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Justizze. Art. 34 BV

Bundesgericht

Kanton Zürich erklärt Urnenabstimmungsgesetz während Covid-19-Pandemie für dringlich: Einschränkung des Referendumsrechts gerechtfertigt, da Gesundheitsgefahr bei Gemeindeversammlungen und drohender Verwaltungsstillstand (Art. 37 Abs. 1 KV/ZH)

BGE / ATF / DTF
BGE 147 I 420 · ATF 147 I 420 · DTF 147 I 420
Datum
11.03.2021
Geschäftsnummer
BGE 147 I 420
Abteilung
CH_BGE_001
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 82 BGG Art. 34 BV Art. 37 Cost./ZH Art. 37 Cst./ZH

Zusammenfassung

Die Junge SVP Kanton Zürich, die Jungfreisinnigen Kanton Zürich und Camille Lothe erhoben beim Bundesgericht Beschwerde gegen die Dringlicherklärung des kantonalen Urnenabstimmungsgesetzes. Sie rügten, die Dringlichkeitsklausel verletze ihre politischen Rechte gemäss Art. 34 Abs. 1 BV, weil die Voraussetzungen für eine Dringlicherklärung nach Art. 37 Abs. 1 KV/ZH nicht erfüllt seien: das Gesetz betreffe keine wichtige Angelegenheit und es bestehe weder zeitliche noch sachliche Dringlichkeit. Die Beschwerdeführerinnen argumentierten insbesondere, dass Gemeindeversammlungen weiterhin zulässig seien und die Gesundheitsgefahr durch Schutzkonzepte beherrschbar sei, sodass eine Einschränkung des Referendumsrechts unverhältnismässig sei.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es stellte fest, dass die Dringlicherklärung des Urnenabstimmungsgesetzes im Lichte von Art. 37 Abs. 1 KV/ZH zulässig war. Im Herbst 2020 war die epidemiologische Lage im Kanton Zürich äusserst angespannt: Die 14-Tage-Inzidenz stieg vom 1. Oktober 2020 (61,07) auf den 23. November 2020 (633,29), die Hospitalisierungen und Todesfälle nahmen stark zu, und der Bundesrat hatte am 29. Oktober 2020 ein weitgehendes Versammlungsverbot erlassen. Angesichts dieser volatilen Lage bestand ein erhebliches Interesse daran, Versammlungsgemeinden rasch die Möglichkeit einzuräumen, finanzpolitische Beschlüsse wie Budget und Steuerfuss im Urnenverfahren zu fassen, da die üblichen Vorlaufzeiten eine Urnenabstimmung frühestens am 31. Januar 2021 ermöglichten und bis dahin die Gemeinden ohne beschlossenes Budget nur noch unerlässliche Ausgaben tätigen durften. Das Gesetz betraf daher eine wichtige Angelegenheit, da die Gesundheit der Stimmberechtigten bei Gemeindeversammlungen erheblich gefährdet war und die Beschluss- und Funktionsfähigkeit der Gemeinden akut bedroht war. Die Dringlichkeitsklausel ist restriktiv auszulegen, doch lagen hier zwingende ausserordentliche Gründe vor. Die Beeinträchtigung der Mitwirkungsrechte war eingegrenzt, da das Gesetz den Gemeindevorständen lediglich eine Befugnis zur Anordnung einer Urnenabstimmung einräumte, befristet war und selbst dem Referendum unterstellt blieb. Da die Dringlicherklärung vor Art. 37 Abs. 1 KV/ZH standhielt, war auch Art. 34 Abs. 1 BV nicht verletzt. Die Beschwerde nach Art. 82 lit. c BGG war zulässig, da politische Parteien mit juristischer Persönlichkeit im Kanton Zürich zur Stimmrechtsbeschwerde legitimiert sind und die 30-tägige Frist eingehalten wurde.

Die Entscheidung klärt die Voraussetzungen für die Dringlicherklärung kantonaler Gesetze in Krisenzeiten und bestätigt, dass eine pandemiebedingte Gefährdung der Gesundheit bei Volksversammlungen sowie die drohende Funktionsunfähigkeit kommunaler Organe zwingende ausserordentliche Gründe darstellen können, die eine zeitlich begrenzte Einschränkung des Referendumsrechts rechtfertigen.

