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Justizze. Art. 36 BV

Bundesgericht

Kundgebung für Klimagerechtigkeit beim WEF 2023: Verbot der Kantonsstrasse unverhältnismässig, milderes Mittel nicht geprüft (Art. 36 BV)

BGE / ATF / DTF
BGE 151 I 257 · ATF 151 I 257 · DTF 151 I 257
Datum
01.01.2025
Geschäftsnummer
BGE 151 I 257
Abteilung
CH_BGE_001
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 89 BGG Art. 97 BGG Art. 111 BGG Art. 10 BV Art. 16 BV Art. 22 BV Art. 29 BV Art. 36 BV Art. 10 EMRK Art. 11 EMRK Art. 13 EMRK Art. 3a PolG/GR Art. 4 StrG/GR Art. 12 StrG/GR

Zusammenfassung

Der Organisator einer Marschkundgebung namens "Winterwanderung für Klimagerechtigkeit" beantragte für das WEF-Jahrestreffen 2023 eine Bewilligung zur Durchführung einer zweitägigen Wanderung, wobei der erste Tag über die Kantonsstrasse von Küblis nach Klosters Platz führen sollte. Die zuständigen kantonalen und kommunalen Behörden verweigerten die Benutzung der Kantonsstrasse und bewilligten stattdessen eine Route über Nebenstrassen und Wanderwege. Gegen diese Entscheide erhob der Organisator Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden, das sämtliche Beschwerden abwies. Dagegen legte er beim Bundesgericht Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten ein. Streitig war insbesondere, ob die Verschiebung der Route auf weniger publikumswirksame Wege einen unverhältnismässigen Eingriff in die Meinungs- und Versammlungsfreiheit darstellt und ob die Behörden die gesetzlichen Anforderungen an die Verhältnismässigkeit und die gesetzliche Grundlage eingehalten haben. Ferner wurde gerügt, dass die Behörden den Entscheid über das Gesuch erst wenige Tage vor der geplanten Kundgebung gefällt hätten.

Das Bundesgericht hob die Urteile des Verwaltungsgerichts des Kantons Graubünden auf und erklärte die Beschwerde für begründet. Es stellte fest, dass die Verschiebung der gesamten Kundgebungsroute von der Kantonsstrasse auf Nebenstrassen und Wanderwege einen unverhältnismässigen Eingriff in die verfassungs- und konventionsrechtlich garantierte Meinungs- und Versammlungsfreiheit darstellt. Die Vorinstanz hatte nicht geprüft, ob die Kundgebung unter Auflagen und Bedingungen zumindest abschnittsweise entlang der Kantonsstrasse hätte bewilligt werden können – etwa durch die Benutzung nur einer Fahrspur – was als milderes Mittel im Sinne des Verhältnismässigkeitsprinzips gemäss Art. 36 Abs. 3 BV hätte gelten müssen. Die kantonalen Behörden hatten zwar Sicherheitsbedenken geltend gemacht, insbesondere bezüglich der Verkehrssicherheit und der Funktion der Kantonsstrasse als Rettungsachse, doch waren diese Gründe nicht hinreichend konkret belegt; es fehlten etwa konkrete Anhaltspunkte dafür, dass Teilnehmende sich nicht an Auflagen halten würden oder dass der Verkehr tatsächlich zum Erliegen gekommen wäre. Zudem war die Zahl der angekündigten Teilnehmenden mit maximal 300 deutlich tiefer als bei einer früheren, bewilligten Kundgebung im Jahr 2020 mit über tausend Personen auf derselben Strecke, sodass die Übertragung negativer Erfahrungen nicht gerechtfertigt war. Auch die Verfahrensdauer wurde als unangemessen beurteilt: Obwohl die Behörden bereits am 16. Dezember 2022 festgestellt hatten, dass die Kantonsstrasse nicht genutzt werden darf, ergingen die formellen Verfügungen erst im Januar 2023, wenige Tage vor der Kundgebung am 14. und 15. Januar 2023, was eine Verletzung des Anspruchs auf Beurteilung innert angemessener Frist gemäss Art. 29 Abs. 1 BV darstellte. Die Gerichtskosten wurden der Beschwerdegegnerin auferlegt und der Beschwerdeführer erhielt eine Parteientschädigung von 5000 Franken. Das Urteil ist bemerkenswert, weil es klare Vorgaben für die Abwägung zwischen Versammlungsfreiheit und polizeilichen Interessen bei Kundgebungen auf öffentlichem Grund setzt und die Notwendigkeit einer konkreten, nachvollziehbaren Begründung für Sicherheitsvorbehalte betont.

