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Justizze. Art. 30 StGB

Bundesgericht

Journalistin betritt besetztes Haus zur Berichterstattung: Kein gültiger Strafantrag gegen sie, Hausfriedensbruchvorwurf entfällt (Art. 30 StGB)

BGE / ATF / DTF
BGE 147 IV 199 · ATF 147 IV 199 · DTF 147 IV 199
Datum
25.03.2021
Geschäftsnummer
6B_1214/2020
Abteilung
Strafrechtliche Abteilung
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 107 BGG Art. 30 StGB Art. 329 StPO Art. 379 StPO

Zusammenfassung

Eine Journalistin betrat am 20. April 2016 ein von einer Gruppe besetztes leerstehendes Haus in Luzern, um darüber zu berichten, und veröffentlichte noch am selben Tag einen Artikel. Die Eigentümerin der Liegenschaft hatte am selben Tag einen Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs gegen unbekannte Täterschaft gestellt. Die Staatsanwaltschaft verurteilte die Journalistin später wegen Hausfriedensbruchs, das Kantonsgericht bestätigte dies. Die Journalistin erhob Beschwerde ans Bundesgericht und beantragte ihre Freisprechung. Streitig war, ob der Strafantrag der Eigentümschaft auch die Journalistin erfasste und ob ihr Verhalten als strafrechtliche Beteiligung am Dauerdelikt Hausfriedensbruch zu werten sei.

Das Bundesgericht hob das Urteil des Kantonsgerichts Luzern auf und stellte das Strafverfahren gegen die Journalistin ein, weil gegen sie kein gültiger Strafantrag vorlag. Der von der Eigentümerschaft am 20. April 2016 gestellte Strafantrag richtete sich ausschliesslich gegen die Besetzergruppe 'C.________' und erfasste nicht die Journalistin, die das Grundstück lediglich mit der Absicht betreten hatte, über die Besetzung zu berichten; sie hatte weder den Vorsatz, als Mittäterin oder Gehilfin an der Hausbesetzung mitzuwirken, noch wurde ihr solches Verhalten in der Anklageschrift vorgeworfen. Da der Hausfriedensbruch nach Art. 186 StGB ein Antragsdelikt ist, ist ein gültiger Strafantrag gemäss Art. 30 StGB zwingende Prozessvoraussetzung; sein Fehlen führt zur Einstellung des Verfahrens nach Art. 329 Abs. 4 StPO i.V.m. Art. 379 StPO. Das Bundesgericht entschied selbst, da die Sache spruchreif war (Art. 107 Abs. 2 Satz 1 BGG), und wies die Kosten- und Entschädigungsfragen zur Neuverlegung an die Vorinstanz zurück. Die Beschwerdegegnerin 2 trägt die bundesgerichtlichen Verfahrenskosten nach Art. 66 Abs. 1 BGG, während der Kanton Luzern und die Beschwerdegegnerin 2 gemeinsam und solidarisch eine Parteientschädigung nach Art. 68 Abs. 2 und 4 BGG i.V.m. Art. 66 Abs. 5 BGG zu leisten haben. Diese Entscheidung klärt präzise die Grenzen der Geltung eines Strafantrags bei Dauerdelikten im Verhältnis zu journalistischer Tätigkeit.

Regeste

Art. 30, Art. 186 StGB; Umfang des Strafantrags bei Dauerdelikten (vorliegend Hausfriedensbruch). Ein Strafantrag gemäss Art. 30 StGB kann immer nur für bereits begangene Handlungen/Lebenssachverhalte gestellt werden; eine vorsorgliche Antragstellung für allfällige spätere Straftaten ist unzulässig (E. 1.3). Bei Dauerdelikten erfasst der Strafantrag das strafbare Verhalten bis zur Beendigung der Tat, mithin auch Beteiligte, die erst nach Antragstellung am Dauerdelikt teilnehmen, soweit ihnen das angezeigte (strafbare) Verhalten nach materiell-rechtlichen Beteiligungsformen zugerechnet werden kann. Hierzu gehören an der Ausführung der Haupttat massgebend zusammenwirkende Mittäter oder nachträglich akzessorisch teilnehmende Gehilfen, nicht aber (Neben-)Täter mit eigenständigem Vorsatz (E. 1.3). Regeste Art. 30, art. 186 CP; étendue de la plainte pénale en cas d'infractions continues (en l'espèce en cas de violation de domicile). Une plainte pénale selon l'art. 30 CP ne peut être déposée que pour des infractions qui ont déjà été commises; le dépôt d'une plainte à titre préventif pour une infraction future n'est pas admissible (consid. 1.3). Dans le cas d'infractions continues, la plainte pénale s'étend au comportement punissable jusqu'à l'achèvement de l'infraction et vaut aussi pour les participants qui ont pris part à l'infraction continue seulement après le dépôt de la plainte, dans la mesure où le comportement dénoncé peut leur être imputé selon les formes matérielles de participation. Cela inclut les coauteurs qui coopèrent de manière décisive à l'exécution de l'infraction principale ou les complices qui y participent ultérieurement, mais non les auteurs (juxtaposés) ayant une intention indépendante (consid. 1.3). Regesto Art. 30, art. 186 CP; portata della querela in caso di reati permanenti (nella fattispecie violazione di domicilio). La querela giusta l'art. 30 CP può essere sporta unicamente per infrazioni già commesse. L'inoltro preventivo di una querela per eventuali futuri reati non è ammissibile (consid. 1.3). In caso di reati permanenti, la querela copre la condotta punibile sino alla conclusione del reato e concerne pertanto anche coloro che partecipano al reato permanente solo dopo l'inoltro della querela, purché il comportamento (punibile) querelato possa essere loro imputato secondo le forme materiali della partecipazione. Tra loro figurano i correi, che concorrono in modo decisivo alla commissione dell'infrazione principale, e i complici, che vi partecipano successivamente con un ruolo secondario, ma non per contro l'autore (parallelo) che agisce con un'intenzione indipendente (consid. 1.3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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