Ausschaffungshaft im Regionalgefängnis Moutier: 18-Stunden-Zelleneinschluss und fehlender Internetzugang verletzen Grundrechte (Art. 80 Abs. 4 und Art. 81 Abs. 2 AIG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 149 II 6 · ATF 149 II 6 · DTF 149 II 6
- Datum
- 01.06.2019
- Geschäftsnummer
- BGE 149 II 6
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Ein ausländerrechtlich festgehaltener Beschwerdeführer klagte gegen die Haftbedingungen im Regionalgefängnis Moutier. Streitig waren insbesondere die Dauer des Zelleneinschlusses (rund 18 Stunden täglich), der vollständige Ausschluss vom Internetzugang sowie das Verbot, private Mobiltelefone zu benutzen. Die Vorinstanz hatte die Beschwerde abgewiesen. Der Beschwerdeführer machte geltend, diese Bedingungen verstießen gegen verfassungsrechtliche Vorgaben und die Rückführungsrichtlinie.
Das Bundesgericht hiess die Beschwerde teilweise gut und hob das kantonale Urteil auf. Es stellte fest, dass ein Zelleneinschluss von rund 18 Stunden pro Tag bei Nichtarbeit für ausländerrechtlich Festgehaltene über das für den Sicherungszweck der Ausschaffungshaft Erforderliche hinausgeht und daher unverhältnismässig ist. Ebenso verletzt die generelle Verweigerung eines Internetzugangs die Meinungs- und Informationsfreiheit gemäss Art. 16 BV und Art. 10 EMRK, da ein zeitlich und örtlich beschränkter Zugang zum Internet zur Aufrechterhaltung sozialer Kontakte und zur Information über die Aussenwelt erforderlich ist und technisch möglich ist – wie in anderen Einrichtungen bereits praktiziert. Hingegen war die Beschränkung beim Gebrauch privater Mobiltelefone gerechtfertigt, weil die Hausordnung vorsieht, dass Geräte nur dann zugelassen werden dürfen, wenn sie keine Bild- und Tonaufnahmen ermöglichen; zudem stehen vier Telefonautomaten zur Verfügung. Die Haftbedingungen sind daher anzupassen, andernfalls ist der Beschwerdeführer innerhalb von fünf Tagen nach Zustellung des Urteils aus der Haft zu entlassen. Für das Bundesgerichtsverfahren hat der Kanton Bern die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers angemessen zu entschädigen. Das Urteil bestätigt und präzisiert die Anforderungen an die Haftbedingungen in administrativer Ausschaffungshaft, insbesondere hinsichtlich der Notwendigkeit einer grundrechtskonformen Gestaltung des Vollzugsregimes.
Regeste
Art. 16 Abs. 1 der Richtlinie 2008/115/EG (Rückführungsrichtlinie); Art. 80 Abs. 4 und Art. 81 Abs. 2 AIG (Fassung gemäss Ziff. I des Bundesgesetzes vom 14. Dezember 2018 [Verfahrensregelungen und Informationssysteme], in Kraft seit 1. Juni 2019); Haftbedingungen für ausländerrechtlich festgehaltene Personen; Zugang zum Internet. Bestätigung der Rechtsprechung (BGE 146 II 201), wonach ausländerrechtliche Festhaltungen grundsätzlich in einer speziellen, nur zu diesem Zweck bestimmten Vollzugsanstalt zu erfolgen haben (E. 4.1). Die baulichen, organisatorischen und personellen Gegebenheiten der Vollzugsinstitution sollen den administrativen Charakter der Festhaltung zum Ausdruck bringen. Die mit der Festhaltung verbundenen Beschränkungen der Grundrechte dürfen hinsichtlich der Erforderlichkeit - besondere Situationen im Einzelfall vorbehalten - nicht weiter gehen, als dies für den Vollzug der Weg-, Aus- oder Landesverweisung nötig ist (E. 4.2). Konkrete bauliche, organisatorische und personelle Verhältnisse im Regionalgefängnis Moutier (E. 4.3). Die Haftbedingungen sind im konkreten Fall anzupassen, soweit der Beschwerdeführer über 18 Stunden in einer Zelle eingeschlossen ist (E. 5.1). Der Anspruch ausländerrechtlich inhaftierter Personen auf angemessene soziale Kontakte und Kontaktmöglichkeiten nach aussen umfasst eine - allenfalls zeitlich und örtlich beschränkte - Zugriffsmöglichkeit auf das