Kanton Zürich und OJPD äussern sich vor eidgenössischer Volksabstimmung zum NDG: Intervention des Kantons zulässig, jene der OJPD unzulässig (Art. 34 Abs. 1 und 2 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 143 I 78 · ATF 143 I 78 · DTF 143 I 78
- Datum
- 14.12.2016
- Geschäftsnummer
- 1C_455/2016
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 82 BGG Art. 88 BGG Art. 89 BGG Art. 100 BGG Art. 10a BPR Art. 77 BPR Art. 79 BPR Art. 34 BV Art. 141 BV Art. 189 BV Art. 6 NDG
Zusammenfassung
Daniel Salvatore Muster erhob Beschwerde gegen den Beschluss des Regierungsrats des Kantons Zürich vom 14. September 2016, mit dem dieser seine eigene Medienmitteilung zum Nachrichtendienstgesetz (NDG) verteidigte und die Beschwerde gegen die Medienmitteilung der Ostschweizer Justiz- und Polizeidirektoren (OJPD) sowie gegen die Abstimmungserläuterungen des Bundesrats mangels Zuständigkeit nicht behandelte. Der Beschwerdeführer beantragte die Aussetzung oder Ungültigerklärung der Abstimmung vom 25. September 2016, weil die Medienmitteilungen unzulässige Einmischungen in den Abstimmungskampf darstellten und unvollständig seien. Streitig war insbesondere, ob die Interventionen der kantonalen Behörden in einen eidgenössischen Abstimmungskampf zulässig sind und ob sie die Abstimmungsfreiheit verletzen.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten war. Es stellte fest, dass die Beschwerde gegen die Abstimmungserläuterungen des Bundesrats mangels Rechtsweg gemäss Art. 189 Abs. 4 BV nicht behandelt werden konnte, da diese Akte des Bundesrats grundsätzlich nicht angefochten werden dürfen. Die Beschwerde gegen die Medienmitteilung der OJPD war hingegen zulässig, doch stellte das Gericht fest, dass die OJPD keine besondere Betroffenheit im Sinne von Art. 34 Abs. 1 und 2 BV nachweisen konnte; ihre Intervention war daher unzulässig. Hingegen war die Medienmitteilung des Regierungsrats des Kantons Zürich zulässig, weil dieser aufgrund seines grössten Flughafens und Bahnhofs sowie seiner Funktion als Durchführungsort von Grossveranstaltungen eine unmittelbare und besondere Betroffenheit am Abstimmungsgegenstand aufwies. Die Medienmitteilung war sachlich und objektiv, da sie sich auf die terroristischen Bedrohungen konzentrierte und nicht irreführend war. Das Bundesgericht sah zudem keinen Grund für eine Aufhebung der Abstimmung, da das Ergebnis mit 65,5 % Ja-Stimmen sehr klar war und die unzulässige OJPD-Mitteilung keine entscheidende Beeinflussung des Abstimmungsergebnisses hätte bewirken können. Die Gerichtskosten wurden nicht erhoben.
Die Entscheidung klärt die Voraussetzungen für kantonale Interventionen in eidgenössische Abstimmungskämpfe und bekräftigt das Kriterium der besonderen Betroffenheit als zentrale Voraussetzung für deren Zulässigkeit. Sie bestätigt zugleich, dass die Abstimmungsfreiheit nach Art. 34 Abs. 1 und 2 BV auch bei Interventionen fremder Gemeinwesen gewahrt sein muss und dass solche nur dann zulässig sind, wenn ein unmittelbares und deutlich überdurchschnittliches Interesse am Abstimmungsgegenstand besteht.
Regeste
Art. 34 BV; behördliche Intervention im Abstimmungskampf. Ein Kanton darf in einen Abstimmungskampf auf Bundesebene eingreifen, wenn er am Ausgang der Abstimmung ein unmittelbares und besonderes Interesse hat. Ist die Intervention im Grundsatz zulässig, so ist der Kanton zwar zu Objektivität und Sachlichkeit verpflichtet, darf jedoch auch Stellung beziehen und muss nicht sämtliche für und wider eine Vorlage sprechenden Argumente darlegen (E. 4). Besondere Betroffenheit des Kantons Zürich in Bezug auf die Abstimmung über das Bundesgesetz über den Nachrichtendienst bejaht. Der Kanton Zürich erscheint v.a. angesichts stark frequentierter Verkehrsinfrastrukturen und publikumsintensiver Grossanlässe als gegenüber terroristischen Anschlägen besonders verletzlich. Ein interkantonales Fachorgan wie die Ostschweizer Justiz- und Polizeidirektoren (OJPD) ist dagegen zur Intervention im Namen der beteiligten Kantone nicht zuständig. Eine besondere Betroffenheit ist nicht ersichtlich (E. 5). Inhaltliche Prüfung der beanstandeten Medienmitteilung des Regierungsrats Zürich auf Objektivität und Sachlichkeit (E. 6). Regeste Art. 34 Cst.; intervention de l'autorité dans la campagne précédant une votation. Un canton peut intervenir dans la campagne précédant une votation fédérale dont l'issue présente pour lui un intérêt direct et particulier. Dans ce cas, il se doit d'être objectif, mais il peut prendre position et ne doit pas exposer tous les arguments parlant pour et contre le projet de loi soumis au vote (consid. 4). Le canton de Zurich peut se prévaloir d'une atteinte particulière en relation avec le scrutin relatif à la loi fédérale sur le renseignement car il est particulièrement exposé à des actes terroristes en raison du grand nombre d'infrastructures de transport très fréquentées et de manifestations de masse présentes ou organisées sur son territoire. En revanche, une organisation intercantonale telle que la Conférence des directeurs cantonaux de justice et police de Suisse orientale n'est pas légitimée à intervenir au nom des cantons concernés faute d'une atteinte particulière reconnaissable (consid. 5). Examen de l'objectivité du contenu du communiqué de presse litigieux du Conseil d'Etat du canton de Zurich (consid. 6). Regesto Art. 34 Cost.; intervento dell'autorità nella campagna che precede la votazione. Un Cantone può intervenire nella campagna precedente una votazione federale quando ha un interesse diretto e particolare all'esito della stessa. In tal caso, il Cantone è tenuto ad essere oggettivo, ma può anche prendere posizione e non deve esporre tutti gli argomenti a favore o contrari al progetto di legge sottoposto alla votazione (consid. 4). Il Cantone di Zurigo può prevalersi di un coinvolgimento particolare in relazione con lo scrutinio concernente la legge federale sulle attività informative. Esso appare particolarmente esposto al rischio di atti di terrorismo soprattutto in considerazione delle sue infrastrutture di trasporto molto frequentate e delle manifestazioni di massa affollate. Un organo intercantonale come la Conferenza dei direttori dei dipartimenti cantonali di giustizia e polizia della Svizzera orientale non è per contro legittimato ad intervenire in nome dei Cantoni partecipanti, non essendo ravvisabile un coinvolgimento particolare (consid. 5). Esame del contenuto del comunicato stampa litigioso del Consiglio di Stato del Cantone di Zurigo sotto l'aspetto dell'oggettività (consid. 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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