Regeste

a Art. 16, 22 und 36 BV; Art. 10 und 11 EMRK; Bewilligung einer Marschkundgebung anlässlich des WEF-Jahrestreffens 2023 auf Nebenstrassen und Wanderwegen statt wie beantragt auf der Kantonsstrasse. Meinungs- und Versammlungsfreiheit bei der Bewilligung von Kundgebungen auf öffentlichem Grund (E. 3). Grundrechtsbeschränkung wegen verminderter Appellwirkung durch die Verschiebung der Kundgebungsroute bejaht (E. 4). Gesetzliche Grundlage für die Bewilligungspflicht (E. 3.4 und 5). Öffentliches Interesse an der Grundrechtsbeschränkung (E. 6). Der mit der Verschiebung der Route verbundene Eingriff in die Meinungs- und Versammlungsfreiheit erweist sich als unverhältnismässig, weil die Kundgebung unter Auflagen und Bedingungen zumindest abschnittsweise im Sinne eines milderen Mittels entlang der Kantonsstrasse hätte bewilligt werden können (E. 7 und 8). Regeste b Art. 89 Abs. 1 und Art. 111 BGG; Art. 13 EMRK; Art. 29 Abs. 1 BV; Rechtsschutz im Zusammenhang mit Kundgebungsbewilligungen. Trotz Fehlens eines aktuellen praktischen Interesses ist ein Eintreten auf eine Beschwerde im kantonalen und bundesgerichtlichen Verfahren geboten, wenn durch die EMRK geschützte Ansprüche zur Diskussion stehen (E. 2.2 und 9). Pflicht zur Beurteilung innert angemessener Frist; Feststellung der Rechtsverzögerung im Urteilsdispositiv (E. 10). Regeste a Art. 16, 22 et 36 Cst.; art. 10 et 11 CEDH; autorisation d'une marche de manifestation durant le Forum économique mondial (WEF) 2023 sur des routes secondaires et des sentiers de randonnée, et non pas sur la route cantonale comme demandé. Liberté d'opinion et de réunion lors de l'autorisation de manifester sur le domaine public (consid. 3). Atteinte à ces droits fondamentaux en raison d'un effet d'appel au public réduit lié au déplacement de l'itinéraire de la manifestation (consid. 4). Base légale de l'obligation d'autorisation (consid. 3.4 et 5). Intérêt public à l'atteinte à ces droits fondamentaux (consid. 6). Atteinte disproportionnée à la liberté d'opinion et de réunion liée au report de l'itinéraire, puisque, comme restriction moins grave, la manifestation aurait pu être autorisée le long de la route cantonale, au moins sur certains tronçons et sous certaines conditions (consid. 7 et 8). Regeste b Art. 89 al. 1 et art. 111 LTF; art. 13 CEDH; art. 29 al. 1 Cst.; protection juridique en rapport avec les autorisations de manifester. Malgré l'absence d'un intérêt pratique actuel, il convient d'entrer en matière sur un recours dans le cadre des procédures cantonale et fédérale lorsque des droits protégés par la CEDH sont en jeu (consid. 2.2 et 9). Obligation de statuer dans un délai raisonnable; constatation du retard injustifié dans le dispositif de l'arrêt (consid. 10). Regesto a Art. 16, 22 e 36 Cost.; art. 10 e 11 CEDU; autorizzazione di una marcia di manifestazione in occasione del Forum economico mondiale (WEF) 2023 su strade secondarie e sentieri pedestri invece che, come richiesto, sulla strada cantonale. Libertà di opinione e di riunione in materia di manifestazioni sul suolo pubblico (consid. 3). Restrizione dei diritti fondamentali a causa dell'effetto di richiamo limitato sul pubblico che comporta lo spostamento del percorso della manifestazione (consid. 4). Base legale dell'obbligo di autorizzazione (consid. 3.4 e 5). Interesse pubblico alla restrizione dei diritti fondamentali (consid. 6). L'ingerenza nella libertà di opinione e di riunione legata alla dislocazione dell'itinerario risulta sproporzionata, siccome, quale mezzo meno incisivo, la manifestazione avrebbe potuto essere autorizzata mediante oneri e condizioni perlomeno su tratti lungo la strada cantonale (consid. 7 e 8). Regesto b Art. 89 cpv. 1 e art. 111 LTF; art. 13 CEDU; art. 29 cpv. 1 Cost.; protezione giuridica in relazione con autorizzazioni di manifestare. Nonostante l'assenza di un interesse pratico attuale, si giustifica di entrare nel merito di un ricorso nella procedura cantonale e in quella dinanzi al Tribunale federale quando sono in discussione diritti tutelati dalla CEDU (consid. 2.2 e 9). Obbligo di statuire entro un termine ragionevole; accertamento della ritardata giustizia nel dispositivo della sentenza (consid. 10).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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