Internet (E. 5.2). Die Verweigerung des Gebrauchs von privaten Mobiltelefonen ist mit Blick auf die konkrete Regelung im Regionalgefängnis Moutier nicht unverhältnismässig (E. 5.3). Regeste Art. 16 par. 1 de la directive 2008/115/CE (directive sur le retour); art. 80 al. 4 et art. 81 al. 2 LEI (dans sa teneur selon ch. I de la loi fédérale du 14 décembre 2018 [Normes procédurales et systèmes d'information], en vigueur depuis le 1 er juin 2019); conditions de détention des personnes étrangères; accès à Internet. Confirmation de la jurisprudence (ATF 146 II 201) à teneur de laquelle les détentions relevant du droit des étrangers doivent en principe avoir lieu dans un établissement spécialisé, affecté exclusivement à cet effet (consid. 4.1). La construction, l'organisation et le personnel de l'établissement servant à l'exécution de la détention doivent refléter le caractère administratif de cette dernière. Les restrictions des droits fondamentaux liées à la détention ne doivent pas aller au-delà de ce qui est nécessaire à l'exécution du renvoi, de l'expulsion ou de l'expulsion pénale, sous réserve des circonstances particulières du cas d'espèce (consid. 4.2). Situation concrète en matière de construction, d'organisation et de personnel à la prison régionale de Moutier (consid. 4.3). Les conditions de détention doivent être adaptées au cas particulier dès lors que le recourant est placé en cellule pour une durée supérieure à 18 heures (consid. 5.1). Le droit des personnes détenues en application du droit des étrangers à des contacts sociaux appropriés et à des possibilités de contact avec l'extérieur comprend l'accès à Internet, qui peut éventuellement être limité dans le temps et dans l'espace (consid. 5.2). Le refus d'autoriser l'usage de téléphones portables privés n'est pas disproportionné au regard de la réglementation concrète en vigueur à la prison régionale de Moutier (consid. 5.3). Regesto Art. 16, paragrafo 1, della direttiva 2008/115/CE (direttiva sul rimpatrio); art. 80 cpv. 4 e art. 81 cpv. 2 LStrI (nel tenore secondo il n. I della legge federale del 14 dicembre 2018 [Norme procedurali e sistemi d'informazione], in vigore dal 1° giugno 2019); condizioni di carcerazione degli stranieri; accesso a Internet. Conferma della giurisprudenza (DTF 146 II 201) secondo la quale le carcerazioni in materia di diritto degli stranieri devono di principio avvenire in uno stabilimento speciale, adibito esclusivamente a tal fine (consid. 4.1). La struttura, l'organizzazione e il personale dello stabilimento adibito all'esecuzione della carcerazione devono riflettere il carattere amministrativo di quest'ultima. Le restrizioni ai diritti fondamentali connesse alla carcerazione non devono eccedere quanto necessario per l'esecuzione dell'allontanamento, dell'espulsione o dell'espulsione penale, riservate le circostanze particolari del singolo caso (consid. 4.2). Situazione concreta del carcere regionale di Moutier dal profilo della struttura, dell'organizzazione e del personale (consid. 4.3). Le condizioni della carcerazione devono essere adattate al caso particolare dal momento che il ricorrente è rinchiuso in cella per una durata superiore a 18 ore (consid. 5.1). Il diritto delle persone incarcerate in base al diritto degli stranieri ad avere dei contatti sociali appropriati e delle possibilità di contatto con l'esterno include l'accesso a Internet, che può eventualmente essere limitato nel tempo e nello spazio (consid. 5.2). Il rifiuto di autorizzare l'uso dei telefoni cellulari privati non è sproporzionato alla luce della regolamentazione concreta in vigore nel carcere regionale di Moutier (consid. 5.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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