Klimaaktivist bei friedlicher Kundgebung in Basel: Erkennungsdienstliche Erfassung und DNA-Analyse unwirksam, weil keine konkreten Anhaltspunkte für weitere Delikte (Art. 255 Abs. 1 lit. a StPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 147 I 372 · ATF 147 I 372 · DTF 147 I 372
- Datum
- 22.04.2021
- Geschäftsnummer
- 1B_285/2020
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 81 BGG Art. 13 BV Art. 16 BV Art. 22 BV Art. 36 BV Art. 8 EMRK Art. 197 StPO Art. 255 StPO Art. 259 StPO Art. 260 StPO
Zusammenfassung
Ein Klimaaktivist nahm am 8. Juli 2019 an einer friedlichen Protestaktion vor einem UBS-Gebäude in Basel teil, bei der Kohleparolen angebracht und Eingänge blockiert wurden. Die Staatsanwaltschaft ordnete daraufhin seine erkennungsdienstliche Erfassung einschliesslich Fingerabdrucknahme und nicht-invasiver DNA-Probenahme an, um mögliche weitere Delikte aufzuklären. Der Aktivist erhob Beschwerde gegen den Entscheid des kantonalen Appellationsgerichts, der diese Massnahmen bestätigt hatte. Streitig war, ob die Zwangsmassnahmen zur Aufklärung oder Verhinderung weiterer Delikte verhältnismässig waren und ob sie auf einer gesetzlichen Grundlage beruhten. Das Bundesgericht musste klären, ob die Massnahmen im Hinblick auf die friedliche Natur der Aktion und fehlende konkrete Anhaltspunkte für weitere Delikte rechtmässig waren.
Das Bundesgericht hob den Entscheid des Appellationsgerichts Basel-Stadt sowie die Anordnungen der Staatsanwaltschaft zur erkennungsdienstlichen Erfassung und DNA-Analyse auf. Es stellte fest, dass die Massnahmen nicht zur Aufklärung der Anlasstat notwendig waren, da der Beschwerdeführer bereits in flagranti festgenommen worden war und weder auf beschädigten Gegenständen noch auf Atemmasken DNA-Spuren oder Fingerabdrücke sichergestellt worden waren. Zudem lagen keine erheblichen und konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass der Beschwerdeführer in andere – auch künftige – Delikte von einer gewissen Schwere verwickelt sein könnte: Seine Vorstrafe wegen Landfriedensbruchs vom 7. April 2018 bezog sich auf Teilnahme an einer unbewilligten, aber nicht gewalttätigen Kundgebung, ohne dass ihm persönlich Gewaltbereitschaft vorgeworfen wurde; seine Reise nach Basel allein war kein Indiz für weitere Delikte; und der Umstand, dass er nach polizeilicher Aufforderung verblieb, reichte nicht aus, um ihn einer militanten Szene zuzuordnen. Die Kundgebung war friedlich verlaufen, ohne gewalttätigen Zweck oder aggressive Stimmung, und stand daher unter dem Schutz der Versammlungs- und Meinungsfreiheit gemäss Art. 22 BV und Art. 16 BV. Die angeordneten Massnahmen hätten einen Abschreckungseffekt (chilling effect) auf politische Teilhabe und seien daher unverhältnismässig. Damit verletzten sie Art. 10 Abs. 2 BV (körperliche Integrität), Art. 13 Abs. 2 BV (informationelle Selbstbestimmung) und Art. 8 EMRK. Die gesetzliche Grundlage gemäss Art. 255 Abs. 1 lit. a StPO und Art. 260 Abs. 1 StPO war zwar gegeben, doch fehlte es an der Verhältnismässigkeit nach Art. 36 Abs. 2 BV, die durch Art. 197 Abs. 1 StPO konkretisiert wird. Auch die Verordnungen über biometrische Daten (Art. 7 und Art. 8 der Verordnung vom 6. Dezember 2013) und die DNA-Profil-Verordnung (Art. 10) wurden herangezogen, um die Vernichtung der Daten und Löschung der Einträge in AFIS und CODIS anzuordnen. Das Bundesgericht erliess keine Gerichtskosten und verurteilte den Kanton Basel-Stadt, den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit Fr. 2'500.-- zu entschädigen. Die Entscheidung verdeutlicht, dass erkennungsdienstliche Massnahmen bei friedlichen Protestaktionen nur dann zulässig sind, wenn konkrete und erhebliche Anhaltspunkte für weitere schwere Delikte vorliegen – ein hoher Massstab, der die Grundrechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit wirksam schützt.
