Stiftung beruft sich auf Ruling zur Vorsteuerabzugsberechtigung: Vertrauensschutz greift trotz späterer Rechtsprechung und Praxisänderung (Art. 69 MWSTG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 151 II 364 · ATF 151 II 364 · DTF 151 II 364
- Datum
- 28.11.2024
- Geschäftsnummer
- 9C_363/2024
- Abteilung
- III. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 89 BGG Art. 90 BGG Art. 93 BGG Art. 100 BGG Art. 5 BV Art. 9 BV Art. 1 MWSTG Art. 10 MWSTG Art. 18 MWSTG Art. 28 MWSTG Art. 29 MWSTG Art. 30 MWSTG Art. 33 MWSTG Art. 43 MWSTG Art. 69 MWSTG Art. 72 MWSTG Art. 78 MWSTG
Zusammenfassung
Die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) beschwerte sich beim Bundesgericht gegen ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das ihre Verfügung zur Korrektur des Vorsteuerabzugs einer Schweizer Stiftung aufgehoben hatte. Die Stiftung hatte sich auf ein Ruling der ESTV vom 29. Juli 2010 gestützt, in dem diese die Aufteilung ihrer Tätigkeit in einen unternehmerischen Bereich (40 %) und einen nicht-unternehmerischen Bereich (60 %) bestätigt hatte. Die ESTV argumentierte, dass sich die Rechtslage durch das Bundesgerichtsurteil BGE 141 II 199 und ihre anschliessende Praxisanpassung geändert habe und dass sich die tatsächlichen Verhältnisse bei der Stiftung wesentlich verändert hätten. Die Stiftung behauptete hingegen, sie könne sich weiterhin auf das Ruling verlassen, da weder eine gesetzliche Änderung noch eine wesentliche Veränderung der Verhältnisse eingetreten sei und die ESTV das Ruling nie widerrufen habe. Das Bundesgericht musste entscheiden, ob der Vertrauensschutz aufgrund des Rulings greift und ob die Vorsteuerkorrektur rechtmässig ist.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde der Eidgenössischen Steuerverwaltung ab und bestätigte damit das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das die Vorsteuerkorrektur aufgehoben hatte. Der Vertrauensschutz auf das Ruling vom 29. Juli 2010 greift, weil die ESTV die Auskunft als zuständige Behörde zu einem konkreten Sachverhalt erteilte und die Stiftung die Unrichtigkeit der Auskunft nicht ohne Weiteres erkennen konnte. Eine Rechtsänderung im Sinne des Vertrauensschutzes liegt nicht vor, da das Bundesgerichtsurteil BGE 141 II 199 lediglich die 25/75-Prozent-Praxis für unzulässig erklärte, aber nicht die grundsätzliche Möglichkeit einer Aufteilung in unternehmerischen und nicht-unternehmerischen Bereich in Frage stellte; die ESTV selbst hatte die Auskunft nicht widerrufen, sondern erst am 27. Mai 2020 klargestellt, dass sie den Standpunkt der Stiftung nicht teile. Auch eine wesentliche Änderung der tatsächlichen Verhältnisse fehlt: Obwohl der Anteil der unternehmerischen Erträge im Jahr 2014 mit 34,1 % unter die vereinbarten 40 % fiel, lag er in den Folgejahren stets darüber (2018 sogar bei 54,3 %); die Schwankungen der Spenden hatten keinen Einfluss auf die Zuordnung der Erträge, da Spenden als Nichtentgelte grundsätzlich keinen Vorsteuerabzug auslösen (Art. 33 Abs. 2 i.V.m. Art. 18 Abs. 2 lit. a MWSTG). Die ESTV war daher verpflichtet, die Vorsteuerkorrektur zurückzunehmen und die Schlussabrechnung gemäss den Rechtsbegehren der Stiftung vorzunehmen. Die ESTV trägt die Gerichtskosten von Fr. 6'000.- und muss der Stiftung eine Parteientschädigung von Fr. 6'000.- bezahlen (Art. 66 Abs. 1 und 4 BGG; Art. 68 BGG). Diese Entscheidung präzisiert die Voraussetzungen für den Vertrauensschutz bei Mehrwertsteuerauskünften und stellt klar, dass eine bloße Anpassung der Verwaltungspraxis keine Rechtsänderung darstellt, die den Vertrauensschutz entfallen lässt.
