Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 63 AIG

Bundesgericht

Kosovarischer Staatsbürger mit altrechtlicher Niederlassungsbewilligung wird wegen strafrechtlicher Verurteilungen rückgestuft: Rückstufung unzulässig, da kein aktuelles Integrationsdefizit nach dem 1. Januar 2019 vorliegt (Art. 63 Abs. 2 AIG)

BGE / ATF / DTF
BGE 148 II 1 · ATF 148 II 1 · DTF 148 II 1
Datum
19.10.2021
Geschäftsnummer
BGE 148 II 1
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 34 AIG Art. 58a AIG Art. 58b AIG Art. 62 AIG Art. 63 AIG Art. 96 AIG Art. 99 AIG Art. 3 OA-DFGP Art. 62a VZAE Art. 77a VZAE Art. 77f VZAE Art. 85 VZAE Art. 3 ZV-EJPD

Zusammenfassung

Ein kosovarischer Staatsbürger mit einer vor dem 1. Januar 2019 erteilten Niederlassungsbewilligung war wiederholt straffällig, zuletzt im März 2018. Das kantonale Migrationsamt widerruf seine Niederlassungsbewilligung und erteilte ihm stattdessen eine Aufenthaltsbewilligung – eine sogenannte Rückstufung – mit der Begründung, er weise ein Integrationsdefizit auf. Der Betroffene erhob Beschwerde beim Bundesgericht und beantragte die Aufhebung der Rückstufung sowie die Belassung seiner Niederlassungsbewilligung. Streitig war insbesondere, ob die Rückstufung einer altrechtlichen Niederlassungsbewilligung zulässig ist, ob sie einem Zustimmungserfordernis des Staatssekretariats für Migration (SEM) unterliegt, ob Art. 63 Abs. 3 AIG der Rückstufung entgegensteht und ob ein hinreichend schwerwiegendes aktuelles Integrationsdefizit vorliegt.

Das Bundesgericht hob die Rückstufung auf und beliess die Niederlassungsbewilligung. Es stellte fest, dass für die Rückstufung einer altrechtlich erteilten Niederlassungsbewilligung ein aktuelles Integrationsdefizit von erheblichem Gewicht erforderlich ist, das sich nach dem 1. Januar 2019 manifestieren muss. Da die letzte strafrechtliche Verurteilung des Beschwerdeführers im März 2018 erfolgte und keine weiteren Delikte nach dem 1. Januar 2019 vorliegen, fehlt es an einem solchen aktuellen Defizit. Die Rückstufung verstösst zudem gegen das Verhältnismässigkeitsprinzip, weil der Beschwerdeführer seit 28 Jahren in der Schweiz lebt, mit seiner Familie hier verwurzelt ist, wirtschaftlich integriert ist und seit März 2018 keine weitere Straftat begangen hat. Die vom kantonalen Amt verlangte Zustimmung des SEM zur Erteilung der Aufenthaltsbewilligung widerspricht Art. 99 AIG, weil die Rückstufung als Einheit (uno actu) erfolgt und keine Neuerteilung darstellt. Art. 63 Abs. 3 AIG steht der Rückstufung nicht entgegen, da diese Regelung nur den Widerruf mit Wegweisung regelt und nicht auf die Rückstufung anwendbar ist. Das Bundesgericht verwies den Beschwerdeführer gemäss Art. 96 Abs. 2 AIG förmlich und machte deutlich, dass bei weiterer Delinquenz sowohl ein Widerruf mit Wegweisung als auch eine Rückstufung in Betracht kämen.

Die Entscheidung klärt zentral, dass die Rückstufung einer altrechtlichen Niederlassungsbewilligung nicht allein auf frühere, bereits abgeschlossene Delikte gestützt werden darf, sondern an ein nach Inkrafttreten der Integrationsbestimmungen eingetretene oder fortbestehende Verhaltensmuster anknüpfen muss. Sie stellt zugleich klar, dass die Rückstufung als eigenständige, präventive Massnahme verhältnismässig sein muss und nicht als mildere Alternative zum Widerruf mit Wegweisung missbraucht werden darf.