Regeste
Art. 8 EMRK; Art. 10 Abs. 2, Art. 13 Abs. 2, Art. 16, Art. 22, Art. 36 BV; Art. 197 Abs. 1, Art. 255 Abs. 1 lit. a, Art. 260 StPO; Beschränkung von Grundrechten durch ein DNA-Profil und eine erkennungsdienstliche Erfassung bei der Teilnahme an einer friedlichen Kundgebung. Kritik an der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, wonach ein DNA-Profil nur einen leichten Eingriff in die körperliche Integrität und den Schutz der Privatsphäre darstellt (E. 2.3). Die Aufklärung der Anlasstat erfordert weder ein DNA-Profil noch eine erkennungsdienstliche Erfassung (E. 3). Mit Blick auf allfällige weitere Straftaten ist fraglich, ob ein hinreichend schweres Delikt vorliegt (E. 4.3.1). Jedenfalls fehlt es an erheblichen und konkreten Anhaltspunkten, dass der Beschuldigte in weitere Delikte verwickelt sein könnte (E. 4.3.2-4.3.4). Eine friedliche Protestaktion steht unter dem Schutz der Versammlungs- und der Meinungsäusserungsfreiheit; das DNA-Profil und die erkennungsdienstliche Erfassung erweisen sich als unverhältnismässig (E. 4.4 und 4.5). Regeste Art. 8 CEDH; art. 10 al. 2, art. 13 al. 2, art. 16, art. 22, art. 36 Cst.; art. 197 al. 1, art. 255 al. 1 let. a, art. 260 CPP; restriction aux droits fondamentaux par l'établissement d'un profil ADN et la saisie des données signalétiques dans le cadre de la participation à une manifestation pacifique. Critique de la jurisprudence fédérale selon laquelle l'établissement d'un profil ADN ne constitue qu'une atteinte légère à l'intégrité corporelle et à la protection de la sphère privée (consid. 2.3). L'élucidation de l'infraction ne nécessite ni un profil ADN ni la saisie de données signalétiques (consid. 3). Il est douteux que d'éventuelles autres infractions soient suffisamment graves (consid. 4.3.1). En tout état, des indices significatifs et concrets que le prévenu pourrait être impliqué dans d'autres infractions font défaut (consid. 4.3.2-4.3.4). La participation à une manifestation pacifique est protégée par les libertés de réunion et d'opinion; l'établissement d'un profil ADN et la saisie de données signalétiques se révèlent disproportionnés (consid. 4.4 et 4.5). Regesto Art. 8 CEDU; art. 10 cpv. 2, art. 13 cpv. 2, art. 16, art. 22, art. 36 Cost.; art. 197 cpv. 1, art. 255 cpv. 1 lett. a, art. 260 CPP; restrizione dei diritti fondamentali mediante l'allestimento di un profilo di DNA e il rilevamento segnaletico nell'ambito della partecipazione ad una manifestazione pacifica. Critica alla giurisprudenza del Tribunale federale secondo cui l'allestimento di un profilo di DNA costituisce soltanto un'ingerenza lieve nell'integrità fisica e nella protezione della sfera privata (consid. 2.3). Il chiarimento del reato non necessita né di un profilo di DNA né di un rilevamento segnaletico (consid. 3). È dubbio che esistano eventuali altri reati sufficientemente gravi (consid. 4.3.1). In ogni caso, difettano indizi concreti e rilevanti sulla possibile implicazione dell'imputato in ulteriori infrazioni (consid. 4.3.2-4.3.4). Una manifestazione pacifica soggiace alla protezione della libertà di riunione e della libertà di opinione; l'allestimento di un profilo di DNA e il rilevamento segnaletico risultano sproporzionati (consid. 4.4 e 4.5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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