Regeste
Art. 5 Abs. 3 und Art. 9 BV; Art. 69 und Art. 65 Abs. 3 MWSTG; Auskunftsrecht; Vertrauensschutz im Mehrwertsteuerrecht; Änderungen von Praxisfestlegungen. Art. 69 MWSTG verleiht dem Rechtssuchenden ein Auskunftsrecht, das vom verfassungsrechtlichen Anspruch auf Vertrauensschutz gedeckt ist (Art. 5 Abs. 3 und Art. 9 BV; E. 5.1.1 und 5.1.2; Voraussetzungen hierzu). Der Vertrauensschutz und damit auch das Vertrauen auf eine Auskunft gemäss Art. 69 MWSTG entfällt, wenn die gesetzliche Ordnung zwischen dem Zeitpunkt der Auskunft und der Verwirklichung des Sachverhalts geändert hat. Eine Änderung einer im Bereich der Mehrwertsteuer von Gesetzes wegen (Art. 65 Abs. 3 MWSTG) publikationspflichtigen Praxisfestlegung führt nicht dazu, dass die steuerpflichtige Person sich nicht mehr auf die ihr erteilte Auskunft berufen kann. Dass die falsche Qualifikation von für die Steuerfestsetzung relevanten Faktoren entgegen publizierten Praxisfestlegungen gemäss Art. 96 Abs. 3 MWSTG als Steuerhinterziehung strafbar ist, ändert nichts. Will die ESTV im Fall der Änderung einer von ihr publizierten Praxisfestlegung bewirken, dass eine von ihr vorher individuell erteilte Auskunft gemäss Art. 69 MWSTG nicht mehr gelten bzw. insoweit der geänderte Inhalt der Praxisfestlegung gelten soll, hat sie dementsprechend die von ihr erteilte Auskunft gegenüber der steuerpflichtigen Person zunächst zu widerrufen (E. 5.3.4.2). Regeste Art. 5 al. 3 et art. 9 Cst.; art. 69 et art. 65 al. 3 LTVA; droit d'obtenir des renseignements; protection de la bonne foi en matière de TVA; modifications des pratiques établies. L'art. 69 LTVA confère au justiciable un droit d'obtenir des renseignements qui est couvert par le droit constitutionnel à la protection de la bonne foi (art. 5 al. 3 et art. 9 Cst.; consid. 5.1.1 et 5.1.2; conditions à ce sujet). La protection de la bonne foi et donc de la confiance dans un renseignement conformément à l'art. 69 LTVA disparaît si le régime légal a changé entre le moment où le renseignement a été donné et la réalisation des faits. Une modification d'une pratique dans le domaine de la TVA, qui doit être publiée en vertu de la loi (art. 65 al. 3 LTVA), ne signifie pas que l'assujetti ne peut plus se prévaloir des renseignements qui lui ont été fournis. Le fait que la qualification de manière erronée de facteurs déterminants pour l'établissement de l'impôt, contrairement aux pratiques publiées, soit punissable en vertu de l'art. 96 al. 3 LTVA en tant que soustraction de l'impôt, n'y change rien. Si l'AFC souhaite, en cas de modification d'une pratique publiée par elle, qu'un renseignement qu'elle a précédemment fourni individuellement conformément à l'art. 69 LTVA ne soit plus valable ou que le contenu modifié de la pratique s'applique, elle doit d'abord révoquer le renseignement qu'elle a fourni à la personne assujettie à l'impôt (consid. 5.3.4.2). Regesto Art. 5 cpv. 3 e art. 9 Cost.; art. 69 e art. 65 cpv. 3 LIVA; diritto d'informazione; tutela della buona fede in materia di IVA; modifiche di prassi consolidate. L'art. 69 LIVA conferisce a chiunque abbia un interesse giuridico un diritto d'informazione, che è garantito dal diritto costituzionale alla tutela della buona fede (art. 5 cpv. 3 e art. 9 Cost.; consid. 5.1.1 e 5.1.2; condizioni a tale scopo). La protezione della buona fede e quindi anche della fiducia in un'informazione nel senso dell'art. 69 LIVA decade se l'ordinamento giuridico è cambiato tra il momento in cui l'informazione è stata data e il verificarsi dei fatti. Una modifica di una prassi, che nell'ambito d'imposta sul valore aggiunto è soggetta per legge all'obbligo di pubblicazione (art. 65 cpv. 3 LIVA), non impedisce al contribuente di appellarsi alle informazioni fornite. Il fatto che la qualificazione in modo errato di fattori rilevanti ai fini della determinazione dell'imposta, contrariamente alle prassi pubblicate, sia punibile come sottrazione d'imposta in violazione dell'art. 96 cpv. 3 LIVA non cambia nulla. Se l'AFC, in caso di modifica di una sua prassi pubblicata, volesse ottenere che una sua precedente informazione individuale nel senso dell'art. 69 LIVA non fosse più valida o che fosse applicabile il contenuto modificato della prassi, deve dapprima revocare l'informazione fornita al contribuente (consid. 5.3.4.2).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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