Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 77 BPR

Bundesgericht

Stimmberechtigte rügen Ständemehr und mangelhafte Information bei Volksabstimmung über Konzernverantwortungsinitiative: Beschwerden verspätet, Bundesgericht tritt nicht ein (Art. 77 Abs. 1 lit. b BPR)

BGE / ATF / DTF
BGE 147 I 194 · ATF 147 I 194 · DTF 147 I 194
Datum
23.03.2021
Geschäftsnummer
BGE 147 I 194
Abteilung
CH_BGE_001
Ausgang
Nichteintreten

Tragende Normen

Art. 42 BGG Art. 106 BGG Art. 77 BPR Art. 34 BV Art. 77 LDP

Zusammenfassung

Mehrere Stimmberechtigte des Kantons Zürich erhoben beim Regierungsrat des Kantons Zürich Abstimmungsbeschwerden gegen das Ergebnis der eidgenössischen Volksabstimmung vom 29. November 2020 über die Konzernverantwortungsinitiative. Sie rügten einerseits das Erfordernis des Ständemehrs als verfassungswidrig und andererseits eine ungenügende Informationslage vor der Abstimmung, insbesondere durch die Abstimmungserläuterungen des Bundesrates und Aussagen von Bundes- und Parlamentsmitgliedern. Der Regierungsrat trat nicht auf die Beschwerden ein, weil sie verspätet seien und kantonsübergreifende Auswirkungen hätten. Dagegen erhoben die Beschwerdeführer Beschwerden an das Bundesgericht. Das Bundesgericht entschied nicht über die Frage, ob das Ständemehr oder die Informationslage verfassungswidrig sind.

Das Bundesgericht trat auf die Beschwerden nicht ein.

Die Beschwerden waren verspätet: Die Rüge gegen das Erfordernis des Ständemehrs hätte bereits vor der Abstimmung gegen die Abstimmungsanordnung erhoben werden müssen, da Mängel in der Vorbereitung von Wahlen und Abstimmungen sofort und vor der Durchführung des Urnengangs zu rügen sind; die nachträgliche Rüge ist daher verspätet und verwirkt. Auch die Rüge gegen die allgemeine Informationslage ist im Rahmen einer Abstimmungsbeschwerde nach Art. 77 Abs. 1 lit. b BPR nicht zulässig, da solche Beschwerden nur konkrete Unregelmässigkeiten innerhalb der Frist von drei Tagen nach Entdeckung des Beschwerdegrundes, spätestens aber am dritten Tag nach Veröffentlichung der Ergebnisse, geltend machen dürfen; die allgemeine Informationslage bildet lediglich den Hintergrund für die Prüfung konkreter Akte, nicht einen selbstständigen Gegenstand des Verfahrens. Eine nachträgliche, wiedererwägungsweise Überprüfung der Informationslage ist nur im Ausnahmefall zulässig, wenn gravierende, entscheidend beeinflussende Mängel geltend gemacht werden können, was hier nicht der Fall war. Zudem war die Rüge gegen eine Verletzung von Art. 8 BV und Art. 14 EMRK appellatorisch und nicht rechtsgenügend substantiiert gemäss Art. 42 Abs. 2 und Art. 106 Abs. 2 BGG, weshalb darauf ebenfalls nicht einzutreten war.

Die Entscheidung stützt sich auf Art. 77 Abs. 1 lit. b und Abs. 2 BPR, Art. 142 Abs. 2 BV, Art. 189 Abs. 4 BV, Art. 34 Abs. 2 BV sowie Art. 42 Abs. 2 und Art. 106 Abs. 2 BGG.

Das Bundesgericht hat keine Kostenentscheide getroffen, da es nicht in die Sache eintreten musste.

Die Entscheidung präzisiert die strenge Frist- und Formvorgabe für Abstimmungsbeschwerden und bestätigt, dass die allgemeine Informationslage vor einer eidgenössischen Volksabstimmung nur im außergewöhnlichen Fall eines nachträglichen, wiedererwägungsweisen Rechtsschutzes zum Gegenstand des Verfahrens gemacht werden kann.

