SRG strahlt Bundesratsansprache zur Frontex-Vorlage aus: Vielfaltsgebot nicht verletzt, weniger strenger Massstab für Bundesratsansprachen (Art. 4 Abs. 4 RTVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 151 II 164 · ATF 151 II 164 · DTF 151 II 164
- Datum
- 01.01.2025
- Geschäftsnummer
- BGE 151 II 164
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 10a BPR Art. 17 BV Art. 34 BV Art. 93 BV Art. 2 RTVG Art. 4 RTVG
Zusammenfassung
Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) strahlte am 25. April 2022 im Radio SRF eine vierminütige Ansprache von Bundesrat Ueli Maurer zur eidgenössischen Abstimmung über die Beteiligung der Schweiz am Ausbau von Frontex aus. Ein Beschwerdeführer erhob dagegen bei der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) Beschwerde mit der Begründung, die Ausstrahlung verletze das rundfunkrechtliche Vielfaltsgebot. Die UBI hiess die Beschwerde gut. Dagegen erhob die SRG Beschwerde beim Bundesgericht. Streitig war, ob die Ausstrahlung der Bundesratsansprache durch die SRG das Vielfaltsgebot nach Art. 4 Abs. 4 RTVG verletzte und ob die UBI überhaupt zuständig war, diese Frage rundfunkrechtlich zu prüfen.
Das Bundesgericht hiess die Beschwerde der SRG gut und hob den Entscheid der UBI auf. Es stellte fest, dass die Ausstrahlung der Bundesratsansprache vom 25. April 2022 im Radio SRF eine redaktionelle Sendung im Sinne von Art. 2 lit. c RTVG darstellt, weshalb die SRG programmrechtlich dafür verantwortlich ist, obwohl sie keine gesetzliche Verpflichtung zur Ausstrahlung hat. Damit ist die Ausstrahlung einer rundfunkrechtlichen Beurteilung zugänglich. Für die Beurteilung des Vielfaltsgebots bei Bundesratsansprachen gilt jedoch ein weniger strenger Massstab als bei anderen abstimmungsrelevanten Sendungen, weil diese einen besonderen Charakter haben: Sie dienen der Erfüllung der gesetzlichen Informationspflicht des Bundesrats gemäss Art. 10a Abs. 1 und 2 BPR, sind nicht von der SRG produziert oder inhaltlich verantwortet, und das Publikum erkennt sie als offizielle Stellungnahme des Bundesrats. Die Ansprache von Bundesrat Maurer war in eine breite und vielfältige Berichterstattung zur Frontex-Vorlage eingebettet, die in mehreren Sendungen wie "Echo der Zeit", "Rendez-vous" und "Forum" stattfand. Unter diesem weniger strengen Massstab verletzte die Ausstrahlung das Vielfaltsgebot nach Art. 4 Abs. 4 RTVG nicht. Der Entscheid der UBI stellte daher einen übermässigen Eingriff in die Programmautonomie der SRG dar, die durch Art. 17 Abs. 1 BV und Art. 93 Abs. 2 und 3 BV geschützt ist. Das Bundesgericht verwies darauf, dass die SRG nicht verpflichtet war, in der Anmoderation auf andere Sendungen hinzuweisen oder dem Referendumskomitee einen gleichwertigen Sendeplatz einzuräumen. Die Entscheidung stärkt die Autonomie der öffentlich-rechtlichen Medien bei der Gestaltung ihres Programms im Vorfeld von Volksabstimmungen und konkretisiert den anzuwendenden Massstab für die rundfunkrechtliche Beurteilung von Bundesratsansprachen.
Regeste
Art. 4 Abs. 4 RTVG; Art 17 Abs. 1, Art. 34 und 93 BV; Ansprache von Bundesrat Maurer im Radio SRF im Vorfeld der eidgenössischen Abstimmung zur "Frontex-Vorlage"; Vereinbarkeit der Ausstrahlung von Bundesratsansprachen im Vorfeld von eidgenössischen Abstimmungen durch die SRG mit dem rundfunkrechtlichen Vielfaltsgebot. Argumente der UBI und der SRG (E. 3). Die Beurteilung der Ausstrahlung von Bundesratsansprachen durch die SRG ist im rundfunkrechtlichen Verfahren zulässig (E. 4). Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Verhältnis zwischen dem Vielfaltsgebot und der Programmautonomie der konzessionierten Veranstalter im Vorfeld von Wahlen und Abstimmungen (E. 5). Bei der Prüfung des Vielfaltsgebots in Bezug auf Bundesratsansprachen kommt ein weniger strenger Massstab zur Anwendung als bei anderen abstimmungsrelevanten Sendungen (E. 6). Unter dem für Bundesratsansprachen anwendbaren Massstab verletzte die am 25. April 2022 im Radio SRF ausgestrahlte Ansprache von Bundesrat Maurer zur "Frontex-Vorlage" das rundfunkrechtliche Vielfaltsgebot nicht (E. 7). Regeste Art. 4 al. 4 LRTV; art. 17 al. 1, art. 34 et 93 Cst.; allocution du Conseiller fédéral Maurer à la radio SRF avant la votation fédérale sur le "projet Frontex"; compatibilité de la diffusion par la SSR d'allocutions du Conseil fédéral avant des votations fédérales avec l'obligation de diversité prévue par le droit de la radiodiffusion. Arguments de l'AIEP et de la SSR (consid. 3). L'évaluation de la diffusion des allocutions du Conseil fédéral par la SSR est admissible dans la procédure relevant du droit de la radiodiffusion (consid. 4). Jurisprudence du Tribunal fédéral concernant le rapport entre l'obligation de diversité et l'autonomie de programmation des diffuseurs titulaires d'une concession à la veille d'élections et de votations (consid. 5). Lors de l'examen de l'obligation de diversité des allocutions du Conseil fédéral, est appliqué un critère moins strict que pour d'autres émissions relatives aux votations (consid. 6). Selon le critère applicable aux allocutions du Conseil fédéral, celle du Conseiller fédéral Maurer sur le "projet Frontex", diffusée le 25 avril 2022 sur la radio SRF, n'a pas violé l'obligation de diversité prévue par le droit de la radiodiffusion (consid. 7). Regesto Art. 4 cpv. 4 LRTV; art. 17 cpv. 1, artt. 34 e 93 Cost.; allocuzione del Consigliere federale Maurer alla radio SRF prima della votazione federale sul "progetto Frontex"; compatibilità della diffusione da parte della SRG SSR delle allocuzioni del Consiglio federale prima delle votazioni federali con l'obbligo di pluralità previsto dal diritto sulla radiotelevisione. Argomenti dell'AIRR e della SRG SSR (consid. 3). L'esame della diffusione da parte della SRG SSR delle allocuzioni del Consiglio federale è ammissibile nella procedura prevista dal diritto sulla radiotelevisione (consid. 4). Giurisprudenza del Tribunale federale concernente il rapporto fra l'obbligo di pluralità e l'autonomia nei programmi degli emittenti titolari di concessioni prima delle elezioni e delle votazioni (consid. 5). Nell'esame dell'obbligo di pluralità in relazione alle allocuzioni del Consiglio federale si applica un criterio meno restrittivo rispetto ad altre trasmissioni relative alle votazioni (consid. 6). Secondo il criterio applicabile alle allocuzioni del Consiglio federale, l'allocuzione del Consigliere federale Maurer sul "progetto Frontex" diffusa alla radio SRF il 25 aprile 2022 non viola l'obbligo di pluralità previsto dal diritto sulla radiotelevisione (consid. 7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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