Kandidatin wechselt kurz nach Kantonsratswahl von GLP zur FDP: Schwere Irreführung über Listenzugehörigkeit bei Doppelproporzverfahren verletzt Wahlfreiheit (Art. 34 Abs. 2 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 151 I 41 · ATF 151 I 41 · DTF 151 I 41
- Datum
- 22.05.2024
- Geschäftsnummer
- 1C_223/2023
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Rückweisung
Tragende Normen
Art. 82 BGG Art. 88 BGG Art. 89 BGG Art. 29 BV Art. 29a BV Art. 34 BV
Zusammenfassung
Mehrere Stimmberechtigte des Kantons Zürich erhoben beim Bundesgericht Beschwerde gegen den Erwahrungsbeschluss des Kantonsrats, durch den die Wahl von Isabel Garcia als Mitglied des Kantonsrats bestätigt wurde. Sie machten geltend, Garcia habe sich bereits vor der Wahl entschieden, von der Grünliberalen Partei (GLP) zur FDP zu wechseln, was sie den Wählern verschwiegen habe. Da die Wahl nach dem Doppelproporzsystem erfolgte, sei die Listenzugehörigkeit für die Stimmabgabe zentral gewesen. Die Beschwerdeführenden beantragten die Aufhebung des Erwahrungsbeschlusses und die Feststellung einer Verletzung der politischen Rechte. Der Kantonsrat und Garcia wiesen die Beschwerde zurück.
Das Bundesgericht hat die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten gutgeheissen und die Sache an das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich überwiesen. Es stellte fest, dass ein Parteiwechsel unmittelbar nach der Wahl, bei dem kein sachlicher Grund genannt wird und der bereits vor der Wahl beschlossen worden sein könnte, eine schwere Irreführung der Stimmberechtigten darstellen kann, wenn die Listenzugehörigkeit im angewendeten Wahlsystem – hier dem kantonalen Doppelproporz – eine zentrale Rolle spielt. Denn bei diesem System werden die Sitze primär nach den Listenstimmen verteilt, und die Kandidierenden treten ausschliesslich auf einer Liste an. Eine solche Irreführung verletzt die Wahl- und Abstimmungsfreiheit gemäss Art. 34 Abs. 2 BV, da der Wille der Stimmberechtigten nicht mehr zuverlässig und unverfälscht zum Ausdruck kommt. Ob Garcia den Entschluss zum Parteiwechsel bereits vor der Wahl gefasst hatte, ist eine Tatsachenfrage, die nicht vom Bundesgericht als erste Instanz geklärt werden kann, sondern einer kantonalen Behörde obliegt. Das Bundesgericht verwies daher die Sache an das Verwaltungsgericht Zürich, weil der Kantonsrat als Rekursinstanz für Stimmrechtsfragen nicht geeignet ist, um diese Frage sachgerecht zu prüfen. Die Beschwerdeführenden hatten zwar die kantonalen Rechtsmittel nicht erschöpft, durften aber aufgrund des Vertrauens auf die frühere Rechtsprechung (BGE 135 I 19) auf die Beschwerde eintreten. Die Gerichtskosten von Fr. 1'000.-- wurden der Beschwerdegegnerin auferlegt. Diese Entscheidung präzisiert die Rechtsprechung zum Verhältnis von freiem Mandat und Wahlfreiheit und stellt erstmals klar, dass eine vorsätzliche Irreführung über die Listenzugehörigkeit bei Proporzwahlen eine Verletzung von Art. 34 Abs. 2 BV darstellen kann.
Regeste
Art. 34 Abs. 2 und Art. 161 Abs. 1 BV, Art. 52 Abs. 1 KV/ZH; Wahl des Zürcher Kantonsrats und Wahl von dessen Kommissionen; Parteiwechsel einer Kantonsrätin zwischen Wahltermin und Konstituierung des Parlaments. Nichteintreten auf die Beschwerde gegen die Wahl der parlamentarischen Kommissionen durch den Kantonsrat (E. 2). Die Beschwerdeführenden warteten den Erwahrungsbeschluss des Kantonsrats ab und fochten diesen an. Ihnen hätte jedoch nach der Publikation des Wahlergebnisses und trotz Ablauf der kantonalen Rekursfrist von Bundesrechts wegen zunächst der Stimmrechtsrekurs an den Kantonsrat und daraufhin die Beschwerde an das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich zur Verfügung gestanden (Art. 29 Abs. 1 i.V.m. Art. 29a BV, Art. 88 Abs. 2 BGG). Ausnahmsweises Eintreten auf die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten aus Vertrauensschutzerwägungen trotz fehlender Ausschöpfung der kantonalen Rechtsmittel (E. 3 und 4). Das Beschwerderecht nach Art. 89 Abs. 3 BGG steht nicht nur den im betroffenen Wahlkreis stimmberechtigten Personen zu, sondern allen, die bei den Kantonsratswahlen stimmberechtigt waren (E. 5). Grundsätzlich hat eine Person gestützt auf die Meinungsfreiheit (Art. 16 BV), die Vereinigungsfreiheit (Art. 23 BV), den Schutz der politischen Rechte (Art. 34 Abs. 1 BV) und das Prinzip des freien Mandats (Art. 161 Abs. 1 BV und Art. 52 Abs. 1 KV/ZH) die Freiheit, die Partei zu wechseln. Diese Freiheit findet jedoch ihre Grenze in der Wahl- und Abstimmungsfreiheit der Stimmberechtigten: Kandidierende, die bereits im Zeitpunkt der Wahl den festen Entschluss zum Parteiwechsel gefasst haben und dies verheimlichen, führen die Stimmberechtigten in die Irre. Die Information über einen solchen Entschluss ist für die Wahlberechtigten wesentlich. Anspruch auf gerichtliche Untersuchung bei entsprechenden Anzeichen (Art. 34 Abs. 2 und Art. 29a BV; E. 7-9). Regeste Art. 34 al. 2 et art. 161 al. 1 Cst., art. 52 al. 1 Cst./ZH; élection du Grand Conseil zurichois et de ses commissions; changement de parti d'une députée au Grand Conseil entre l'élection et la constitution du Parlement. Non-entrée en matière sur le recours contre l'élection des commissions parlementaires par le Grand Conseil (consid. 