Staatssekretariat für Migration verweigert Zustimmung zur Aufenthaltsbewilligung trotz kantonalem Gerichtsurteil: Zustimmungsverfahren nach Art. 99 Abs. 2 AIG verfassungswidrig, aber weiterhin anwendbar (Art. 99 Abs. 2 AIG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 151 I 382 · ATF 151 I 382 · DTF 151 I 382
- Datum
- 01.01.2025
- Geschäftsnummer
- BGE 151 I 382
- Abteilung
- CH_BGE_001
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 99 AIG Art. 30 BV Art. 190 BV Art. 191c BV Art. 6 EMRK Art. 13 EMRK Art. 2 UNO-Pakt
Zusammenfassung
Ein irakischer Staatsangehöriger beantragte die Verlängerung seiner Aufenthaltsbewilligung. Das kantonale Verwaltungsgericht sprach sich dafür aus, doch verweigerte das Staatssekretariat für Migration (SEM) im anschliessenden Zustimmungsverfahren die Zustimmung. Dagegen erhob der Beschwerdeführer Beschwerde ans Bundesgericht. Streitpunkt war die Verfassungs- und Völkerrechtskonformität des Zustimmungsverfahrens nach Art. 99 Abs. 2 AIG, insbesondere ob es mit dem Gewaltenteilungsprinzip, der richterlichen Unabhängigkeit und dem Recht auf wirksamen Rechtsschutz vereinbar ist.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es stellte fest, dass das Zustimmungsverfahren nach Art. 99 Abs. 2 AIG zwar mit dem Gewaltenteilungsprinzip und dem Anspruch auf richterliche Unabhängigkeit gemäss Art. 30 Abs. 1 BV und Art. 191c BV unvereinbar ist, weil das SEM dadurch rechtskräftige kantonale Gerichtsurteile übersteuern kann. Dennoch bleibt die Norm gemäss Art. 190 BV für alle rechtsanwendenden Behörden massgebend. Hinsichtlich der Vereinbarkeit mit dem Recht auf wirksamen Rechtsschutz prüfte das Gericht Art. 13 EMRK, Art. 29 Abs. 1 BV und Art. 2 Abs. 3 UNO-Pakt II und kam zum Schluss, dass das Zustimmungsverfahren diesen Garantien nicht widerspricht: Die Wirksamkeit des Rechtsschutzes ergibt sich aus dem Gesamtsystem aller Rechtsbehelfe, und die Zwischenschaltung einer Verwaltungsinstanz verlängert zwar den Instanzenzug, beeinträchtigt aber nicht die grundsätzliche Wirksamkeit des Rechtsschutzes. Der Beschwerdeführer als irakischer Staatsangehöriger fällt zudem nicht in den persönlichen Geltungsbereich des Art. 11 FZA, sodass dieser keine Stütze bietet. Das Bundesgericht appellierte an den Gesetzgeber, die verfassungsrechtliche Problematik zu entschärfen, ohne die Anwendbarkeit der Norm im vorliegenden Fall zu beeinträchtigen.
Regeste
Art. 2 UNO-Pakt II; Art. 6 und 13 EMRK; Art. 29, 30, 190 und 191c BV; Art. 99 AIG; Prüfung der Kompetenz des Staatssekretariats für Migration (SEM), kantonalen Gerichtsurteilen die Zustimmung zu verweigern, auf ihre Verfassungs- und Völkerrechtskonformität hin. Streitgegenstand und anwendbares Recht (E. 3). Inhalt der Rechtsschutzgarantie gemäss Art. 13 EMRK und Verhältnis zu Art. 6 Ziff. 1 EMRK (E. 4.4.2, 4.4.3 und 4.5). Das in Art. 99 AIG vorgesehene Zustimmungsverfahren ist mit den aus Art. 13 EMRK fliessenden Vorgaben zur Struktur eines wirksamen Rechtsschutzsystems sowie mit den Konventionsgarantien der Waffengleichheit, der angemessenen Verfahrensdauer und der Rechtssicherheit vereinbar (E. 4.4.5, 4.5 und 4.6). Art. 99 AIG verstösst nicht gegen Art. 2 Abs. 3 UNO-Pakt II (E. 4.7). Die Befugnis des SEM, rechtskräftige Entscheide kantonaler Gerichtsinstanzen zu übersteuern, verletzt das Gewaltenteilungsprinzip und den Anspruch auf richterliche Unabhängigkeit (E. 4.9). Appell an den Gesetzgeber (E. 4.1 und 4.10). Regeste Art. 2 Pacte ONU II; art. 6 et 13 CEDH; art. 29, 30, 190 et 191c Cst.; art. 99 LEI; examen de la compétence du Secrétariat d'état aux migrations (SEM), au regard de la conformité au droit constitutionnel et au droit international public, de refuser d'approuver un arrêt d'une autorité judiciaire cantonale. Objet du litige et droit applicable (consid. 3). Contenu de la protection juridique conférée par l'art. 13 CEDH et rapport avec l'art. 6 par. 1 CEDH (consid. 4.4.2, 4.4.3 et 4.5). La procédure d'approbation prévue à l'art. 99 LEI est compatible avec l'exigence découlant de l'art. 13 CEDH de mise en place d'un système de protection juridique efficace, de même qu'avec les garanties conventionnelles d'égalité des armes et liées à la durée raisonnable de la procédure ainsi qu'à la sécurité du droit (consid. 4.4.5, 4.5 et 4.6). L'art. 99 LEI ne viole pas l'art. 2 par. 3 du Pacte ONU II (consid. 4.7). Le pouvoir du SEM de s'écarter d'une décision d'une instance judiciaire cantonale entrée en force viole la séparation des pouvoirs et le droit à un tribunal indépendant (consid. 4.9). Appel au législateur (consid. 4.1 et 4.10). Regesto Art. 2 Patto ONU II; art. 6 e 13 CEDU; art. 29, 30, 190 e 191c Cost.; art. 99 LStrI; esame della competenza della Segreteria di Stato della migrazione (SEM), nell'ottica della conformità al diritto costituzionale e al diritto internazionale pubblico, di rifiutare l'approvazione di sentenze di autorità giudiziarie cantonali. Oggetto di litigio e diritto applicabile (consid. 3). Contenuto della garanzia della protezione giuridica giusta l'art. 13 CEDU e rapporto con l'art. 6 n. 1 CEDU (consid. 4.4.2, 4.4.3 e 4.5). La procedura di approvazione prevista dall'art. 99 LStrI è compatibile sia con l'esigenza che deriva dall'art. 13 CEDU di prevedere un sistema efficace di protezione giuridica, che con le garanzie convenzionali di uguaglianza delle armi, di una durata ragionevole della procedura e della sicurezza del diritto (consid. 4.4.5, 4.5 e 4.6). L'art. 99 LStrI non lede l'art. 2 n. 3 del Patto ONU II (consid. 4.7). La facoltà della SEM di distanziarsi da decisioni di istanze giudiziarie cantonali cresciute in giudicato viola il principio della separazione dei poteri e il diritto a un tribunale indipendente (consid. 4.9). Appello al legislatore (consid. 4.1 e 4.10).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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