Gemeindeinitiative für erneuerbare Heizsysteme ab 2030: Ungültigerklärung wegen angeblichen Verstosses gegen Eigentumsgarantie aufgehoben (Art. 34 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 149 I 291 · ATF 149 I 291 · DTF 149 I 291
- Datum
- 03.05.2023
- Geschäftsnummer
- 1C_391/2022
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 82 BGG Art. 89 BGG Art. 95 BGG Art. 26 BV Art. 34 BV Art. 36 BV Art. 178 PBG Art. 145 StRG/LU
Zusammenfassung
Roman Bolliger erhob Beschwerde gegen das Urteil des Kantonsgerichts Luzern, das die Gemeindeinitiative "Hochdorf heizt erneuerbar - ab 2030 erst recht" für ungültig erklärt hatte. Die Initiative verlangte, dass in bestimmten Zonen der Gemeinde Hochdorf ab 2030 alle Heizungssysteme ausschliesslich auf erneuerbaren Energien beruhen müssen. Das Kantonsgericht hatte die Initiative insbesondere wegen eines angeblichen Verstosses gegen die Eigentumsgarantie (Art. 26 BV) und die kantonale Besitzstandsgarantie (§ 178 PBG/LU) für ungültig erklärt. Der Beschwerdeführer machte geltend, die Ungültigerklärung verletze seine politischen Rechte gemäss Art. 34 BV. Das Bundesgericht prüfte, ob die Initiative mit übergeordnetem Recht vereinbar ist.
Das Bundesgericht hob das Urteil des Kantonsgerichts Luzern auf und erklärte die Gemeindeinitiative für gültig. Es stellte fest, dass der Initiativtext eine behördenverbindliche Zielvorgabe mit geringer Normdichte darstellt, die nicht gegen übergeordnetes Recht verstösst. Insbesondere widerspricht die Initiative nicht § 9 KEnG/LU, da deren Wortlaut grundsätzlich die Einführung strengerer Vorschriften in bestimmten, in der Nutzungsplanung bezeichneten Gebieten zulässt. Auch der angebliche Verstoss gegen die Eigentumsgarantie (Art. 26 BV) und die kantonale Besitzstandsgarantie (§ 178 PBG/LU) wurde verneint: Die vorgesehene Regelung ist verhältnismässig, da sie sich auf ein gewichtiges öffentliches Interesse an der CO2-Reduktion und nachhaltigen Entwicklung (Art. 73 BV) stützen kann, die Übergangsfrist bis 2030 angemessen ist und die Gemeinde bei der Ausführungsgesetzgebung Spielraum hat, finanzielle Belastungen durch öffentliche Beiträge zu mildern. Zudem verlangt das kantonale Energiegesetz seit 2019 bereits die eigenverantwortliche Prüfung der Umstellung auf erneuerbare Energien, und Heizungen mit fossiler Energie müssen ohnehin durchschnittlich nach etwa 20 Jahren ersetzt werden. Damit ist die Initiative als zulässiger Grundsatzbeschluss zu werten, der der Volksabstimmung unterzogen werden muss.
Das Bundesgericht entschied aufgrund von Art. 82 lit. c BGG (Stimmrechtsbeschwerde), Art. 89 Abs. 3 BGG (Stimmberechtigung als Beschwerdeberechtigung), Art. 34 Abs. 1 BV (politische Rechte), Art. 26 Abs. 1 BV (Eigentumsgarantie), Art. 26 Abs. 2 BV (Entschädigungspflicht), Art. 36 Abs. 3 BV (Verhältnismässigkeit), § 145 Abs. 1 StRG/LU (Ungültigkeit von Volksbegehren) und § 145 Abs. 2 lit. f StRG/LU (rechtswidrige Vorlage).
Es wurden keine Gerichtskosten erhoben; das Kantonsgericht Luzern hat neu über die Kosten und Entschädigungen der vorinstanzlichen Verfahren zu entscheiden. Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klärt, dass eine kommunale Initiative, die lediglich eine behördenverbindliche Zielvorgabe enthält, nicht schon deshalb ungültig ist, weil sie keine konkreten Ausführungsvorschriften enthält – vielmehr ist es Sache der Behörden, diese im Rahmen der gesetzlichen Umsetzung zu schaffen.
