15-jährige reist mit Bruder in IS-Gebiet: materielle und personelle Unterstützung des Islamischen Staates liegt vor, Schuldspruch nach Al-Qaïda/IS-Gesetz bestätigt (Art. 2 Abs. 1 ELI_eli_cc_2001_452)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 IV 298 · ATF 148 IV 298 · DTF 148 IV 298
- Datum
- 11.04.2022
- Geschäftsnummer
- 6B_120/2021
- Abteilung
- Strafrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 95 BGG Art. 97 BGG Art. 100 BGG Art. 106 BGG Art. 1 JStG Art. 2 JStG Art. 14 JStG Art. 25 JStG Art. 32 JStG Art. 3 JStPO Art. 29 JStPO Art. 1 StGB Art. 2 StGB Art. 3 StGB Art. 21 StGB Art. 47 StGB Art. 135 StPO Art. 344 StPO
Zusammenfassung
Eine damals 15-jährige Jugendliche reiste im Dezember 2014 gemeinsam mit ihrem Bruder aus der Schweiz in das Gebiet des Islamischen Staates (IS) in Syrien. Sie lebte dort mehrere Monate, unterstützte den IS finanziell und erfüllte nach dessen Regeln die ihr als Frau zugewiesenen Aufgaben im Haushalt und in der Erziehung. Das Jugendgericht sprach sie der Widerhandlung gegen das Al-Qaïda/IS-Gesetz schuldig und verurteilte sie zu einer bedingten Freiheitsstrafe. Das Obergericht bestätigte das Urteil, verzichtete aber auf ambulante Massnahmen. Die Beschwerdeführerin beantragte beim Bundesgericht Freispruch, Entschädigung für Haft und elektronische Überwachung sowie für die Vorführung eines IS-Propagandavideos und unentgeltliche Rechtspflege. Streitig war insbesondere, ob das Al-Qaïda/IS-Gesetz auf ihr Verhalten anwendbar ist, ob die Tatbestandsvoraussetzungen erfüllt sind und ob sie einen Verbotsirrtum geltend machen kann.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte den Schuldspruch. Es stellte fest, dass das Al-Qaïda/IS-Gesetz vom 12. Dezember 2014 am 1. Januar 2015 in Kraft trat und daher auf das Verhalten der Beschwerdeführerin anwendbar ist, das sich zwischen Dezember 2014 und Dezember 2015 ereignete. Das Gesetz geht dem älteren Al-Qaïda-Verbot und dem NDG vor, weil es als jüngeres Spezialgesetz gilt und der Bundesrat bislang kein Verbot nach NDG erlassen hat. Der Tatbestand des Art. 2 Abs. 1 ELI_eli_cc_2001_452 ist erfüllt, weil die Beschwerdeführerin nicht nur das IS-Gebiet betrat, sondern sich über mehrere Monate aktiv in die Gesellschaft integrierte, finanziell unterstützte und die ihr zugewiesenen Aufgaben – wie Haushaltsführung, Englischunterricht für Kinder und Vollverschleierung – erfüllte. Damit lag eine personelle und materielle Förderung des IS im Sinne des Gesetzes vor. Der subjektive Tatbestand ist gegeben, da sie die Reise im klaren Bewusstsein der Gräueltaten des IS unternahm und sich bewusst als Mitglied der IS-Gesellschaft verhielt. Ein Verbotsirrtum nach Art. 21 StGB scheidet aus, weil sie selbst bei laienhafter Einschätzung wusste, dass ihr Verhalten der Rechtsordnung widersprach. Die Strafzumessung von zehn Monaten bedingter Freiheitsstrafe liegt im Rahmen des sachrichterlichen Ermessens; die Vorinstanz berücksichtigte korrekt den Strafrahmen nach Art. 25 Abs. 1 JStG i.V.m. Art. 1 lit. a JStG und rechnete die vorherige stationäre Beobachtung und offene Unterbringung angemessen an. Für die Entschädigungsbegehren besteht keine Grundlage, da der Freispruch abgelehnt wurde. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wurde gutgeheissen, weil die Beschwerdeführerin bedürftig ist und die Beschwerde nicht von vornherein aussichtslos war (Art. 64 Abs. 1 und 2 BGG). Der Rechtsvertreter wird mit Fr. 3'000.-- entschädigt. Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klärt, dass die bloße Präsenz im IS-Territorium nicht strafbar ist, aber die aktive Integration in die IS-Gesellschaft – auch ohne Kampfhandlungen oder direkte Gewalt – bereits die Tatbestandsvoraussetzungen des Al-Qaïda/IS-Gesetzes erfüllt.
