Freiwillige Abgangsentschädigung ohne Vorsorgecharakter: Gleichbehandlung im Unrecht trotz gesetzwidriger Weisung (Art. 11 Abs. 3 AVIG, Art. 4 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 126 V 390 · ATF 126 V 390 · DTF 126 V 390
- Datum
- 23.10.2000
- Geschäftsnummer
- BGE 126 V 390
- Abteilung
- CH_BGE_007
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 5 AHVG Art. 6 AHVV Art. 6bis AHVV Art. 7 AHVV Art. 11 AVIG Art. 4 BV
Zusammenfassung
Ein Versicherter erhielt nach Auflösung seines Arbeitsverhältnisses eine freiwillige Abgangsentschädigung von 26'471 Franken ohne Vorsorgecharakter. Das Bundesamt für Wirtschaft und Arbeit hatte mit einer Weisung vom 15. Mai 1998 festgelegt, dass solche Zahlungen rückwirkend ab dem 18. März 1998 unabhängig von ihrer AHV-rechtlichen Qualifizierung bei der Arbeitslosenversicherung unberücksichtigt bleiben sollen. Die kantonale Schiedskommission und die Arbeitslosenkasse wandten diese Praxis an, obwohl sie gesetzlich umstritten war. Der Versicherte machte geltend, dass die Entschädigung als Lohn zu qualifizieren sei und somit eine Sperrfrist auslösen müsse, oder alternativ unter dem Gesichtspunkt der Gleichbehandlung im Unrecht behandelt werden solle.
Das Bundesgericht hiess die Beschwerde gut und wendete ausnahmsweise den Grundsatz der Gleichbehandlung im Unrecht an, obwohl die zugrundeliegende Verwaltungspraxis gesetzwidrig war.
Zwar stellte das Gericht fest, dass die Weisung des Bundesamtes für Wirtschaft und Arbeit vom 15. Mai 1998 gesetzwidrig ist, da nach Art. 11 Abs. 3 AVIG i.V.m. Art. 5 Abs. 4 AHVG und Art. 6 Abs. 2 sowie Art. 7 AHVV auf die AHV-Gesetzgebung abzustellen ist. Da der Zahlung von 26'471 Franken kein Vorsorgecharakter zukommt, wäre sie gemäss Gesetz als Lohn zu behandeln gewesen, was eine entsprechende Ausfallzeit von der Entschädigung ausgeschlossen hätte. Allerdings wurde die neue Praxis seit ihrem Erlass über zweieinhalb Jahre konsequent angewendet, namentlich im Zusammenhang mit Restrukturierungsmassnahmen grosser Firmen, und die Verwaltung kündigte an, die Regelung erst bei der nächsten Gesetzesrevision (AVIG-Revision 2003) gesetzlich abzusichern. Angesichts dieser ständigen Übung und der Ankündigung, die Praxis beizubehalten, ging der verfassungsrechtliche Grundsatz der Gleichbehandlung (Art. 4 BV) hier ausnahmsweise dem Prinzip der Gesetzmässigkeit vor, sodass der Beschwerdeführer wie andere Betroffene behandelt werden musste.
Regeste
Art. 11 Abs. 3 AVIG; Art. 5 Abs. 4 AHVG; Art. 6 Abs. 2 lit. i und k, Art. 6bis und Art. 7 AHVV: Arbeitslosenversicherungsrechtliche Bedeutung freiwilliger Abgangsentschädigungen ohne Vorsorgecharakter. Die Weisung des Bundesamtes für Wirtschaft und Arbeit vom 15. Mai 1998, wonach freiwillige Abgangsentschädigungen ohne Vorsorgecharakter rückwirkend ab 18. März 1998 unabhängig von ihrer AHV-rechtlichen Qualifizierung für die Arbeitslosenversicherung unberücksichtigt bleiben und somit keinen Einfluss auf Beginn und Höhe der Arbeitslosenentschädigung ausüben, ist gesetzwidrig, wird aber von der Verwaltung seit ihrem Erlass konsequent angewendet, weshalb die Gleichbehandlung im Unrecht der Gesetzmässigkeit des Verwaltungshandelns vorgeht. Regeste Art. 11 al. 3 LACI; art. 5 al. 4 LAVS; art. 6 al. 2 let. i et k, art. 6bis et art. 7 RAVS: Incidence, en matière d'assurance-chômage, d'indemnités de départ allouées volontairement mais n'ayant pas le caractère de prestations de prévoyance. Selon une directive de l'Office fédéral du développement économique et de l'emploi du 15 mai 1998, applicable avec effet rétroactif à partir du 18 mars 1998, des indemnités de départ allouées volontairement mais n'ayant pas le caractère de prestations de prévoyance ne sont pas prises en considération en matière d'assurance-chômage, indépendamment de leur qualification du point de vue de l'AVS, de sorte qu'elles n'ont pas d'incidence en ce qui concerne le début et le montant de l'indemnité de chômage. Cette directive est contraire à la loi mais, dans la mesure où elle a été appliquée de manière conséquente par l'administration depuis sa promulgation, le principe de l'égalité dans l'illégalité l'emporte sur celui de la légalité de l'activité administrative. Regesto Art. 11 cpv. 3 LADI; art. 5 cpv. 4 LAVS; art. 6 cpv. 2 lett. i e k, art. 6bis e art. 7 OAVS: Rilevanza giuridica, in materia di assicurazione contro la disoccupazione, delle indennità di partenza accordate facoltativamente ma non aventi carattere di prestazioni previdenziali. Secondo una direttiva dell'Ufficio federale dello sviluppo economico e del lavoro del 15 maggio 1998, applicabile con effetto retroattivo dal 18 marzo 1998, le indennità di partenza accordate facoltativamente ma non aventi carattere di prestazioni previdenziali non sono prese in considerazione in materia di assicurazione contro la disoccupazione, prescindendo dalla loro qualifica sotto il profilo dell'AVS, di guisa che non hanno alcuna influenza sull'inizio e sull'ammontare dell'indennità di disoccupazione. Tale direttiva è contraria alla legge ma è applicata sistematicamente dall'amministrazione da quando è stata adottata; per questa ragione, il principio dell'uguaglianza di trattamento nell'illegalità deve prevalere su quello della legalità dell'attività amministrativa.
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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