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Justizze. Art. 29a BV

Bundesgericht

Studierender mit kognitiven Einschränkungen reicht zweites Parkkarten-Gesuch ein: Keine res iudicata durch interne ETH-Beschwerdekommission, Kostenauflage wegen mutwilliger Prozessführung unzulässig (Art. 10 Abs. 2 BehiG)

BGE / ATF / DTF
BGE 150 I 195 · ATF 150 I 195 · DTF 150 I 195
Datum
01.01.2024
Geschäftsnummer
BGE 150 I 195
Abteilung
CH_BGE_001
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 61 ATSG Art. 29a BV Art. 30 BV Art. 10 BehiG Art. 37a ETH-Gesetz

Zusammenfassung

Ein Studierender mit kognitiven Einschränkungen beantragte 2020 und erneut 2021 bei der ETH Zürich eine Parkkarte für einen Blockkurs. Die ETH lehnte beide Gesuche ab. Gegen die erste Ablehnung legte der Studierende Beschwerde bei der ETH-Beschwerdekommission ein, deren Entscheid vom 16. September 2021 unangefochten blieb. Gegen die zweite Ablehnung erhob er erneut Beschwerde bei derselben Kommission, die daraufhin nicht eintrat und ihm Kosten wegen mutwilliger Prozessführung auferlegte. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte diese Kostenauflage. Der Studierende erhob Beschwerde an das Bundesgericht mit dem Antrag, die Kostenauflage aufzuheben.

Das Bundesgericht hob die Kostenauflage auf und hiess die Beschwerde gut. Es stellte fest, dass die ETH-Beschwerdekommission im September 2021 noch keine gerichtliche Behörde im Sinne von Art. 30 BV war, weil sie bis zum 1. November 2021 organisatorisch nicht hinreichend unabhängig von der ETH war. Daher konnte ihrem Entscheid vom 16. September 2021 keine materielle Rechtskraft (res iudicata) zukommen, denn nur Urteile gerichtlicher Behörden können im öffentlichen Recht diese Bindungswirkung entfalten; Verfügungen einer Verwaltungsbehörde tun dies nicht oder nicht in gleichem Umfang. Die Rechtsweggarantie nach Art. 29a BV gewährleistet dem Beschwerdeführer das Recht, seine Rechtsstreitigkeit zumindest einmal einem Gericht im Sinne von Art. 30 BV vorzulegen. Da die erste Beschwerde nicht vor einem solchen Gericht entschieden wurde, stand es dem Beschwerdeführer frei, seinen Anspruch erstmals einer gerichtlichen Überprüfung zuzuführen. Sein Verhalten war daher weder objektiv offensichtlich unbegründet noch subjektiv vorwerfbar im Sinne von Art. 10 Abs. 2 BehiG. Auch der unterbliebene Weiterzug des ersten Entscheids war sachlich gerechtfertigt, weil der Blockkurs aufgrund der Covid-19-Pandemie nicht vor Ort stattfand und ein Weiterzug daher nicht sinnvoll gewesen wäre. Damit hatte das Bundesverwaltungsgericht Art. 10 Abs. 2 BehiG bundesrechtswidrig angewendet. Die Kostenauflage wurde aufgehoben. Die Entscheidung klärt zentral, dass interne Beschwerdeinstanzen ohne richterliche Unabhängigkeit keine res iudicata begründen können und dass die Rechtsweggarantie einen Anspruch auf mindestens eine echte gerichtliche Überprüfung umfasst.

