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Justizze. Art. 22 BV

Bundesgericht

Türkische Vereinigung plant Gedenkveranstaltung zur Schlacht von Gallipoli: Polizeiverbot wegen drohender gewaltsamer Gegenaktionen und Personalmangels durch Hochrisikofussballmatch rechtmässig (Art. 22 BV)

BGE / ATF / DTF
BGE 147 I 161 · ATF 147 I 161 · DTF 147 I 161
Datum
03.08.2020
Geschäftsnummer
1C_586/2019
Abteilung
I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 42 BGG Art. 72 BGG Art. 82 BGG Art. 86 BGG Art. 89 BGG Art. 90 BGG Art. 95 BGG Art. 97 BGG Art. 105 BGG Art. 106 BGG Art. 113 BGG Art. 22 BV Art. 29 BV Art. 36 BV Art. 16 PolG Art. 17 PolG

Zusammenfassung

Die Vereinigung Isviçre Türk Federasyon plante für den 18. März 2017 eine Gedenkveranstaltung zur Schlacht von Gallipoli in einem Saal in Reinach/BL. Die Polizei Basel-Landschaft verbot die Veranstaltung am 17. März 2017, weil zu Gegenveranstaltungen von gewaltbereiten Gruppierungen aufgerufen worden war und gleichzeitig ein Hochrisikofussballmatch stattfand, das starke Polizeikräfte band. Die Vereinigung erhob Beschwerde gegen das Urteil des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, das das Verbot bestätigt hatte. Sie rügte eine Verletzung ihres Anspruchs auf rechtliches Gehör sowie einen Verstoss gegen die Versammlungsfreiheit.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte das polizeiliche Verbot der Gedenkveranstaltung. Es stellte fest, dass die Polizei Basel-Landschaft aufgrund der Ankündigung gewaltsamer Gegenveranstaltungen durch Antifa- und kurdische Gruppierungen sowie des gleichzeitig stattfindenden Hochrisikofussballmatches zwischen dem FC Basel und dem Grasshopper Club Zürich eine unmittelbar drohende, erhebliche Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung festgestellt hatte. Die Polizei sah sich infolge des Personalmangels nicht in der Lage, die Veranstaltung adäquat zu schützen, und es standen keine erfolgversprechenden alternativen Handlungsoptionen zur Verfügung. Die Beschwerdeführerin wurde als Zweckveranlasserin eingestuft, da die Gefährdungslage indirekt durch ihre Veranstaltung ausgelöst worden war. Das Verbot war daher geeignet, erforderlich und zumutbar und stand im Einklang mit Art. 22 BV sowie den Voraussetzungen der polizeilichen Generalklausel nach Art. 16 PolG und § 17 Abs. 1 und 3 PolG. Der Anspruch auf rechtliches Gehör war vor dem Kantonsgericht geheilt worden. Die Beschwerdeführerin trägt die Gerichtskosten von Fr. 2'000.--. Die Entscheidung klärt zentral, unter welchen Voraussetzungen ein polizeiliches Verbot einer privaten Versammlung wegen drohender Gewalt von Dritten rechtmässig ist, insbesondere bei zeitlichem Engpass und begrenzten Polizeikapazitäten.

Regeste

Art. 22 BV, Art. 11 EMRK, Art. 21 UNO-Pakt II, § 6 Abs. 2 lit. d KV/BL; Versammlungsfreiheit im Zusammenhang mit dem Verbot einer Veranstaltung im privaten Raum; allgemeine Polizeiklausel als gesetzliche Grundlage und Verhältnismässigkeit des Verbots; Begriff des Störers. Schutzgehalt der Versammlungsfreiheit (E. 4). Der Anwendungsbereich der polizeilichen Generalklausel als gesetzliche Grundlage für einen Eingriff in die Versammlungsfreiheit ist grundsätzlich auf unvorhersehbare Notfälle beschränkt, ausser wenn es um die Abwehr einer ernsten, unmittelbaren und nicht anders abwendbaren Gefahr für fundamentale Rechtsgüter geht; Ausnahme im vorliegenden Fall bejaht (E. 5). Eine polizeiliche Massnahme wie ein Veranstaltungsverbot darf sich grundsätzlich nur gegen den Störer richten. Geht die Gefahr von Gegenveranstaltungen aus, kann auch der Veranstalter des ursprünglichen Anlasses als Zweckveranlasser Störer sein (E. 6). Im privaten Raum sind beschränkende staatliche Massnahmen nur mit grösserer Zurückhaltung zulässig als im öffentlichen Bereich. Im vorliegenden Fall wurde die Verhältnismässigkeit aufgrund der kurzen Reaktionszeit für die Behörden und wegen eingeschränkter Kapazitäten bei den Polizeikräften bejaht (E. 7). Regeste Art. 22 Cst., art. 11 CEDH, art. 21 Pacte ONU II, § 6 al. 2 let. d Cst./BL; liberté de réunion en relation avec l'interdiction d'un événement dans l'espace privé; clause générale de police en tant que base légale et proportionnalité de l'interdiction; notion de perturbateur. Champ de protection de la liberté de réunion (consid. 4). Le champ d'application de la clause générale de police en tant que base légale justifiant une atteinte à la liberté de réunion est en principe limité aux situations d'urgence imprévisibles, à moins qu'il ne s'agisse d'écarter un danger grave, immédiat et inévitable autrement pour des intérêts juridiques fondamentaux; exception admise dans le cas d'espèce (consid. 5). Une mesure de police telle que l'interdiction d'un événement ne peut en principe être dirigée que contre le perturbateur. Si le danger provient de contre-événements, l'organisateur de l'événement d'origine peut également être considéré comme perturbateur par incitation ("Zweckveranlasser") (consid. 6). Dans l'espace privé, les mesures étatiques limitatives ne sont autorisées qu'avec plus de retenue que dans l'espace public. Dans le cas présent, mesures considérées comme proportionnées en raison du court délai de réaction pour les autorités et des capacités limitées des forces de police (consid. 7). Regesto Art. 22 Cost., art. 11 CEDU, art. 21 Patto ONU II, § 6 cpv. 2 lett. d Cost./BL; libertà di riunione in relazione con il divieto di un evento in uno spazio privato; clausola generale di polizia quale base legale e proporzionalità del divieto; nozione di perturbatore. Ambito di protezione della libertà di riunione (consid. 4). Il campo di applicazione della clausola generale di polizia quale base legale per un'ingerenza nella libertà di riunione è in linea di principio limitato alle emergenze imprevedibili, a meno che si tratti di scongiurare un pericolo grave, imminente e non evitabile in altro modo per beni giuridici fondamentali; nella fattispecie è stata ammessa un'eccezione (consid. 5). Una misura di polizia, come un divieto di manifestazione, può di massima essere diretta solo contro il perturbatore. Se il pericolo proviene da contromanifestazioni, anche l'organizzatore dell'evento originario può essere considerato come perturbatore quale promotore con specifico fine (consid. 6). Nello spazio privato, provvedimenti statali limitativi sono ammissibili soltanto con un maggiore riserbo che in quello pubblico. Nel caso in esame la proporzionalità è stata ammessa a causa del breve tempo di reazione per le autorità e per le capacità limitate delle forze di polizia (consid. 7).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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