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Justizze. Art. 25 VwVG

Bundesgericht

Patient mit fortgeschrittenem Krebs erklärt SAMW-Richtlinien persönlich für unanwendbar: Kein Anspruch auf Feststellungsverfügung zur Klärung der Rechtsgültigkeit der Abwahl und der aufsichtsrechtlichen Folgen (Art. 25 und 25a VwVG)

BGE / ATF / DTF
BGE 151 I 19 · ATF 151 I 19 · DTF 151 I 19
Datum
01.01.2024
Geschäftsnummer
BGE 151 I 19
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 29a BV Art. 40 LPMed Art. 40 MedBG Art. 41 MedBG Art. 43 MedBG Art. 25 PA Art. 25a PA Art. 25 VwVG Art. 25a VwVG Art. 48 VwVG Art. 370 ZGB

Zusammenfassung

Ein Patient mit metastasierendem Bronchuskarzinom und Pankreaskarzinom stellte beim Gesundheitsamt des Kantons Bern ein Gesuch mit zwei Anträgen: Erstens, die schriftliche Bestätigung, dass seine persönliche Abwahl sämtlicher SAMW-Richtlinien für alle ihn behandelnden Ärzte rechtskräftig sei und diese daher bei seinen Behandlungen nicht angewendet werden dürften; zweitens, die Bestätigung, dass aus der blossen Nichtbeachtung dieser Richtlinien durch FMH-Mitglieder keine aufsichtsrechtlichen Verfahren oder Sanktionen folgen würden. Das Gesundheitsamt trat nicht ein, weil es sich nicht zuständig sah. Die Beschwerde gegen diesen Entscheid wurde vom kantonalen Verwaltungsgericht abgewiesen. Der Patient erhob daraufhin Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten ans Bundesgericht.

Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab. Es stellt fest, dass dem Beschwerdeführer kein schutzwürdiges Interesse am Erhalt einer Feststellungsverfügung fehlt, weil seine Abwahlerklärung bereits eine hinreichend klare rechtliche Ausgangslage für seine Behandlungsverhältnisse geschaffen hat. Die Abwahl erfolgte unmissverständlich im Rahmen seines verfassungsrechtlich garantierten Selbstbestimmungsrechts, und die ärztliche Behandlung muss stets den Willen des (hinreichend aufgeklärten) Patienten respektieren, da jeder Heileingriff ohne Einwilligung widerrechtlich ist. Zudem kann der Beschwerdeführer seine Präferenzen für den Fall der Urteilsunfähigkeit durch eine Patientenverfügung nach Art. 370 ff. ZGB absichern, was die Möglichkeit bietet, persönliche Werthaltungen festzulegen und das Selbstbestimmungsrecht auch dann durchzusetzen. Das zweite Begehren, eine Bestätigung, dass FMH-Mitglieder wegen Nichtbeachtung der SAMW-Richtlinien keine aufsichtsrechtlichen Massnahmen drohen, ist nicht verfügungsfähig: Es zielt auf eine abstrakte Rechtslage ohne Bezug zu einem hinreichend konkretisierten Sachverhalt ab und hätte Rechtssatzcharakter. Selbst wenn es auf konkrete Behandlungsverhältnisse bezogen wird, lässt sich ohne Bezugnahme auf die Umstände eines konkreten Einzelfalls keine regelungs- oder verfügungsfähige Aussage über die gesundheitsaufsichtsrechtliche Tragweite der SAMW-Richtlinien machen. Zudem ist der Beschwerdeführer weder in einer eigenen schützenswerten Rechtsposition betroffen noch hat er ein schutzwürdiges Interesse daran, die Berücksichtigung der Richtlinien durch die Aufsichtsbehörde bei künftigen Disziplinarverfahren zu verhindern, da solche Verfahren dem öffentlichen Interesse an der korrekten Berufsausübung dienen und nicht individuellen Bedürfnissen. Die Unsicherheit betrifft primär das Verhältnis zwischen Aufsichtsbehörde und Ärzteschaft und tangiert den Patienten nur indirekt und nicht mit der erforderlichen Intensität. Die Vorinstanz beging daher keine formelle Rechtsverweigerung. Die Entscheidung klärt präzise die Voraussetzungen für einen Anspruch auf Feststellungs- und Realaktverfügung im Verwaltungsverfahren und unterstreicht die Subsidiarität der Feststellungsverfügung gegenüber anderen Rechtsschutzmitteln.

