Ständeratswahl im Kanton Schaffhausen: Kein politischer Wohnsitz am Wahltag führt zur Aufhebung der Wahl (Art. 34 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 151 I 354 · ATF 151 I 354 · DTF 151 I 354
- Datum
- 01.01.2025
- Geschäftsnummer
- BGE 151 I 354
- Abteilung
- CH_BGE_001
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 42 BGG Art. 82 BGG Art. 88 BGG Art. 105 BGG Art. 106 BGG Art. 107 BGG Art. 3 BPR Art. 4 BPR Art. 34 BV Art. 39 BV Art. 150 BV Art. 40 KV/SH Art. 3 LDP Art. 1 ODP Art. 1 VPR Art. 44 VRG/SH Art. 4 WahlG/SH Art. 6 WahlG/SH Art. 16 WahlG/SH Art. 23 ZGB
Zusammenfassung
Peter Diethelm erhob gegen die Wahl von Simon Stocker in den Ständerat eine Stimmrechtsbeschwerde, weil dieser zum Zeitpunkt der Wahl vom 19. November 2023 keinen politischen Wohnsitz im Kanton Schaffhausen gehabt habe. Streitig war, ob Stocker am Wahltag seinen zivilrechtlichen Wohnsitz in Schaffhausen hatte, obwohl seine Ehefrau und sein Sohn in Zürich lebten und er dort überwiegend wohnte und arbeitete. Die Vorinstanz hatte den politischen Wohnsitz bejaht; das Bundesgericht prüfte diese Beurteilung unter Berücksichtigung der bindenden Sachverhaltsfeststellung. Der Beschwerdeführer beantragte neben der Aufhebung der Wahl auch die Erklärung von Thomas Minder als gewählt.
Das Bundesgericht hob die Wahl von Simon Stocker zum Ständerat auf, weil dieser am Wahltag vom 19. November 2023 keinen politischen Wohnsitz im Kanton Schaffhausen besaß. Der politische Wohnsitz setzt nach bundesrechtlichem Verständnis einen zivilrechtlichen Wohnsitz und eine Stimmregistereintragung voraus; letztere war gegeben, ersterer nicht. Nach den verbindlichen Feststellungen der Vorinstanz lebte Stocker mit seiner Ehefrau und seinem dreijährigen Sohn primär in einer gemeinsamen Wohnung in Zürich, arbeitete dort mehrheitlich in einem Co-Working-Space nahe dem Hauptbahnhof, und sein Sohn besuchte dort dreieinhalb Tage pro Woche eine Kita. Obwohl Stocker seit Anfang 2022 eine 2-Zimmer-Wohnung in Schaffhausen gemietet und sich dort angemeldet hatte, ergab die Gesamtheit der objektiven Umstände – insbesondere der Lebensmittelpunkt der ganzen Familie – keinen zivilrechtlichen Wohnsitz in Schaffhausen im Sinne von Art. 23 Abs. 1 ZGB. Eine Ausnahme nach Art. 1 lit. c VPR war nicht gegeben, da kein getrennter Wohnsitz vorlag. Das strikte Erfordernis des Wohnsitzes im Zeitpunkt der Wahl entspricht dem Willen des kantonalen Verfassungsgebers gemäss Art. 40 Abs. 1 KV/SH und Art. 46 KV/SH. Damit war die Wählbarkeitsvoraussetzung nach Art. 34 BV verletzt, die Wahl ungültig und aufzuheben (Art. 107 Abs. 2 BGG). Die Amtshandlungen Stockers bleiben jedoch ex nunc gültig (Art. 5 Abs. 2 und Art. 9 BV). Der Antrag, Thomas Minder als gewählt zu erklären, wurde abgewiesen, weil bei Mehrheitswahlen mangels gesetzlicher Regelung eine neue Wahl durchzuführen ist. Die Beschwerde war rechtzeitig erhoben, da die Wählbarkeitsvoraussetzung erst am Wahltag erfüllt sein muss (Art. 38 WahlG/SH). Dieses Urteil klärt die enge Verbindung zwischen zivilrechtlichem und politischem Wohnsitz und bestätigt die strikte Anwendung des Wohnsitzerfordernisses für Ständeratswahlen.
