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Justizze. Art. 22 BV

Bundesgericht

Kanton Bern begrenzt politische Kundgebungen auf 15 Teilnehmer: generelle Obergrenze verletzt Verhältnismässigkeit und entleert Versammlungsfreiheit praktisch ihres Gehalts (Art. 22 i.V.m. Art. 36 Abs. 3 BV)

BGE / ATF / DTF
BGE 148 I 33 · ATF 148 I 33 · DTF 148 I 33
Datum
04.11.2020
Geschäftsnummer
BGE 148 I 33
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 22 BV Art. 36 BV Art. 40 LEp

Zusammenfassung

Organisationen und Personen erhoben beim Bundesgericht Beschwerde gegen eine Verordnung des Kantons Bern, die politische und zivilgesellschaftliche Kundgebungen auf maximal 15 Teilnehmende beschränkte. Streitig war, ob diese Beschränkung verfassungsmässig ist und ob sie durch die bundesrechtliche Covid-19-Verordnung besondere Lage gedeckt ist. Die Beschwerdeführer argumentierten, die Regelung verletze die Versammlungsfreiheit und sei weder erforderlich noch verhältnismässig, da mildere Massnahmen wie bewilligungspflichtige Kundgebungen mit Auflagen möglich seien. Der Kanton Bern berief sich auf die epidemiologische Lage und die Notwendigkeit eines einfachen Vollzugs.

Das Bundesgericht hob die kantonale Regelung auf, weil sie einen unverhältnismässigen Eingriff in die Versammlungsfreiheit darstellt. Die Begrenzung auf 15 Teilnehmer stellte einen schweren Eingriff dar, der zwar auf einer gesetzlichen Grundlage beruhte – nämlich Art. 40 EpG – und einem öffentlichen Interesse (Eindämmung der Pandemie) diente, aber nicht erforderlich war. Denn die grundsätzliche Bewilligungspflicht für Kundgebungen auf öffentlichem Grund ermöglichte differenzierte Lösungen und die Anordnung risikolimitierender Auflagen im Einzelfall, etwa Abstandhalten oder Maskentragpflicht. Zudem wurde die Versammlungsfreiheit in Bezug auf Demonstrationen derart eingeschränkt, dass diese praktisch ihres Gehalts entleert wurde: Die Appell- und Publizitätswirkung sowie die mediale Resonanz grösserer Kundgebungen ist wesentlich höher; kleinere Kundgebungen können nicht dieselbe Wirkung entfalten, insbesondere weil sie sich primär an Passanten und Medien richten und nicht nur an bereits Interessierte. Die Regelung war daher weder erforderlich noch zumutbar und verletzte Art. 22 i.V.m. Art. 36 Abs. 3 BV. Die Beschwerde war somit begründet. Das Bundesgericht stellte fest, dass Art. 6a der Verordnung des Kantons Bern vom 4. November 2020 über Massnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Epidemie, in der Fassung vom 19. März 2021, bundesrechtswidrig war. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wurden keine Gerichtskosten erhoben (Art. 66 Abs. 4 BGG), und die nicht anwaltlich vertretenen Beschwerdeführer hatten keinen Anspruch auf Parteientschädigung (Art. 68 Abs. 2 BGG). Diese Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klare Grenzen für kantonale Pandemiemassnahmen setzt und betont, dass selbst in Krisenzeiten grundrechtliche Schutzgarantien – insbesondere die Versammlungsfreiheit als zentrales Element der demokratischen Willensbildung – nicht durch pauschale, nicht differenzierte Verbote ausgehöhlt werden dürfen.

