Justizze.

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Justizze. Art. 5 JStG

Bundesgericht

Jugendlicher beansprucht Entschädigung für Überhaft bei vorsorglicher geschlossener Unterbringung: Kein Anspruch, da Schutzmassnahme schuldunabhängig und erzieherisch motiviert ist (Art. 5 i.V.m. Art. 15 JStG)

BGE / ATF / DTF
BGE 148 IV 419 · ATF 148 IV 419 · DTF 148 IV 419
Datum
25.08.2022
Geschäftsnummer
BGE 148 IV 419
Abteilung
CH_BGE_006
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 1 JStG Art. 2 JStG Art. 5 JStG Art. 15 JStG Art. 18 JStG Art. 32 JStG Art. 3 JStPO Art. 56 StGB Art. 431 StPO

Zusammenfassung

Ein Jugendlicher war im Rahmen eines Strafverfahrens vorsorglich in einer geschlossenen Erziehungseinrichtung untergebracht worden. Nachdem er mehrfach aus Einrichtungen geflohen und sich der Massnahme widersetzt hatte, verbrachte er längere Zeit in verschiedenen Gefängnissen als Sicherungshaft. Das Jugendgericht rechnete die gesamte Dauer der Unterbringung – inklusive vorsorglicher geschlossener Unterbringung und Sicherungshaft – von 637 Tagen auf die ausgesprochene Freiheitsstrafe von sieben Monaten an und verneinte einen Entschädigungsanspruch. Der Jugendliche erhob Beschwerde in Strafsachen mit der Behauptung, die Überhaft von 427 Tagen stelle eine Untersuchungshaft dar und berechtige zur Entschädigung nach Art. 431 Abs. 2 StPO i.V.m. Art. 51 und 110 Abs. 7 StGB. Er machte zudem geltend, die Vollzugsmodalitäten seien verhältnismässig gewesen.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es entschied, dass die vorsorgliche geschlossene Unterbringung nach Art. 5 i.V.m. Art. 15 JStG keine Untersuchungshaft im Sinne von Art. 431 Abs. 2 StPO i.V.m. Art. 51 und Art. 110 Abs. 7 StGB darstellt, weil sie schuldunabhängig und ausschliesslich erzieherisch-therapeutisch motiviert ist. Die Schutzmassnahme dient nicht der Tatvergeltung, sondern der Spezialprävention und der sozialen Integration des Jugendlichen; ihr Zweck ist die Krisenintervention und die Gewährleistung einer betreuten Wohnsituation sowie einer geregelten Tagesstruktur. Auch wenn die Dauer der Unterbringung die ausgesprochene Freiheitsstrafe überstieg, ist dies durch den erzieherischen Zweck gerechtfertigt und führt nicht zu einer finanziellen Entschädigung. Die Sicherungshaft in verschiedenen Gefängnissen – insgesamt über mehrere Monate verteilt – war vorübergehend und allein durch das unkooperative Verhalten des Jugendlichen begründet: Er floh wiederholt aus Einrichtungen, setzte Gegenstände in Brand, bedrohte Personal und zeigte keinerlei Einsicht in die Massnahme. Die Jugendanwaltschaft bemühte sich intensiv um geeignete Anschlusslösungen, wobei mehrere Einrichtungen die Aufnahme ablehnten. Die zeitlichen Verzögerungen waren daher nicht auf staatliche Kapazitätsengpässe, sondern auf die Person des Jugendlichen zurückzuführen. Die Vollzugsmodalitäten waren insgesamt verhältnismässig, da die Behörden stets versuchten, eine adäquate therapeutische Unterbringung zu finden und die Sicherungshaft nur als kurzfristige Überbrückung nutzten. Die Beschwerde wurde abgewiesen; die Beschwerdekosten wurden dem Beschwerdeführer auferlegt. Die Entscheidung klärt endgültig, dass eine vorsorgliche geschlossene Unterbringung im Jugendstrafrecht grundsätzlich keinen Entschädigungsanspruch auslösen kann, selbst wenn sie länger dauert als die ausgesprochene Freiheitsstrafe – solange sie verhältnismässig und erzieherisch legitimiert bleibt.