Regeste

Art. 34 Abs. 1, Art. 58a, Art. 62 Abs. 1 lit. d und g, Art. 63 Abs. 2 und 3, Art. 96 Abs. 2 und Art. 99 AIG; Art. 62a, Art. 77a ff. und Art. 85 Abs. 1 VZAE; Art. 3 lit. g ZV-EJPD; Rückstufung von einer altrechtlich erteilten Niederlassungs- auf eine Aufenthaltsbewilligung wegen eines Integrationsdefizits. Die Rückstufung, d.h. der Ersatz der Niederlassungs- durch eine Aufenthaltsbewilligung, ist grundsätzlich auch bei altrechtlich erteilten Niederlassungsbewilligungen zulässig (E. 2). Das Zustimmungserfordernis für die Erteilung der Aufenthaltsbewilligung durch das SEM widerspricht Art. 99 AIG (E. 3). Art. 63 Abs. 3 AIG steht einer Rückstufung grundsätzlich nicht entgegen (E. 4). Die Rückstufung muss bei einer altrechtlich erteilten Bewilligung an ein aktuelles Integrationsdefizit von einem erheblichen Gewicht anknüpfen; nur dann besteht ein hinreichendes öffentliches Interesse an der Rückstufung unter dem neuen Recht (E. 5). Im konkreten Fall fehlt es hieran; das Verhältnismässigkeitsprinzip gebietet deshalb, vor einer möglichen Rückstufung erst eine Verwarnung auszusprechen (E. 6). Regeste Art. 34 al. 1, art. 58a, art. 62 al. 1 let. d et g, art. 63 al. 2 et 3, art. 96 al. 2 et art. 99 LEI; art. 62a, art. 77a ss et art. 85 al. 1 OASA; art. 3 let. g OA-DFJP; rétrogradation d'une autorisation d'établissement délivrée sous l'ancien droit en une autorisation de séjour en raison d'un manque d'intégration. La rétrogradation, c'est-à-dire le remplacement de l'autorisation d'établissement par une autorisation de séjour, est en principe également possible pour les autorisations d'établissement délivrées sous l'ancien droit (consid. 2). L'exigence de l'approbation par le SEM pour l'octroi de l'autorisation de séjour est contraire à l'art. 99 LEI (consid. 3). L'art. 63 al. 3 LEI ne s'oppose en principe pas à une rétrogradation (consid. 4). S'agissant d'une autorisation délivrée sous l'ancien droit, la rétrogradation doit être liée à un manque d'intégration actuel d'une importance considérable; ce n'est qu'à cette condition qu'il existe un intérêt public suffisant à la rétrogradation sous le nouveau droit (consid. 5). Tel n'est pas le cas en l'espèce; le principe de proportionnalité impose donc de prononcer d'abord un avertissement avant une éventuelle rétrogradation (consid. 6). Regesto Art. 34 cpv. 1, art. 58a, art. 62 cpv. 1 lett. d e lett. g, art. 63 cpv. 2 e 3, art. 96 cpv. 2 e art. 99 LStrI; art. 62a, art. 77a segg. e art. 85 cpv. 1 OASA; art. 3 lett. g OA-DFGP; commutazione, per inadempimento dei criteri d'integrazione, di un permesso di domicilio rilasciato sotto l'egida del diritto previgente in un permesso di dimora. La commutazione, ossia la sostituzione di un permesso di domicilio con un permesso di dimora, è, in linea di principio, possibile anche per i permessi di domicilio concessi in base al vecchio diritto (consid. 2). Esigere l'approvazione della SEM per rilasciare il permesso di dimora disattende l'art. 99 LStrI (consid. 3). In linea di principio l'art. 63 cpv. 3 LStrI non si oppone a una commutazione (consid. 4). Trattandosi di un'autorizzazione rilasciata sotto l'egida del diritto previgente, la commutazione dev'essere legata ad un'attuale mancanza d'integrazione d'importanza significativa; soltanto in tal caso vi è un interesse pubblico sufficiente alla commutazione in base al nuovo diritto (consid. 5). Ciò non è il caso nella fattispecie; il principio della proporzionalità impone quindi di pronunciare in un primo momento un ammonimento prima di procedere a una commutazione (consid. 6).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.