Regeste

Art. 37 Abs. 1 KV/ZH; Art. 34 Abs. 1 BV; Voraussetzungen für die Dringlicherklärung eines kantonalen Gesetzes (Urnenabstimmungsgesetz/ZH). Mit der Dringlicherklärung werden die Referendumsrechte der Stimmberechtigten eingeschränkt; die Dringlichkeitsklausel ist restriktiv auszulegen (E. 2.3). Darstellung der Gesundheitssituation in Bezug auf die Covid-19-Pandemie im Zeitpunkt der Verabschiedung des Urnenabstimmungsgesetzes (E. 2.4). Angesichts der volatilen rechtlichen und gesundheitlichen Lage im Herbst 2020 bestand ein erhebliches Interesse an der sofortigen Inkraftsetzung des Gesetzes, namentlich um die Beschluss- und Funktionsfähigkeit der zürcherischen Gemeinden sicherzustellen; die zeitliche Dringlichkeit ist gegeben (E. 2.5). Das Urnenabstimmungsgesetz betrifft angesichts der erheblich gefährdeten Gesundheit der Stimmberechtigten bei der Durchführung von Gemeindeversammlungen eine wichtige Angelegenheit; es liegen zwingende ausserordentliche Gründe vor, die eine Dringlicherklärung rechtfertigen (E. 2.6.2). Die Gemeinden haben bei der Wahl des geeigneten Instruments der Beschlussfassung (Gemeindeversammlung oder Urne) das Verhältnismässigkeitsprinzip zu beachten (E. 2.7). Regeste Art. 37 al. 1 Cst./ZH; art. 34 al. 1 Cst.; conditions pour la déclaration d'urgence d'une loi cantonale (loi sur le vote à l'urne du canton de Zurich). La déclaration d'urgence restreint les droits de référendum des électeurs; la clause d'urgence doit être interprétée de façon restrictive (consid. 2.3). Présentation de la situation sanitaire concernant la pandémie de Covid-19 au moment de l'adoption de la loi sur le vote à l'urne (consid. 2.4). Face à la situation juridique et sanitaire fluctuante en automne 2020, il existait un intérêt considérable à la mise en vigueur immédiate de la loi, en particulier pour assurer le quorum et le bon fonctionnement des communes zurichoises; l'urgence de la situation est donnée (consid. 2.5). La loi sur le vote à l'urne concerne, au vu de la menace sérieuse pour la santé des électeurs lors de la mise en oeuvre d'assemblées communales, une cause importante; il existe des motifs impératifs et exceptionnels qui justifient une déclaration d'urgence (consid. 2.6.2). Les communes doivent tenir compte du principe de proportionnalité dans le choix des instruments adéquats pour les prises de décisions (assemblée communale ou urne) (consid. 2.7). Regesto Art. 37 cpv. 1 Cost./ZH; art. 34 cpv. 1 Cost.; condizioni per la dichiarazione d'urgenza di una legge cantonale (legge sulle votazioni per urna del Cantone Zurigo). Con la dichiarazione d'urgenza i diritti di referendum degli aventi diritto di voto vengono limitati; la clausola d'urgenza dev'essere interpretata in maniera restrittiva (consid. 2.3). Descrizione della situazione sanitaria in relazione alla pandemia Covid-19 al momento dell'adozione della legge sulle votazioni per urna (consid. 2.4). Considerata l'instabile situazione giuridica e sanitaria nell'autunno 2020, sussisteva un notevole interesse all'entrata in vigore immediata della legge, in particolare per garantire la capacità di deliberare e di funzionare dei comuni zurighesi; l'urgenza temporale è data (consid. 2.5). In considerazione della notevole minaccia per la salute degli aventi diritto di voto durante lo svolgimento delle assemblee comunali, la legge sulle votazioni per urna riguarda una questione importante; sussistono motivi imperativi ed eccezionali che giustificano una dichiarazione d'urgenza (consid. 2.6.2). Nella scelta del procedimento appropriato per le deliberazioni (assemblea comunale o urna), i comuni devono rispettare il principio di proporzionalità (consid. 2.7).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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