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Justizze. Art. 25 ATSG

Bundesgericht

Invalidenrentner wird wegen Betrugs verurteilt: Rückforderung der zu Unrecht bezogenen Leistungen ist nicht verwirkt, da die relative Verwirkungsfrist erst mit Zugang des rechtskräftigen Strafurteils begann (Art. 25 Abs. 1 und 2 ATSG)

BGE / ATF / DTF
BGE 150 V 305 · ATF 150 V 305 · DTF 150 V 305
Datum
29.05.2024
Geschäftsnummer
BGE 150 V 305
Abteilung
CH_BGE_007
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 25 ATSG Art. 97 StGB Art. 146 StGB

Zusammenfassung

Ein Invalidenrentner wurde wegen gewerbsmässigen Betrugs verurteilt, weil er während des Bezugs einer 100-prozentigen Invalidenrente als Geschäftsführer in einer Autogarage gearbeitet hatte. Die Invalidenversicherungsstelle stellte daraufhin die Rente rückwirkend per 30. Juni 2006 ein und forderte die in der Zeit von Juli 2006 bis März 2012 ausbezahlten Beträge in Höhe von 261'572 Franken zurück. Der Betroffene erhob Beschwerde gegen die Rückforderungsverfügung und machte geltend, die relative Verwirkungsfrist sei bereits abgelaufen. Das kantonale Versicherungsgericht wies die Beschwerde ab. Der Betroffene legte Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten ans Bundesgericht.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es stellte fest, dass die Rente rückwirkend per 30. Juni 2006 eingestellt worden war und dieser Entscheid unangefochten in Rechtskraft erwachsen war; damit stand fest, dass die Leistungen im Zeitraum von Juli 2006 bis März 2012 unrechtmässig bezogen waren (Art. 25 Abs. 1 ATSG). Weil der Beschwerdeführer rechtskräftig wegen Betrugs verurteilt worden war, betrug die absolute Verwirkungsfrist gemäss Art. 25 Abs. 2 ATSG i.V.m. Art. 146 und Art. 97 Abs. 1 lit. b StGB 15 Jahre und war durch die Verfügung vom 22. Juni 2021 gewahrt. Für die relative Verwirkungsfrist entschied das Bundesgericht, dass die bisherige Praxis – wonach bei Rentenaufhebung stets die Rechtskraft der Aufhebungsverfügung den Fristenlauf auslöste – aufgegeben wird; künftig ist stets der Zeitpunkt massgebend, zu dem die Verwaltung bei gebotener und zumutbarer Aufmerksamkeit Kenntnis vom Rückforderungsanspruch hätte erlangen müssen. Im vorliegenden Fall war dies der frühestmögliche Zeitpunkt nach Zugang des rechtskräftigen Strafurteils am 8. Dezember 2020, da die IV-Stelle auf die Ergebnisse des Strafverfahrens angewiesen war und der Beschwerdeführer bis zuletzt konsequent geleugnet hatte. Die Rückforderungsverfügung vom 22. Juni 2021 erging daher rechtzeitig. Die Abkehr von der bisherigen Praxis stellt keine Rechtsverletzung dar, sondern eine notwendige Vereinheitlichung der Rechtsprechung zur Anwendung von Art. 25 Abs. 2 ATSG. Die Beschwerde ist deshalb unbegründet.

Regeste

Art. 25 Abs. 1 und 2 ATSG; Rückerstattung unrechtmässig bezogener Rentenleistungen. Die besondere Praxis zu Art. 25 Abs. 2 ATSG, wonach bei Rückforderung infolge einer Rentenaufhebung in der Regel die Rechtskraft der Rentenaufhebung als fristauslösendes Moment für den Lauf der relativen Verwirkungsfrist gilt, wird aufgegeben. Fortan soll der Beginn der Frist gemäss der mit BGE 110 V 304 eingeleiteten langjährigen Rechtsprechung stets anhand der konkreten Umstände des Einzelfalls, nach Massgabe der Kenntnisnahme bei gebotener und zumutbarer Aufmerksamkeit, ermittelt werden (E. 6). Regeste Art. 25 al. 1 et 2 LPGA; restitution de prestations de rente indûment perçues. La pratique particulière relative à l'art. 25 al. 2 LPGA, selon laquelle, en cas de demande de restitution consécutive à une suppression de rente, l'entrée en force de la décision de suppression de la rente est en règle générale considérée comme le moment déclencheur du délai de péremption relatif, est abandonnée. Dorénavant, le point de départ de ce délai doit être déterminé, conformément à la jurisprudence de longue date initiée avec l' ATF 110 V 304, sur la base des circonstances concrètes du cas d'espèce, en fonction de la prise de connaissance avec l'attention requise et raisonnablement exigible (consid. 6). Regesto Art. 25 cpv. 1 e 2 LPGA; restituzione delle prestazioni di rendita percepite indebitamente. La prassi specifica dell'art. 25 cpv. 2 LPGA in base alla quale, in caso di richiesta di restituzione in seguito alla soppressione di una rendita, la crescita in giudicato della soppressione della rendita vale di regola come l'inizio della decorrenza del termine di perenzione relativo, è abbandonata. D'ora in poi, in conformità con la giurisprudenza di lunga data introdotta con la DTF 110 V 304, l'inizio della decorrenza del termine dovrà essere determinato sulla base delle circostanze concrete del singolo caso, in funzione della presa di conoscenza secondo l'attenzione dovuta e ragionevolmente esigibile (consid. 6).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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