisse. Eine analoge Anwendung von Art. 3 Anhang I FZA auf rein inlandbezogene Sachverhalte verstösst gegen Bundesrecht. Der Gesetzgeber hat durch die Ablehnung einer entsprechenden Motion bewusst auf eine vorgezogene Revision verzichtet; dies ist als qualifiziertes Schweigen zu werten und bindet die Gerichte gemäss Art. 191 BV. Die Verfassungsbeschwerde wegen Verletzung von Art. 8 Abs. 1 BV scheitert daran, dass der Wille des Gesetzgebers klar erkennbar ist.

Die bundesgerichtliche Rechtsprechung verletzt weder Art. 14 EMRK noch Art. 13 EMRK. Art. 14 EMRK setzt zwar keinen Verstoss gegen eine andere Konventionsgarantie voraus, erlaubt aber Differenzierungen nach Staatsangehörigkeit, wenn sie gesetzgebungspolitisch begründet sind. Art. 13 EMRK ist gewahrt, da nationale Rechtsmittel wirksam bleiben und lediglich die Schaffung neuer Ansprüche ausserhalb des FZA-Geltungsbereichs untersagt wird. Zudem fehlt die Voraussetzung für eine direkte Berufung auf Art. 3 Anhang I FZA ohnehin, da der Sohn nicht bereits rechtmässig in einem anderen Vertragsstaat des Abkommens aufhält. Da das Rekursgericht die Frage des Anspruchs nach Art. 17 Abs. 2 ANAG nicht abschliessend geprüft hat, liegt insoweit kein letztinstanzlicher Entscheid vor, weshalb die Sache zur Ergänzung zurückgewiesen werden muss.

Regeste

Art. 103 lit. b und Art. 100 Abs. 1 lit. b Ziff. 3 OG; Art. 17 Abs. 2 ANAG; Art. 8 und 191 BV; Art. 8, 13 und 14 EMRK; Art. 3 Anhang I FZA; Nachzug von ausländischen Familienangehörigen eines Schweizers. Beschwerdebefugnis des Bundesamtes für Zuwanderung, Integration und Auswanderung (E. 1.1); Zulässigkeit der Behördenbeschwerde bei Beanstandung einer bundesrechtswidrigen Bejahung eines Rechtsanspruches auf Bewilligungserteilung (E. 1.2). Nachträglicher Nachzug des ausländischen Kindes eines vom anderen Elternteil getrennt lebenden Schweizers gestützt auf Art. 17 Abs. 2 ANAG? Bestätigung der entsprechenden Voraussetzungen (E. 2). Bundesrechtswidrigkeit eines kantonalen Gerichtsurteils (E. 3.1), welches verfassungsrechtlich einen zur Familiennachzugsregelung des Freizügigkeitsabkommens analogen Rechtsanspruch auf Nachzug des aus einem Nichtvertragsstaat stammenden Kindes eines Schweizers herleiten will (E. 4.1). Die diesbezügliche bundesgerichtliche Rechtsprechung hält sowohl vor Art. 14 als auch vor Art. 13 EMRK stand (E. 4.2). Es liegt zum Vornherein keine Ungleichbehandlung von Schweizern beim Familiennachzug vor, wenn der aus einem Drittstaat stammende Angehörige sich nicht bereits rechtmässig in einem anderen Vertragsstaat des Freizügigkeitsabkommens aufhält (E. 4.3). Regeste Art. 103 let. b et art. 100 al. 1 let. b ch. 3 OJ; art. 17 al. 2 LSEE; art. 8 et 191 Cst.; art. 8, 13 et 14 CEDH; art. 3 Annexe I ALCP; regroupement familial des membres étrangers de la famille d'un Suisse. Qualité pour recourir de l'Office fédéral de l'immigration, de l'intégration et de l'émigration (consid. 1.1); recevabilité du recours de l'autorité qui conteste la reconnaissance - contraire au droit fédéral - d'un droit à une autorisation (consid. 1.2). Regroupement familial différé de l'enfant étranger d'un Suisse, en cas de parents vivant séparés, sur la base de l'art. 17 al. 2 LSEE? Confirmation des conditions y relatives (consid. 2). Viole le droit fédéral, le jugement cantonal (consid. 3.1) qui veut, sur une base constitutionnelle, déduire de la réglementation du regroupement familial prévue par l'Accord sur la libre circulation des personnes un droit analogue au regroupement familial en faveur de l'enfant étranger d'un Suisse, bien qu'il n'ait pas la nationalité d'un Etat membre (consid. 4.1). La jurisprudence du Tribunal fédéral à ce sujet respecte tant l'art. 14 que l'art. 13 CEDH (4.2). Il n'existe de prime abord aucune inégalité de traitement au détriment du Suisse en matière de regroupement familial, lorsque le membre étranger de sa famille qui vient d'un Etat tiers ne résidait pas déjà légalement dans un Etat partie à l'Accord sur la libre circulation des personnes (consid. 4.3). Regesto Art. 103 lett. b e art. 100 cpv. 1 lett. b n. 3 OG; art. 17 cpv. 2 LDDS; art. 8 e 191 Cost.; art. 8, 13 e 14 CEDU; art. 3 Allegato I ALC; ricongiungimento familiare di congiunti stranieri di uno Svizzero. Legittimazione a ricorrere dell'Ufficio federale dell'immigrazione, dell'integrazione e dell'emigrazione (consid. 1.1); ricevibilità del ricorso dell'autorità volto a contestare l'ammissione, lesiva del diritto federale, di un diritto al rilascio di un'autorizzazione (consid. 1.2). Ricongiungimento familiare a posteriori del figlio straniero di uno Svizzero, che vive separato dall'altro genitore, fondato sull'art. 17 cpv. 2 LDDS? Conferma delle relative condizioni (consid. 2). Incompatibilità con il diritto federale di un giudizio cantonale (consid. 3.1) che dalla regolamentazione dell'Accordo sulla libera circolazione delle persone in materia di ricongiungimento familiare vuole dedurre, su base costituzionale, un analogo diritto al ricongiungimento per il figlio di uno Svizzero, cittadino di uno Stato non contraente (consid. 4.1.). La relativa giurisprudenza del Tribunale federale rispetta tanto l'art. 14 quanto l'art. 13 CEDU (consid. 4.2). Non vi è di principio alcuna disparità di trattamento dei cittadini svizzeri nell'ambito del ricongiungimento familiare, se il congiunto è cittadino di uno Stato terzo e non risiede già legalmente in uno Stato contraente dell'Accordo sulla libera circolazione delle persone (consid. 4.3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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