Regeste
Anwendungsbereich von aArt. 260 ter Ziff. 1 bzw. Art. 260 ter Abs. 1 StGB, von Art. 2 Abs. 1 des "Al-Qaïda/IS-Gesetzes" vom 12. Dezember 2014 und von Art. 74 Abs. 4 NDG; Vereinbarkeit von Art. 2 Abs. 1 des Al-Qaïda/ IS-Gesetzes mit dem Legalitätsprinzip und dem Bestimmtheitsgebot; objektiver und subjektiver Tatbestand. Anwendbarkeit des Al-Qaïda/IS-Gesetzes bejaht, da das der Beschwerdeführerin vorgeworfene Verhalten in den zeitlichen Anwendungsbereich dieses Gesetzes fällt. Beim auf dem Dringlichkeitsweg erlassenen Al-Qaïda/IS-Gesetz handelt es sich um ein Gesetz im formellen Sinne, das dem in Art. 1 StGB verankerten Legalitätsprinzip gerecht wird. Offengelassen, ob das Verhalten der Beschwerdeführerin auch unter aArt. 260 ter StGB fällt (E. 6.4.1). Art. 74 Abs. 4 NDG geht Art. 2 des Al-Qaïda/IS-Gesetzes nicht vor, solange noch kein bundesrätliches Verbot von Al-Qaïda und des Islamischen Staats (IS) im Sinne von Art. 74 Abs. 1 NDG erlassen wurde und das Al-Qaïda/IS-Gesetz noch in Kraft ist (E. 6.4.2). Art. 2 Abs. 1 des Al-Qaïda/IS-Gesetzes ist mit dem in Art. 1 StGB verankerten Bestimmtheitsgebot vereinbar. Der Gesetzgeber wollte mit der Bestimmung alle Handlungen, die darauf abzielen, Al-Qaïda, den IS und verwandte Organisationen materiell oder personell zu unterstützen, unter Strafe stellen. Verlangt wird jedoch eine gewisse Tatnähe des Handelns zu den verbrecherischen Aktivitäten (E. 7.2). Die Beschwerdeführerin reiste mit ihrem Bruder aus ihrem radikalen Glauben heraus handelnd und im Wissen um die Gräueltaten des IS in das Gebiet des IS, wo sie während mehrerer Monate mit der finanziellen Unterstützung des IS lebte und als Mitglied der Gesellschaft am Leben des IS teilnahm, wobei sie die ihr nach den Regeln des IS als Frau zufallenden Aufgaben im Haus erfüllte. Darin liegt objektiv und subjektiv eine Unterstützung des IS im Sinne von Art. 2 Abs. 1 des Al-Qaïda/IS-Gesetzes (E. 7.4 und 7.5). Regeste Champ d'application de l'ancien art. 260 ter ch. 1, respectivement de l'art. 260 ter al. 1 CP, de l'art. 2 al. 1 de la loi fédérale interdisant les groupes "Al-Qaïda" et "Etat islamique" et les organisations apparentées du 12 décembre 2014 et de l'art. 74 al. 4 LRens; compatibilité de l'art. 2 al. 1 de la loi avec le principe de la légalité et l'exigence de précision; éléments constitutifs objectifs et subjectifs. Application de la loi interdisant les groupes "Al-Qaïda" et "Etat islamique" confirmée, parce que le comportement reproché à la recourante relève du champ d'application temporel de cette loi. La loi interdisant les groupes "Al-Qaïda" et "Etat islamique", adoptée par voie d'urgence, est une loi au sens formel, qui respecte le principe de la légalité ancré à l'art. 1 CP. La question de savoir si le comportement de la recourante tombe également sous le coup de l'ancien art. 260 ter CP peut rester ouverte (consid. 6.4.1). L'art. 74 al. 4 LRens ne prime pas l'art. 2 de la loi interdisant les groupes "Al-Qaïda" et "Etat islamique" tant qu'une interdiction fédérale d'Al-Qaïda et de l'Etat islamique (EI) au sens de l'art. 74 al. 1 LRens n'a pas été édictée par le Conseil fédéral et que la loi interdisant les groupes "Al-Qaïda" et "Etat islamique" est encore en vigueur (consid. 