Regeste

Art. 34, 142 Abs. 2, Art. 189 Abs. 4 BV, Art. 77 BPR; Eidgenössische Volksabstimmung über die Konzernverantwortungsinitiative; die Kritik am Erfordernis des Ständemehrs ist sofort gegen die Abstimmungsanordnung zu erheben. Die allgemeine Informationslage kann nur beim nachträglichen Rechtsschutz beanstandet werden. Mängel bei der Vorbereitung von Wahlen und Abstimmungen sind sofort und vor der Durchführung des Urnenganges zu rügen. Soll das Erfordernis des Ständemehrs infrage gestellt werden, ist die Abstimmungsanordnung anzufechten. Die Einschränkung der Stimmkraftgleichheit ist verfassungsrechtlich gewollt und für das Bundesgericht verbindlich (E. 3.3). Im Ausnahmefall, dass ein nachträglicher, wiedererwägungsweiser Rechtsschutz zulässig ist, kann die Informationslage im Vorfeld einer Volksabstimmung in allgemeiner Weise zum Gegenstand des Verfahrens gemacht werden (E. 4.1.1). Übersicht über die Lehre und die bundesgerichtliche Rechtsprechung (E. 4.1.2 und 4.1.3). Solange eine Abstimmungsbeschwerde nach Art. 77 Abs. 1 lit. b BPR möglich ist, kann die allgemeine Informationslage nicht mit einer Beschwerde wegen Verletzung politischer Rechte beanstandet werden (E. 4.1.4). Regeste Art. 34, 142 al. 2, art. 189 al. 4 Cst., art. 77 LDP; votation populaire fédérale sur l'initiative pour des multinationales responsables; la critique en lien avec l'exigence de la majorité des cantons doit être soulevée sans tarder, dès que l'objet de la votation est fixé. L'état d'information global du corps électoral peut uniquement être contesté dans le cadre d'une protection juridique rétrospective. Des vices affectant la préparation d'élections et de votations doivent être invoqués sans tarder avant la mise en oeuvre du scrutin. Si l'exigence de la majorité des cantons est remise en cause, c'est l'arrêté fixant l'objet de la votation qui doit être contesté. La restriction au principe de l'égalité des voix, qui découle de la règle de la majorité des cantons, a été voulue par le constituant et lie le Tribunal fédéral (consid. 3.3). Dans le cas exceptionnel où il existe la possibilité d'une protection juridique rétrospective dans le but d'obtenir la reconsidération de la validité d'un scrutin, des critiques portant sur l'état d'information avant la votation populaire peuvent généralement faire l'objet de la procédure (consid. 4.1.1). Aperçu général de la doctrine et de la jurisprudence du Tribunal fédéral (consid. 4.1.2 et 4.1.3). Tant qu'il est possible de former un recours touchant les votations au sens de l'art. 77 al. 1 let. b LDP, l'état d'information global du corps électoral ne peut pas être contesté par la voie d'un recours pour violation des droits politiques (consid. 4.1.4). Regesto Art. 34, 142 cpv. 2, art. 189 cpv. 4 Cost., art. 77 LDP; votazione popolare federale sull'iniziativa per delle multinazionali responsabili; la critica relativa all'esigenza della maggioranza dei Cantoni deve essere sollevata subito, contro l'organizzazione della votazione. Lo stato globale dell'informazione può essere contestato unicamente nell'ambito della protezione giuridica successiva. Delle irregolarità nella preparazione di elezioni e di votazioni devono essere invocate subito e prima dell'esecuzione dello scrutinio. Se è messa in discussione l'esigenza della maggioranza dei Cantoni, deve essere impugnata l'organizzazione della votazione. La restrizione dell'uguaglianza del valore dei voti è voluta dal diritto costituzionale ed è vincolante per il Tribunale federale (consid. 3.3). Nel caso eccezionale in cui sia ammissibile una protezione giuridica successiva, volta alla riconsiderazione dello scrutinio, lo stato dell'informazione precedente la votazione popolare può in generale essere oggetto della procedura (consid. 4.1.1). Panoramica della dottrina e della giurisprudenza del Tribunale federale (consid. 4.1.2 e 4.1.3). Fintanto che è possibile un ricorso sulla votazione giusta l'art. 77 cpv. 1 lett. b LDP, lo stato globale dell'informazione non può essere contestato mediante un ricorso per violazione dei diritti politici (consid. 4.1.4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

Verwandte Entscheide