Regeste

Art. 5 i.V.m. Art. 15 JStG; Art. 431 Abs. 2 StPO i.V.m. Art. 51 und 110 Abs. 7 StGB; Entschädigung im Jugendstrafrecht nach (vorsorglicher) Unterbringung. Im Jugendstrafrecht führt der Umstand, dass der aufgrund der (vorsorglichen) Unterbringung erstandene Freiheitsentzug länger war als der ausgesprochene Freiheitsentzug, nicht zu einer finanziellen Entschädigung des betroffenen Jugendlichen gestützt auf Art. 431 Abs. 2 StPO i.V.m. Art. 3 JStPO, da der mit der (vorsorglichen) Unterbringung verbundene Freiheitsentzug keine Untersuchungshaft i.S.v. Art. 431 Abs. 2 StPO i.V.m. Art. 51 und Art. 110 Abs. 7 StGB darstellt (E. 1.6). Ein übergangsweiser Aufenthalt eines Jugendlichen, dem gegenüber eine (vorsorgliche) geschlossene Unterbringung verfügt wurde, in einer Straf- oder Haftanstalt kann zulässig sein, soweit dies erforderlich ist, um eine geeignete Einrichtung zu finden. Kriterien für die Beurteilung der Zulässigkeit der Dauer bis zum Eintritt in eine geeignete Einrichtung (E. 1.7.3 mit Hinweis auf BGE 148 I 116 E. 2.4). Zulässigkeit im konkreten Fall bejaht (E. 1.7.4). Regeste Art. 5 en relation avec art. 15 DPMin; art. 431 al. 2 CPP en relation avec art. 51 et 110 al. 7 CP; indemnisation en droit pénal des mineurs après un placement (à titre provisionnel). En droit pénal des mineurs, le fait que la privation de liberté résultant du placement (à titre provisionnel) a été plus longue que la privation de liberté prononcée ne donne pas lieu à une indemnisation financière du mineur concerné fondée sur l'art. 431 al. 2 CPP en relation avec l'art. 3 PPMin, car la privation de liberté liée au placement (à titre provisionnel) ne constitue pas une détention provisoire au sens de l'art. 431 al. 2 CPP en relation avec les art. 51 et 110 al. 7 CP (consid. 1.6). Un mineur, condamné à un placement (à titre provisionnel) en milieu fermé, peut être placé à titre transitoire dans un établissement pénitentiaire ou de détention, dans la mesure où cela est nécessaire pour trouver un établissement approprié. Critères d'appréciation de la licéité de la durée jusqu'à l'entrée dans un établissement approprié (consid. 1.7.3 avec référence à l' ATF 148 I 116 consid. 2.4). Admissibilité dans le cas concret (consid. 1.7.4). Regesto Combinati art. 5 e 15 DPMin; combinati art. 431 cpv. 2 CPP e art. 51 e 110 cpv. 7 CP; indennizzo nel diritto penale minorile dopo un collocamento (cautelare). Nel diritto penale minorile, il fatto che il collocamento (cautelare) abbia comportato una privazione di libertà eccedente la privazione di libertà pronunciata non conduce a un indennizzo finanziario del minore interessato sulla base dei combinati art. 431 cpv. 2 CPP e art. 3 PPMin, perché la privazione di libertà connessa a un collocamento (cautelare) non costituisce una carcerazione preventiva ai sensi dei combinati art. 431 cpv. 2 CPP e art. 51 e 110 cpv. 7 CP (consid. 1.6). Un minore, nei confronti del quale è stato disposto un collocamento (cautelare) in un istituto chiuso, può essere collocato a titolo transitorio in un penitenziario o in uno stabilimento carcerario, nella misura in cui ciò sia necessario per trovare un istituto adeguato. Criteri per l'esame dell'ammissibilità della durata fino all'entrata in un istituto adeguato (consid. 1.7.3 con rinvio alla DTF 148 I 116 consid. 2.4). Ammissibilità data nella fattispecie (consid. 1.7.4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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