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Justizze. Art. 29a BV

Bundesgericht

Nutzerin klagt gegen Löschung ihres Instagram-Kommentars durch SRF News: UBI zuständig für Grundrechtseingriff bei Kommentarverwaltung im übrigen publizistischen Angebot (Art. 29a BV)

BGE / ATF / DTF
BGE 149 I 2 · ATF 149 I 2 · DTF 149 I 2
Datum
29.11.2022
Geschäftsnummer
2C_1023/2021
Abteilung
II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 42 BGG Art. 89 BGG Art. 95 BGG Art. 100 BGG Art. 106 BGG Art. 16 BV Art. 29a BV Art. 35 BV Art. 10 EMRK Art. 13 EMRK Art. 2 RTVG Art. 25 RTVG Art. 18 SRG-Konzession

Zusammenfassung

Eine Nutzerin beschwerte sich beim Bundesgericht gegen den Entscheid der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI), die nicht auf ihre Beschwerde gegen die Löschung ihres Kommentars auf Instagram durch SRF News eingetreten war. Sie argumentierte, die SRG sei als grundrechtsgebundene Veranstalterin bei der Moderation von Kommentaren im übrigen publizistischen Angebot (üpA) an die Meinungsfreiheit gebunden und die UBI müsse für solche Eingriffe zuständig sein. Die UBI und die SRG hielten dagegen, dass die Zuständigkeit für Kommentarlöschungen beim Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) liege und der zivilrechtliche Weg ausreiche. Es war streitig, ob die UBI für Beschwerden gegen die Löschung einzelner Kommentare zuständig ist und ob der zivilrechtliche oder aufsichtsrechtliche Rechtsweg den verfassungsrechtlichen Anforderungen an einen effektiven Individualrechtsschutz genügt.

Das Bundesgericht hob den Nichteintretensentscheid der UBI auf und verwies die Sache zur weiteren Prüfung an die Ombudsstelle SRG Deutschschweiz. Es stellte fest, dass die SRG bei der Löschung von Kommentaren im übrigen publizistischen Angebot (üpA) – insbesondere auf Social-Media-Plattformen wie Instagram – grundrechtsgebunden ist, weil diese Funktion in engem sachlichem Zusammenhang mit ihrem konzessionsrechtlichen Programm- und Leistungsauftrag steht und funktional dessen öffentlich-rechtliche Rechtsnatur teilt. Die Löschung eines Kommentars stellt daher einen Eingriff in die Meinungsfreiheit nach Art. 16 Abs. 2 BV dar, der einer gerichtlichen Überprüfung bedarf. Der zivilrechtliche Rechtsweg genügt nicht den Anforderungen von Art. 29a BV, weil die Streichung eines Kommentars regelmäßig keine Persönlichkeitsverletzung im Sinne von Art. 28 ff. ZGB oder eine strafrechtlich sanktionierte Ehrverletzung darstellt und es an einer zivilrechtlichen Anspruchsgrundlage für die Durchsetzung der Meinungsfreiheit fehlt. Auch das beim BAKOM mögliche allgemeine Aufsichtsverfahren gewährt keinen Individualrechtsschutz, da der Anzeiger dort regelmäßig keine Parteistellung erlangt und öffentliche Interessen, nicht aber individuelle Rechte durchgesetzt werden können. Die UBI ist daher zuständig, weil die Löschung eines Kommentars im üpA als wertender redaktioneller Akt anzusehen ist, der unter den Begriff der „redaktionellen Publikation“ gemäss Art. 2 lit. c RTVG fällt, und weil die UBI als fachkundiges Gericht den verfassungsrechtlichen Anforderungen an einen effektiven Rechtsweg nach Art. 29a BV am besten entspricht. Das Bundesgericht wies die Sache zur Vermittlung an die Ombudsstelle zurück, da deren Bericht Voraussetzung für ein Verfahren vor der UBI ist. Für das bundesgerichtliche Verfahren wurde die SRG verurteilt, die Beschwerdeführerin mit 4'000 Franken zu entschädigen; die Kosten wurden nicht erhoben. Diese Entscheidung klärt erstmals verbindlich die Zuständigkeit der UBI für Beschwerden gegen die Löschung einzelner Nutzerkommentare im Online-Angebot der SRG und stärkt den Individualrechtsschutz bei digitalen Meinungsplattformen öffentlich-rechtlicher Medien.