6.4.2). L'art. 2 al. 1 de la loi interdisant les groupes "Al-Qaïda" et "Etat islamique" est compatible avec l'exigence de précision de la base légale ancrée à l'art. 1 CP. Par cette disposition, le législateur voulait réprimer tous les actes qui visent à fournir à Al-Qaïda, à l'EI et aux organisations apparentées un soutien matériel ou personnel. Une certaine proximité entre le comportement en cause et les activités criminelles de l'organisation interdite est toutefois exigée (consid. 7.2). La recourante s'est rendue, en raison de sa foi radicale et en connaissance des atrocités commises par l'EI, avec son frère sur le territoire régi par l'EI, où elle a vécu pendant plusieurs mois avec le soutien financier de l'EI et a participé à la vie de l'EI en tant que membre de la société, tout en accomplissant les tâches qui lui incombaient dans la maison en tant que femme selon les règles de l'EI. Il s'agit là objectivement et subjectivement d'un soutien à l'EI au sens de l'art. 2 al. 1 de la loi interdisant les groupes "Al-Qaïda" et "Etat islamique" (consid. 7.4 et 7.5). Regesto Campo d'applicazione del previgente art. 260 ter n. 1 rispettivamente dell'art. 260 ter cpv. 1 CP, dell'art. 2 cpv. 1 della legge federale che vieta i gruppi "Al-Qaïda" e "Stato islamico" nonché le organizzazioni associate (di seguito: legge Al-Qaïda/Stato islamico) del 12 dicembre 2014, nonché dell'art. 74 cpv. 4 LAIn; compatibilità dell'art. 2 cpv. 1 della legge Al-Qaïda/Stato islamico con il principio della legalità e con quello della determinatezza del diritto penale; elementi costitutivi oggettivi e soggettivi del reato. Applicabilità della legge Al-Qaïda/Stato islamico ammessa, dal momento che il comportamento rimproverato alla ricorrente rientra nel campo di applicazione temporale di questa legge. La legge Al-Qaïda/Stato islamico, emanata in via d'urgenza, costituisce una legge in senso formale che soddisfa il principio della legalità ancorato all'art. 1 CP. Lasciata indecisa la questione di sapere se il comportamento della ricorrente sia punibile anche in virtù del previgente art. 260 ter CP (consid. 6.4.1). L'art. 74 cpv. 4 LAIn non prevale sull'art. 2 della legge Al-Qaïda/Stato islamico fintantoché non sia sancito dal Consiglio federale il divieto di Al-Qaïda e dello Stato islamico sulla base dell'art. 74 cpv. 1 LAIn e la legge Al-Qaïda/Stato islamico sia ancora in vigore (consid. 6.4.2). L'art. 2 cpv. 1 della legge Al-Qaïda/Stato islamico rispetta il principio della determinatezza del diritto penale ancorato all'art. 1 CP. Con tale disposizione, il legislatore intendeva punire tutti gli atti che mirano a sostenere materialmente o con risorse di personale Al-Qaïda, lo Stato islamico e le organizzazioni associate. È tuttavia necessaria una certa attinenza dell'atto con le attività criminali (consid. 7.2). Spinta da convinzioni radicali e cosciente delle atrocità commesse dallo Stato islamico, la ricorrente si è recata con suo fratello nel territorio controllato dallo Stato islamico, dove ha vissuto per vari mesi con il sostegno finanziario di quest'ultimo e ha partecipato alla vita dello Stato islamico come membro della comunità, svolgendo le mansioni domestiche che le competevano in quanto donna secondo le regole dello Stato islamico. Tutto ciò costituisce, oggettivamente e soggettivamente, un sostegno allo Stato islamico ai sensi dell'art. 2 cpv. 1 della legge Al-Qaïda/ Stato islamico (consid. 7.4 e 7.5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.