2). Les recourants ont attendu la décision de validation du Grand Conseil et l'ont attaquée. Toutefois, après la publication du résultat des élections et malgré l'expiration du délai de recours cantonal, le droit fédéral leur conférait la possibilité de former d'abord un recours en matière de droit de vote auprès du Grand Conseil, puis un recours auprès du Tribunal administratif du canton de Zurich (art. 29 al. 1 en relation avec l'art. 29a Cst., art. 88 al. 2 LTF). Entrée en matière à titre exceptionnel sur le recours en matière de droit public pour des motifs tirés de la protection de la confiance, malgré l'absence d'épuisement des voies de recours cantonales (consid. 3 et 4). La qualité pour recourir selon l'art. 89 al. 3 LTF n'appartient pas qu'aux personnes ayant le droit de vote dans la circonscription électorale concernée, mais à toutes celles qui avaient le droit de vote lors des élections du Grand Conseil (consid. 5). En principe, une personne a le droit de changer de parti en vertu de la liberté d'opinion (art. 16 Cst.), de la liberté d'association (art. 23 Cst.), de la protection des droits politiques (art. 34 al. 1 Cst.) et du principe du libre mandat (art. 161 al. 1 Cst. et art. 52 al. 1 Cst./ZH). Ce droit trouve toutefois sa limite dans la liberté de vote et d'élection des citoyens: les candidats qui ont déjà pris la ferme décision de changer de parti au moment de l'élection et qui cachent cette intention induisent les électeurs en erreur. L'information sur une telle décision est essentielle pour les électeurs. Droit à une enquête judiciaire en cas d'indices allant dans ce sens (art. 34 al. 2 et art. 29a Cst.; consid. 7-9). Regesto Art. 34 cpv. 2 e art. 161 cpv. 1 Cost., art. 52 cpv. 1 Cost./ZH; elezione del Gran Consiglio zurighese ed elezione delle sue Commissioni; cambio di partito di una granconsigliera tra la data dell'elezione e la costituzione del Parlamento. Inammissibilità del ricorso contro l'elezione delle commissioni parlamentari da parte del Gran Consiglio (consid. 2). I ricorrenti hanno atteso la decisione di accertamento dei risultati dell'elezione del Gran Consiglio e l'hanno impugnata. Tuttavia, dopo la pubblicazione dei risultati dell'elezione e nonostante la scadenza del termine di ricorso cantonale, il diritto federale conferiva loro la possibilità di inoltrare dapprima il ricorso in materia di diritto di voto al Gran Consiglio e, in seguito, il ricorso al Tribunale amministrativo del Canton Zurigo (art. 29 cpv. 1 in relazione con l'art. 29a Cost., art. 88 cpv. 2 LTF). Esame di merito, a titolo eccezionale, del ricorso in materia di diritto pubblico sulla base di considerazioni inerenti alla tutela dell'affidamento nonostante il mancato esaurimento dei rimedi di diritto cantonali (consid. 3 e 4). Il diritto di ricorso secondo l'art. 89 cpv. 3 LTF spetta non solo alle persone che avevano il diritto di voto nel circondario elettorale interessato, ma a tutte quelle che avevano il diritto di voto nelle elezioni del Gran Consiglio (consid. 5). In linea di principio, una persona ha il diritto di cambiare partito in virtù della libertà d'opinione (art. 16 Cost.), della libertà d'associazione (art. 23 Cost.), della tutela dei diritti politici (art. 34 cpv. 1 Cost.) e del principio del libero mandato (art. 161 cpv. 1 Cost. e art. 52 cpv. 1 Cost./ZH). Questa libertà trova tuttavia i suoi limiti nella libertà di voto e di elezione degli aventi diritto di voto; i candidati che al momento dell'elezione avevano già preso la ferma decisione di cambiare partito e che nascondono questa intenzione inducono in errore gli elettori. L'informazione su tale decisione è essenziale per gli elettori. Diritto a un'inchiesta giudiziaria quando vi sono indizi in tal senso (art. 34 cpv. 2 Cost. e art. 29a Cost.; consid. 7-9).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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