Regeste

Art. 10 Abs. 2 BehiG; Art. 30 und 29a BV; Art. 37a Abs. 1 ETH-Gesetz; Kostenpflicht bei mutwilligem oder leichtsinnigem Verhalten im Verfahren nach BehiG; materielle Rechtskraft im öffentlichen Recht; Anforderungen an ein Gericht nach Art. 30 BV. Die Kostenpflicht nach Art. 10 Abs. 2 BehiG wird ausgelöst durch mutwillige oder leichtsinnige Prozessführung (E. 5). Zwischen "mutwilliger" und "leichtsinniger" Prozessführung ist nicht zu unterscheiden. Die Kostenpflicht setzt eine objektive und eine subjektive Komponente voraus. In objektiver Hinsicht vertritt eine mutwillig oder leichtsinnig prozessierende Partei einen offensichtlich unbegründeten oder aussichtslosen Standpunkt. In subjektiver Hinsicht muss ihr dieses Vorgehen vorwerfbar sein (E. 5.6). Die erneute Verfahrensanhebung ist im konkreten Fall nicht als mutwillig bzw. leichtsinnig zu qualifizieren (E. 6): Im öffentlichen Recht können allenfalls dem Urteil einer gerichtlichen Behörde die Wirkungen der materiellen Rechtskraft zukommen. Die Verfügung einer Verwaltungsbehörde hingegen entfaltet nicht bzw. nicht in gleichem Umfang materielle Rechtskraftwirkungen (E. 6.3). Die ETH-Beschwerdekommission war im betreffenden Zeitpunkt keine gerichtliche Behörde (E. 6.5). Es liegt daher keine res iudicata vor. Die Rechtsweggarantie (Art. 29a BV) verleiht das Recht, eine Rechtsstreitigkeit zumindest einmal einem Gericht im Sinn von Art. 30 BV zu unterbreiten (E. 6.6 und 6.7). Regeste Art. 10 al. 2 LHand; art. 30 et 29a Cst.; art. 37a al. 1 de la loi sur les EPF; frais de procédure en cas de comportement téméraire ou de légèreté selon la LHand; autorité de la chose jugée matérielle en droit public; exigences que doit remplir un tribunal selon l'art. 30 Cst. L'obligation de prendre en charge des frais de procédure selon l'art. 10 al. 2 LHand naît lorsqu'un cas de témérité ou de légèreté dans la conduite du procès apparaît (consid. 5). Il n'y a pas lieu de faire une distinction entre témérité et légèreté. L'obligation de prendre en charge les frais de procédure présuppose que deux composantes, objective et subjective, soient réunies. D'un point de vue objectif, une partie agit avec témérité ou légèreté lorsque sa démarche est manifestement infondée ou vouée à l'échec. D'un point de vue subjectif, ce procédé doit pouvoir lui être reproché (consid. 5.6). Dans le cas d'espèce, le renouvellement de la demande ne peut pas être qualifié de téméraire ou considéré comme témoignant de légèreté (consid. 6): en droit public, le jugement d'une autorité judiciaire peut, le cas échéant, acquérir l'autorité de la chose jugée. En revanche, la décision d'une autorité administrative n'acquiert pas, ou à tout le moins pas dans la même mesure, l'autorité de la chose jugée matérielle (consid. 6.3). La commission de recours interne des EPF n'était, au moment pertinent, pas une autorité judiciaire (consid. 6.5). Il n'y a donc aucune res iudicata. La garantie de l'accès au juge (art. 29a Cst.) confère le droit de soumettre au moins une fois sa cause à un tribunal au sens de l'art. 30 Cst. (consid. 6.6 et 6.7). Regesto Art. 10 cpv. 2 LDis; art. 30 e 29a Cost.; art. 37a cpv. 1 della legge sui PF; spese di procedura in caso di comportamento temerario o di leggerezza secondo la LDis; autorità di cosa giudicata materiale in diritto pubblico; esigenze che un tribunale deve adempiere secondo l'art. 30 Cost. L'obbligo di sopportare le spese di procedura in virtù dell'art. 10 cpv. 2 LDis sorge in presenza di un caso di temerarietà o leggerezza nel comportamento nella direzione del processo (consid. 5). Non è necessario distinguere tra temerarietà e leggerezza. L'obbligo di sopportare le spese di procedura presuppone che due elementi, l'uno oggettivo e l'altro soggettivo, siano dati. Dal punto di vista oggettivo, una parte si comporta in modo temerario o con leggerezza qualora la sua richiesta è manifestamente infondata o destinata a essere respinta. Dal punto di vista soggettivo, questo comportamento deve poter esserle addebitato (consid. 5.6). Nel caso di specie, la ripetizione della richiesta non può essere qualificata come temeraria o considerata come un caso di leggerezza (consid. 6): in diritto pubblico, la decisione di un'autorità giudiziaria può acquisire, se del caso, la forza di cosa giudicata. La decisione di un'autorità amministrativa non acquisisce, o quantomeno non nella stessa misura, la forza di cosa giudicata materiale (consid. 6.3). La commissione di ricorso interna dei PF non era, al momento determinante, un'autorità giudiziaria (consid. 6.5). Non vi è dunque alcuna res iudicata. La garanzia della via giudiziaria (art. 29a Cost.) conferisce il diritto di sottoporre almeno una volta la propria causa a un tribunale ai sensi dell'art. 30 Cost. (consid. 6.6 e 6.7).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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