Regeste
Art. 34, 39 Abs. 1 und 2, Art. 150 Abs. 1 und 3 BV; Art. 3 Abs. 1 BPR; Art. 1 VPR; Ständeratswahl im Kanton Schaffhausen; Wohnsitzerfordernis für Kandidatur. Art. 34 BV gewährleistet das passive Wahlrecht (E. 1.1); Beginn der Beschwerdefrist bei angeblichem Fehlen einer Wählbarkeitsvoraussetzung (E. 1.3.2). Ständeratswahlen als kantonale Wahlen. Der bundesrechtliche Begriff des politischen Wohnsitzes setzt einen zivilrechtlichen Wohnsitz und einen Stimmregistereintrag voraus (E. 3.1). Er ist nach dem kantonalen Recht eine Wählbarkeitsvoraussetzung (E. 3.2). Frage des Wohnsitzes im Zeitpunkt der Wahl (E. 4.1); zivilrechtlicher Wohnsitzbegriff (E. 4.2). Aufgrund der verbindlichen Feststellungen der Vorinstanz bestand kein Wohnsitz in Schaffhausen (E. 5.1-5.5). Auslegung von Art. 1 lit. c VPR (E. 5.6); enge Verbindung zwischen zivilrechtlichem und politischem Wohnsitz (E. 5.7). Das strikte Erfordernis des Wohnsitzes im Zeitpunkt der Wahl entspricht dem Willen des kantonalen Verfassungsgebers (E. 5.8). Aufhebung der Wahl; Amtshandlungen, die Simon Stocker als Ständerat vorgenommen hat, bleiben gültig (Art. 5 Abs. 2, Art. 9 BV; E. 6). Zur Besetzung der Vakanz ist eine neue Wahl durchzuführen (E. 7). Regeste Art. 34, 39 al. 1 et 2, art. 150 al. 1 et 3 Cst.; art. 3 al. 1 LDP; art. 1 ODP; élection au Conseil des États dans le canton de Schaffhouse; condition de domicile pour se porter candidat. L'art. 34 Cst. garantit le droit d'éligibilité (consid. 1.1); début du délai de recours en cas d'absence présumée d'une condition d'éligibilité (consid. 1.3.2). Élections au Conseil des États en tant qu'élections cantonales. La notion de domicile politique du droit fédéral présuppose un domicile au sens du droit civil et une inscription au registre des électeurs (consid. 3.1). Le domicile politique constitue une condition d'éligibilité selon le droit cantonal (consid. 3.2). Question du domicile au moment de l'élection (consid. 4.1); notion de domicile au sens du droit civil (consid. 4.2). Sur la base des constatations de fait contraignantes de l'instance précédente, il n'y avait pas de domicile à Schaffhouse (consid. 5.1-5.5). Interprétation de l'art. 1 lit. c ODP (consid. 5.6); relation étroite entre le domicile au sens du droit civil et le domicile politique (consid. 5.7). L'exigence stricte du domicile au moment de l'élection correspond à la volonté du constituant cantonal (consid. 5.8). Annulation de l'élection; les actes officiels accomplis par Simon Stocker en tant que conseiller aux États restent valables (art. 5 al. 2, art. 9 Cst.; consid. 6). Une nouvelle élection doit être organisée pour repourvoir le poste vacant (consid. 7). Regesto Art. 34, 39 cpv. 1 e 2, art. 150 cpv. 1 e 3 Cost.; art. 3 cpv. 1 LDP; art. 1 ODP; elezioni al Consiglio degli Stati nel Cantone Sciaffusa; requisito del domicilio per la candidatura. L'art. 34 Cost. garantisce il diritto d'eleggibilità (consid. 1.1); inizio del termine di ricorso in caso di presunta mancanza di un requisito d'eleggibilità (consid. 1.3.2). Elezioni del Consiglio degli Stati quali elezioni cantonali. La nozione di domicilio politico del diritto federale presuppone un domicilio civile e l'iscrizione nel catalogo elettorale (consid. 3.1). Esso, secondo il diritto cantonale, costituisce una condizione d'eleggibilità (consid. 3.2). Questione del domicilio al momento dell'elezione (consid. 4.1); nozione di domicilio ai sensi del diritto civile (consid. 4.2). Sulla base degli accertamenti vincolanti dell'autorità precedente non sussisteva alcun domicilio a Sciaffusa (consid. 5.1-5.5). Interpretazione dell'art. 1 lett. c ODP (consid. 5.6); stretto legame tra il domicilio ai sensi del diritto civile e il domicilio politico (consid. 5.7). Il requisito rigoroso del domicilio al momento dell'elezione corrisponde alla volontà del Costituente cantonale (consid. 5.8). Annullamento dell'elezione; gli atti ufficiali compiuti da Simon Stocker quale Consigliere agli Stati rimangono validi (art. 5 cpv. 2, art. 9 Cost.; consid. 6). Per ricoprire il seggio vacante è necessario indire una nuova elezione (consid. 7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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