Regeste

Art. 10 und 13 EMRK; Art. 16, 29a, 35 und 93 Abs. 3 BV; Art. 2 lit. cbis, Art. 5a, 25 Abs. 3 lit. b, Art. 83 Abs. 1 lit. a und Art. 93 Abs. 1 und 95 Abs. 1 RTVG; Art. 28 ff. ZGB; Art. 1, 3, 5 Abs. 4 und Art. 18 der SRG-Konzession; Löschen eines Benutzerkommentars auf Instagram durch die SRG im übrigen publizistischen Angebot (üpA); Rechtsweg. Die SRG ist in ihrem übrigen publizistischen Angebot (üpA) grundrechtsgebunden; dies gilt - wegen des engen inhaltlichen Bezugs zwischen ihrem redaktionellen Beitrag und den Nutzer-Kommentaren dazu - auch, soweit sie solche gestützt auf ihre "Netiquette" streicht (E. 2). Da mangels Wirksamkeit weder der zivil-, straf- noch der aufsichtsrechtliche Rechtsweg in diesem Zusammenhang den Anforderungen von Art. 29a BV genügt, ist der verwaltungsrechtliche Rechtsweg über die Ombudsstelle SRG, der eine vermittelnde Funktion zukommt, an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) zu öffnen (E. 3). Die Vorgaben in der "Netiquette" sind im Einzelfall analog der Rechtsprechung zur Grundrechtsbindung der SRG im Werbebereich (BGE 139 I 306) zu handhaben (E. 4). Regeste Art. 10 et 13 CEDH; art. 16, 29a, 35 et 93 al. 3 Cst.; art. 2 let. cbis, art. 5a, art. 25 al. 3 let. b, art. 83 al. 1 let. a et art. 93 al. 1 et 95 al. 1 LRTV; art. 28 ss CC; art. 1, 3, 5 al. 4 et art. 18 de la concession SSR; suppression par la SSR d'un commentaire d'utilisateur sur Instagram dans le cadre de ses autres services journalistiques; voie de droit. Dans le cadre de ses autres services journalistiques, la SSR est tenue de respecter les droits fondamentaux; cela vaut également - en raison du lien étroit entre le contenu de sa contribution rédactionnelle et les commentaires des utilisateurs à ce sujet - lorsqu'elle supprime de tels commentaires sur la base de sa "nétiquette" (consid. 2). Etant donné que, faute d'efficacité, les voies de droit civil, droit pénal, et de surveillance ne satisfont pas aux exigences de l'art. 29a Cst. dans ce contexte, il convient d'ouvrir la voie de droit administratif auprès de l'organe de médiation de la SSR, qui a une fonction de conciliation, puis de l'Autorité indépendante d'examen des plaintes en matière de radio-télévision (AIEP) (consid. 3). Les directives contenues dans la "nétiquette" doivent être appliquées dans le cas d'espèce par analogie avec la jurisprudence relative au respect des droits fondamentaux par la SSR dans le domaine de la publicité (ATF 139 I 306) (consid. 4). Regesto Artt. 10 e 13 CEDU; artt. 16, 29a, 35 e 93 cpv. 3 Cost.; art. 2 lett. cbis, artt. 5a, 25 cpv. 3 lett. b e 83 cpv. 1 lett. a nonché artt. 93 cpv. 1 e 95 cpv. 1 LRTV; artt. 28 segg. CC; artt. 1, 3, 5 cpv. 4 e art. 18 della concessione SSR; soppressione da parte della SSR di un commento di un utente su Instagram nell'ambito della sua ulteriore offerta editoriale; vie di diritto. Per quanto concerne la sua ulteriore offerta editoriale, la SSR è tenuta a rispettare i diritti fondamentali; ciò vale anche - dato lo stretto legame tra il contenuto del suo contributo redazionale e i relativi commenti degli utenti - quando sopprime detti commenti sulla base della sua "netiquette" (consid. 2). Poiché in tale ambito, per mancanza di efficacia, i rimedi del diritto civile e penale come anche quello della vigilanza non adempiono le esigenze dell'art. 29a Cost., dev'essere aperta la via del reclamo presso l'Organo di mediazione della SSR, che funge da mediatore, poi quella del ricorso presso l'Autorità indipendente di ricorso in materia radiotelevisiva (AIRR) (consid. 3). Nel caso concreto le direttive contenute nella netiquette sono da trattare analogamente alla giurisprudenza concernente il rispetto dei diritti fondamentali da parte della SSR nel settore della pubblicità (DTF 139 I 306) (consid. 4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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