Regeste
Art. 26, Art. 34 Abs. 1 und Art. 73 BV; kantonales Energiegesetz (KEnG/ LU) und baurechtliche Bestandesgarantie; Gültigkeit einer kommunalen Volksinitiative zur Umstellung aller Heizungssysteme auf die Nutzung erneuerbarer Energien bis 2030. Auslegung einer Volksinitiative zur Beurteilung ihrer Rechtmässigkeit (E. 3.3). Die Initiative "Hochdorf heizt erneuerbar - ab 2030 erst recht" enthält eine verbindliche Zielvorgabe und bezweckt einen Grundsatzbeschluss (E. 3.4). Vereinbarkeit mit § 9 KEnG/LU (E. 4) sowie mit der Eigentumsgarantie (Art. 26 BV) und § 178 PBG/LU (E. 5). Grundsätzlich vermittelt weder die Eigentumsgarantie noch die baurechtliche Bestandesgarantie einen Anspruch auf Beibehaltung einer einmal geltenden Rechtsordnung (E. 5.4-5.6). Die Zielsetzung der Initiative kann als Schritt in Richtung einer ökologisch nachhaltigen Entwicklung (Art. 73 BV) verstanden werden (E. 5.7). Die Verhältnismässigkeit der Eigentumsbeschränkung hängt in erster Linie von den mutmasslichen Kosten ab und davon, wer dafür aufzukommen hat. Den Behörden dürfte es möglich sein, in der für die Umsetzung der Initiative verbleibenden Zeit eine mit dem höherrangigen Recht vereinbare Regelung zu erlassen (E. 5.8 und 5.9). Die Ungültigerklärung der Initiative verletzt Art. 34 Abs. 1 BV (E. 6). Regeste Art. 26, art. 34 al. 1 et art. 73 Cst.; loi cantonale sur l'énergie (KEnG/LU) et garantie des droits acquis en matière de construction; validité d'une initiative populaire communale visant à convertir tous les systèmes de chauffage à l'utilisation d'énergies renouvelables d'ici 2030. Interprétation d'une initiative populaire pour juger de sa légalité (consid. 3.3). L'initiative "Hochdorf heizt erneuerbar - ab 2030 erst recht" contient un objectif contraignant et vise une décision de principe (consid. 3.4). Compatibilité avec le § 9 KEnG/LU (consid. 4) ainsi qu'avec la garantie de la propriété (art. 26 Cst.) et le § 178 PBG/LU (consid. 5). En principe, ni la garantie de la propriété ni la garantie des droits acquis en matière de construction ne confèrent un droit au maintien d'un ordre juridique une fois en vigueur (consid. 5.4-5.6). L'objectif de l'initiative peut être compris comme un pas en direction d'un développement durable écologique (art. 73 Cst.) (consid. 5.7). La proportionnalité de la restriction de la propriété dépend en premier lieu des coûts présumés et de qui doit les assumer. Les autorités devraient être en mesure d'édicter une réglementation compatible avec le droit supérieur dans le temps qui reste pour la mise en oeuvre de l'initiative (consid. 5.8 et 5.9). L'invalidation de l'initiative viole l'art. 34 al. 1 Cst. (consid. 6). Regesto Art. 26, art. 34 cpv. 1 e art. 73 Cost.; legge cantonale sull'energia (KEnG/LU) e tutela dei diritti acquisiti in materia edilizia; validità di un'iniziativa popolare comunale volta alla conversione di tutti i sistemi di riscaldamento con l'utilizzazione di energie rinnovabili entro il 2030. Interpretazione di un'iniziativa popolare per valutarne la sua legalità (consid. 3.3). L'iniziativa "Hochdorf heizt erneuerbar - ab 2030 erst recht" contiene un obiettivo vincolante e mira a una decisione di principio (consid. 3.4). Compatibilità con il § 9 KEnG/LU (consid. 4) nonché con la garanzia della proprietà (art. 26 Cost.) e il § 178 PBG/LU (consid. 5). Di massima, né la garanzia della proprietà né la tutela dei diritti acquisiti in materia edilizia conferiscono un diritto al mantenimento di un ordine giuridico una volta in vigore (consid. 5.4-5.6). L'obiettivo dell'iniziativa può essere compreso come un passo verso uno sviluppo ecologico sostenibile (art. 73 Cost.) (consid. 5.7). La proporzionalità della restrizione della proprietà dipende in primo luogo dai costi presunti e da chi deve assumerli. Per le autorità dovrebbe essere possibile, nel tempo rimanente per attuare l'iniziativa, di emanare una regolamentazione compatibile con il diritto superiore (consid. 5.8 e 5.9). L'invalidamento dell'iniziativa viola l'art. 34 cpv. 1 Cost. (consid. 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
Verwandte Entscheide
- SRG strahlt Bundesratsansprache zur Frontex-Vorlage aus: Vielfaltsgebot nicht verletzt, weniger strenger Massstab für Bundesratsansprachen (Art. 4 Abs. 4 RTVG)
- Ständeratswahl im Kanton Schaffhausen: Kein politischer Wohnsitz am Wahltag führt zur Aufhebung der Wahl (Art. 34 BV)
- Kandidatin wechselt kurz nach Kantonsratswahl von GLP zur FDP: Schwere Irreführung über Listenzugehörigkeit bei Doppelproporzverfahren verletzt Wahlfreiheit (Art. 34 Abs. 2 BV)
- Kantonsrat muss beschlossene Verfassungsänderung als formellen Gegenvorschlag zur Volksinitiative gegenüberstellen: Verletzung der Wahl- und Abstimmungsfreiheit bei gestaffelter Abstimmung (Art. 34 Abs. 2 BV)
- Kanton Uri begrenzt politische Kundgebungen auf 300 Teilnehmer während Pandemie: Verhältnismässigkeit der Polizeimassnahme zur Virusabwehr bestätigt (Art. 22 BV)
- Stimmberechtigte rügen Ständemehr und mangelhafte Information bei Volksabstimmung über Konzernverantwortungsinitiative: Beschwerden verspätet, Bundesgericht tritt nicht ein (Art. 77 Abs. 1 lit. b BPR)
- Kanton Zürich erklärt Urnenabstimmungsgesetz während Covid-19-Pandemie für dringlich: Einschränkung des Referendumsrechts gerechtfertigt, da Gesundheitsgefahr bei Gemeindeversammlungen und drohender Verwaltungsstillstand (Art. 37 Abs. 1 KV/ZH)
- Initiativkomitee zieht Volksinitiative nach Aufhebung der Abstimmung zurück: Rückzug bleibt wirksam, Wiederholungsabstimmung entfällt (Art. 73 Abs. 2 BPR)