Regeste

Art. 10 Abs. 2 und Art. 29a BV; Art. 25 und 25a VwVG; Art. 40 lit. c MedBG; Feststellungsbegehren betreffend die Verbindlichkeit einer persönlichen "Abwahl" der medizinethischen Richtlinien der Schweizerischen Akademie für medizinische Wissenschaften (SAMW) im Rahmen von Behandlungsverhältnissen sowie die aufsichtsrechtlichen Folgen der Nichtbeachtung dieser Richtlinien durch FMH-Mitglieder. Voraussetzungen des Anspruchs auf Erhalt einer Feststellungsverfügung (E. 6). Verhältnis zwischen Selbstbestimmungsrecht der Patienten und ärztlichen Berufspflichten im Allgemeinen (E. 7.2). Es besteht kein schutzwürdiges Interesse daran, feststellen zu lassen, ob ein Patient die medizinethischen Richtlinien der SAMW für die ihn behandelnden Ärzte rechtsgültig für unanwendbar erklären kann; die Abwahlerklärung schafft bereits eine hinreichend klare rechtliche Ausgangslage und lässt sich durch eine Patientenverfügung ergänzen (E. 7.3). Die aufsichtsbehördliche (Nicht-)Berücksichtigung der SAMW-Richtlinien anlässlich der allfälligen künftigen Ergreifung von Disziplinarmassnahmen gegenüber den Beschwerdeführer behandelnden FMH-Mitgliedern ist weder einer Feststellungs- noch einer Verfügung über Realakte zugänglich (E. 8). Regeste Art. 10 al. 2 et art. 29a Cst.; art. 25 et 25a PA; art. 40 let. c LPMéd; demande de constatation concernant le caractère contraignant, dans le cadre de relations thérapeutiques, d'un "rejet" personnel des directives médico-éthiques de l'Académie suisse des sciences médicales (ASSM) et les conséquences, en termes de droit de surveillance, du non-respect de ces directives par des membres de la FMH. Conditions du droit à l'obtention d'une décision de constatation (consid. 6). Rapport entre le droit à l'autodétermination des patients et les obligations professionnelles des médecins en général (consid. 7.2). Il n'y a pas d'intérêt digne de protection à faire constater si un patient peut valablement déclarer que les directives médico-éthiques de l'ASSM ne sont pas applicables aux médecins qui le traitent; la déclaration de rejet crée déjà une situation initiale juridique suffisamment claire et elle peut être complétée par une directive anticipée (consid. 7.3). La (non-)prise en compte par l'autorité de surveillance des directives de l'ASSM à l'occasion de l'éventuelle prise de mesures disciplinaires à l'encontre des membres de la FMH qui traiteront le recourant à l'avenir ne peut donner lieu ni à une décision en constatation, ni à une décision sur des actes matériels (consid. 8). Regesto Art. 10 cpv. 2 e art. 29a Cost.; artt. 25 e 25a PA; art. 40 lett. c LPMed; domanda di accertamento concernente il carattere obbligatorio, nell'ambito dei rapporti terapeutici, di un "rifiuto" personale delle direttive medico-etiche dell'Accademia svizzera delle scienze mediche (ASSM) e le conseguenze, dal profilo del diritto della vigilanza, del mancato rispetto di tali direttive da parte dei membri della FMH. Condizioni del diritto di ottenere una decisione di accertamento (consid. 6). Rapporto tra il diritto all'autodeterminazione dei pazienti e gli obblighi professionali dei medici in generale (consid. 7.2). Non sussiste alcun interesse degno di protezione nel far accertare se un paziente può validamente dichiarare che le direttive medico-etiche dell'ASSM sono inapplicabili ai medici che lo hanno in cura; la dichiarazione di rifiuto crea già una situazione giuridica di base sufficientemente chiara e può essere peraltro completata da direttive anticipate del paziente (consid. 7.3). La mancata presa in considerazione, da parte dell'autorità di vigilanza, delle direttive medico-etiche dell'ASSM in occasione di un'eventuale adozione, in futuro, di misure disciplinari nei confronti dei membri della FMH che avranno in cura il ricorrente non può dare luogo né a una decisione di accertamento né a una decisione circa atti materiali (consid. 8).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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