Regeste

Art. 22, Art. 36 Abs. 1 und 3, Art. 49 BV; Art. 40 EpG; Art. 8 Covid-19-Verordnung besondere Lage; Covid-19-Verordnung des Kantons Bern vom 4. November 2020; Beschränkung der Teilnehmerzahl an politischen und zivilgesellschaftlichen Kundgebungen auf 15 Personen; gesetzliche Grundlage; Verhältnismässigkeit. Die Beschränkung der Teilnehmerzahl an politischen und zivilgesellschaftlichen Kundgebungen auf 15 Personen stellt einen schweren Eingriff in die Versammlungsfreiheit dar (E. 5.1). Gesetzliche Grundlage (E. 5.2-5.5). Tragweite der Versammlungsfreiheit (E. 6.2 und 6.3). Öffentliches Interesse (E. 6.5). Begriff und Bedeutung des Grundsatzes der Verhältnismässigkeit (E. 6.6). Prüfung der Massnahme hinsichtlich der Verhältnismässigkeit (E. 7). Die Einschränkung von zwischenmenschlichen Kontakten ist geeignet, die Übertragung von Viren zu reduzieren (E. 7.5). Die grundsätzliche Bewilligungspflicht für Kundgebungen auf öffentlichem Grund erlaubt differenzierte Lösungen und die Anordnung risikolimitierender Auflagen im Einzelfall. Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf die hohe demokratische Bedeutung von Kundgebungen erscheint die Begrenzung der Teilnehmerzahl auf 15 Personen unverhältnismässig (E. 7.7). Zudem wird die Versammlungsfreiheit in Bezug auf Demonstrationen derart eingeschränkt, dass diese praktisch ihres Gehalts entleert wird (E. 7.8). Der Eingriff in die Versammlungsfreiheit erweist sich als verfassungswidrig (E. 8). Regeste Art. 22, art. 36 al. 1 et 3, art. 49 Cst.; art. 40 LEp; art. 8 ordonnance COVID-19 situation particulière; ordonnance COVID-19 du canton de Berne du 4 novembre 2020; limitation du nombre de participants aux manifestations politiques et de la société civile à 15 personnes; base légale; proportionnalité. La limitation du nombre de participants aux manifestations politiques et de la société civile à 15 personnes constitue une atteinte grave à la liberté de réunion (consid. 5.1). Base légale (consid. 5.2-5.5). Portée de la liberté de réunion (consid. 6.2 et 6.3). Intérêt public (consid. 6.5). Notion et importance du principe de proportionnalité (consid. 6.6). Examen de la mesure sous l'angle de la proportionnalité (consid. 7). La limitation des contacts interpersonnels est de nature à réduire la transmission de virus (consid. 7.5). L'obligation de principe d'obtenir une autorisation préalable pour les manifestations tenues sur le domaine public permet d'adopter des solutions différenciées et d'imposer des conditions limitant les risques au cas par cas. Dans ce contexte, et au vu de la grande importance démocratique des manifestations, la limitation du nombre de participants à 15 personnes apparaît disproportionnée (consid. 7.7). En outre, la liberté de réunion est à ce point limitée s'agissant des manifestations qu'elle en est pratiquement vidée de son contenu (consid. 7.8). L'atteinte à la liberté de réunion s'avère inconstitutionnelle (consid. 8). Regesto Art. 22, art. 36 cpv. 1 e 3, art. 49 Cost.; art. 40 LEp; art. 8 ordinanza COVID-19 situazione particolare; ordinanza COVID-19 del Canton Berna del 4 novembre 2020; limitazione del numero di partecipanti a manifestazioni politiche e della società civile a 15 persone; base legale; proporzionalità. La limitazione del numero di partecipanti a manifestazioni politiche e della società civile a 15 persone comporta una restrizione grave della libertà di riunione (consid. 5.1). Base legale (consid. 5.2-5.5). Portata della libertà di riunione (consid. 6.2 e 6.3). Interesse pubblico (consid. 6.5). Nozione e importanza del principio della proporzionalità (consid. 6.6). Esame della misura nell'ottica della proporzionalità (consid. 7). La limitazione dei contatti interpersonali è adatta a ridurre la trasmissione di virus (consid. 7.5). L'obbligo generalizzato di ottenere un'autorizzazione per le manifestazioni su suolo pubblico permette soluzioni differenziate e di imporre delle condizioni che limitano i rischi di caso in caso. Preso atto di ciò, e considerata la grande importanza sul piano democratico delle manifestazioni, la limitazione del numero di partecipanti a 15 persone appare sproporzionata (consid. 7.7). Inoltre, in relazione a dimostrazioni, la libertà di riunione è limitata a tal punto che è praticamente svuotata del suo contenuto (consid. 7.8). La limitazione della libertà di riunione è incostituzionale (consid. 8).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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