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Justizze. Art. 25 ATSG

Bundesgericht

Ausgleichskasse fordert Witwerrente nach Wiederverheiratung zurück: Rückforderungsverwirkung mit zumutbarer Kenntnisnahme der Behörde im Dezember 2016 (Art. 25 Abs. 2 ATSG)

BGE / ATF / DTF
BGE 148 V 217 · ATF 148 V 217 · DTF 148 V 217
Datum
05.04.2022
Geschäftsnummer
BGE 148 V 217
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 23 AHVG Art. 47 AHVG Art. 25 ATSG Art. 25 ATSG.

Zusammenfassung

Die Ausgleichskasse des Kantons Thurgau verlangte von einem ehemaligen Witwerrentenbezieher die Rückzahlung von Fr. 38'340.- für die Zeit vom 1. Juli 2015 bis 31. Mai 2019. Der Bezüger hatte sich am 11. Juni 2015 wieder verheiratet, wodurch sein Rentenanspruch gesetzlich erloschen war. Die Ausgleichskasse argumentierte, sie habe erst am 13. Mai 2019 von der Wiederverheiratung erfahren und sei daher fristgerecht vorgegangen. Das kantonale Verwaltungsgericht reduzierte die Rückforderung auf Fr. 9'815.-, weil es den Fristbeginn auf Dezember 2016 festsetzte, als die AHV-Zweigstelle von der Wiederverheiratung Kenntnis erlangt hatte. Die Ausgleichskasse erhob Beschwerde ans Bundesgericht mit dem Begehren, die volle Rückforderung durchzusetzen.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde der Ausgleichskasse ab und bestätigte die vom kantonalen Gericht festgesetzte Rückforderung von Fr. 9'815.-. Es stellte fest, dass der Rentenanspruch des Beschwerdegegners mit seiner Wiederverheiratung am 11. Juni 2015 gesetzlich erloschen war (Art. 23 Abs. 4 lit. a AHVG). Die Ausgleichskasse musste sich das Wissen der ihr unterstellten AHV-Zweigstelle anrechnen lassen, die am 23. Dezember 2016 von der Wiederverheiratung erfuhr und am 27. Dezember 2016 eine Mutationsmeldung versandte. Ab diesem Zeitpunkt ergab sich der Rückforderungstatbestand direkt aus den Akten, ohne dass weiterer Abklärungsbedarf bestand – ein „zweiter Anlass“ war daher nicht erforderlich. Die zumutbare Kenntnisnahme der leistungserbringenden Behörde lag damit bereits Ende Dezember 2016 vor, sodass die einjährige relative Verwirkungsfrist nach Art. 25 Abs. 2 erster Satz ATSG zu diesem Zeitpunkt begann. Da die Rückforderungsverfügung erst am 21. Mai 2019 erlassen wurde, war der Anspruch für alle Leistungen vor dem 21. Mai 2018 verwirkt. Nur die in den zwölf Monaten vor dieser Verfügung ausgerichteten Renten konnten noch zurückgefordert werden. Die Beschwerde war daher unbegründet.

Regeste

Art. 25 Abs. 2 erster Satz ATSG; Art. 23 Abs. 4 lit. a AHVG; Rückerstattung unrechtmässig bezogener Rentenleistungen; Auslösung der Verwirkungsfrist. Beruht die unrechtmässige Leistungsausrichtung auf einem Fehler der Verwaltung, so beginnt die relative Verwirkungsfrist erst beim sog. "zweiten Anlass". Hingegen ist bereits die zumutbare Kenntnisnahme fristauslösend, wenn sich die Unrechtmässigkeit der Leistungserbringung direkt aus den Akten ergibt, mithin hinsichtlich des Rückforderungstatbestands kein Abklärungsbedarf (mehr) besteht. Präzisierung der Rechtsprechung (E. 5). Im konkreten Fall Fristauslösung mit zumutbarer Kenntnisnahme der leistungserbringenden Behörde. Massgeblich ist der Zeitpunkt, in welchem die Wiederverheiratung des Bezügers einer Witwerrente Eingang in die Akten der Ausgleichskasse fand, nachdem bezüglich des von Gesetzes wegen erloschenen Rentenanspruchs keine ungeklärten Aspekte vorhanden waren. Eines "zweiten Anlasses" bedarf es unter diesen Umständen nicht (E. 6). Regeste Art. 25 al. 2, 1 re phrase, LPGA; art. 23 al. 4 let. a LAVS; restitution de rentes indûment perçues; point de départ du délai de péremption. Lorsque le versement indû de la prestation repose sur une erreur de l'administration, le délai de péremption relatif n'est pas déclenché par le premier acte incorrect de l'administration, mais il faut ce que l'on appelle une "deuxième cause". En revanche, lorsque l'illégalité de l'octroi de la prestation ressort directement du dossier et qu'il n'y a donc pas (ou plus) besoin de clarifier les éléments constitutifs de la demande de restitution, le délai commence à courir au moment déjà où l'administration aurait dû connaître ceux-ci, en faisant preuve de l'attention que l'on pouvait raisonnablement exiger d'elle. Précision de la jurisprudence (consid. 5). Dans le cas concret, déclenchement du délai au moment où l'autorité qui fournit les prestations aurait dû connaître les faits fondant l'obligation de restituer, en faisant preuve de l'attention que l'on pouvait raisonnablement exiger d'elle. Le moment déterminant est celui où l'information quant au remariage du bénéficiaire d'une rente de veuf a été versée au dossier de la caisse de compensation, sans qu'aucun aspect non clarifié ne subsiste concernant le droit à la rente qui s'est éteint de par la loi. Dans ces circonstances, une "deuxième cause" n'est pas nécessaire (consid. 6). Regesto Art. 25 cpv. 2 prima frase LPGA; art. 23 cpv. 4 lett. a LAVS; restituzione delle rendite riscosse indebitamente; decorrenza del termine di perenzione. Se l'erogazione della prestazione indebitamente versata è fondata su un errore dell'amministrazione, il termine relativo di perenzione non inizia dal primo atto amministrativo errato dell'amministrazione ma solo con la cosiddetta "seconda causa". D'altra parte, se l'illegalità della concessione della prestazione è direttamente evidente dall'incarto, ovvero non vi è (più) alcuna necessità di chiarire gli elementi costitutivi della domanda di restituzione, il termine comincia a decorrere già al momento in cui l'amministrazione avrebbe dovuto riconoscerli, facendo uso dell'attenzione che si poteva ragionevolmente esigere dalla stessa. Precisazione della giurisprudenza (consid. 5). Nel caso concreto, il termine decorre dal momento in cui l'autorità che eroga le prestazioni avrebbe dovuto conoscere gli elementi costitutivi dell'obbligo di restituzione, facendo uso dell'attenzione che si poteva ragionevolmente esigere dalla stessa. Il momento determinante è quello in cui l'informazione sul nuovo matrimonio del beneficiario di una rendita per vedovo è giunta agli atti della Cassa di compensazione, dopo che non vi erano aspetti irrisolti riguardo al diritto alla rendita decaduto per legge. In queste circostanze, non occorre che vi sia una "seconda causa" (consid. 6).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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