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Justizze. Art. 75 ATSG

Bundesgericht

Sozialversicherer verlangen Regress vom Werkeigentümer nach Arbeitsunfall: Kein Anspruch, weil Arbeitgeberin im Innenverhältnis gesamthaft haftet (Art. 75 ATSG, Art. 51 Abs. 2 OR)

BGE / ATF / DTF
BGE 146 III 362 · ATF 146 III 362 · DTF 146 III 362
Datum
01.07.2020
Geschäftsnummer
BGE 146 III 362
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 72 ATSG Art. 75 ATSG Art. 44 OR Art. 51 OR

Zusammenfassung

Die Eidgenössische Invalidenversicherung (IV) und die Eidgenössische Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) klagten gegen den Eigentümer einer Liegenschaft, auf der bei einem Arbeitsunfall ein Mitarbeiter schwer verletzt wurde. Der Unfall ereignete sich, nachdem zwei Mitarbeitende der Mieterin – einer AG – ein Bodengitter entfernt hatten, um Schmutz zu beseitigen; darunter befanden sich nicht tragfähige Styroporplatten, die der Verunfallte durchbrach und dabei rund vier Meter abstürzte. Die Sozialversicherer verlangten vom Werkeigentümer Ersatz für die geleisteten Renten und Leistungen. Der Werkeigentümer argumentierte, die Haftung liege primär bei der Arbeitgeberin, die als privilegierter Schuldner gemäss Art. 75 ATSG stehe. Die kantonalen Instanzen wiesen die Klage ab, weil im Innenverhältnis die Arbeitgeberin den gesamten Schaden tragen müsse. Die Sozialversicherer legten Beschwerde beim Bundesgericht ein.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde der Sozialversicherer ab. Es bestätigte seine bisherige Rechtsprechung aus BGE 143 III 79, wonach sich ein nicht privilegierter Schuldner – hier der Werkeigentümer – auf das Regressprivileg der Arbeitgeberin gegenüber den Sozialversicherern berufen kann, soweit die Schuld ohne dieses Privileg im Innenverhältnis allein von der Arbeitgeberin zu tragen gewesen wäre. Das Gericht stellte klar, dass es kein qualifiziertes Schweigen des Gesetzgebers gebe, das eine andere Auslegung rechtfertigen würde, und dass die Rechtsstellung des Haftpflichtigen durch die Subrogation unberührt bleiben müsse – was bedeutet, dass der Werkeigentümer nicht schlechter gestellt werden darf, als wenn keine Subrogation stattgefunden hätte. Für die Aufteilung der Haftung im Innenverhältnis zwischen Arbeitgeberin und Werkeigentümer war Art. 51 Abs. 2 OR massgeblich, dessen Stufenregelung grundsätzlich gilt und nur im Einzelfall abgewichen werden darf, wenn eine starre Anwendung den besonderen Umständen nicht gerecht würde. Dieser Ausnahmefall lag hier nicht vor: Die konkrete Absturzgefahr entstand erst durch die Wegnahme des Metallgitters durch die Arbeitnehmer der Mieterin, ohne dass die erforderlichen Sicherheitsmassnahmen ergriffen wurden; damit lag die Ursache des Schadens primär im Verantwortungsbereich der Arbeitgeberin. Die Sozialversicherer konnten daher keinen Regressanspruch gegen den Werkeigentümer geltend machen.

Die entscheidenden Normen waren Art. 75 Abs. 2 ATSG, Art. 75 ATSG, Art. 51 Abs. 2 OR, Art. 51 OR, Art. 44 Abs. 1 OR sowie Art. 51 cpv. 2 CO. Das Bundesgericht verwies zudem auf die Rechtsprechung zu Art. 75 ATSG und zur Stufenregelung nach Art. 51 Abs. 2 OR, insbesondere BGE 144 III 319 und BGE 143 III 79. Kosten und Entschädigung wurden nicht separat behandelt, da sie nicht Gegenstand der Beschwerde waren.

Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie die Rechtsprechung zum Regressprivileg der Sozialversicherer bekräftigt und klärt, dass die Stufenregelung nach Art. 51 Abs. 2 OR nicht nur bei Absicht oder grober Fahrlässigkeit gilt, sondern grundsätzlich anzuwenden ist – Abweichungen sind nur in Ausnahmefällen zulässig, die hier nicht vorlagen.

Regeste

Regressprivileg gegenüber einem Sozialversicherer (Art. 75 ATSG); Regressordnung nach Art. 51 Abs. 2 OR. Die von einem Teil der Lehre an BGE 143 III 79 geübte Kritik bildet keinen Anlass für eine Änderung der Rechtsprechung, wonach sich auf das Regressprivileg gegenüber einem Sozialversicherer (Art. 75 ATSG) diesem gegenüber auch ein nicht privilegierter Schuldner berufen kann, soweit die Schuld ohne Regressprivileg im Innenverhältnis vom Privilegierten zu übernehmen gewesen wäre (E. 3). Ob es um den Regress der Suva geht oder um denjenigen der IV und AHV, spielt keine Rolle (E. 4). Aus der Rechtsprechung des Bundesgerichts kann nicht abgeleitet werden, die in Art. 51 Abs. 2 OR vorgesehene Stufenregelung finde nur bei Absicht oder grober Fahrlässigkeit Anwendung. Von der Stufenfolge kann das Gericht nur im Einzelfall abweichen, wenn eine starre Anwendung den besonderen Umständen des Einzelfalls nicht gerecht würde. Diese Voraussetzung ist hier nicht erfüllt (E. 7 und 7.4). Regeste Privilège de recours envers un assureur social (art. 75 LPGA); ordre des recours selon l'art. 51 al. 2 CO. Les critiques émises par une partie de la doctrine à l'encontre de l' ATF 143 III 79 ne justifient pas de modifier la jurisprudence selon laquelle un débiteur non privilégié peut aussi se prévaloir du privilège de recours envers un assureur social (art. 75 LPGA) dans la mesure où la dette, sans ledit privilège, devrait être supportée dans les rapports internes par le bénéficiaire du privilège (consid. 3). Qu'il s'agisse d'un recours de la CNA, ou d'un recours de l'AI et de l'AVS ne joue aucun rôle (consid. 4). On ne peut pas inférer de la jurisprudence du Tribunal fédéral que l'ordre des recours prévu par l'art. 51 al. 2 CO trouverait application uniquement en cas d'intention ou de négligence grave. Le tribunal ne peut déroger à cet ordre que dans des cas d'espèce, lorsque son application stricte serait inadaptée aux circonstances particulières du cas concret. Cette condition n'est pas réalisée en l'occurrence (consid. 7 et 7.4). Regesto Privilegio di regresso nei confronti di un assicuratore sociale (art. 75 LPGA); ordine di regresso secondo l'art. 51 cpv. 2 CO. La critica espressa da una parte della dottrina nei confronti della DTF 143 III 79 non giustifica un cambiamento della giurisprudenza secondo la quale anche un debitore non privilegiato può prevalersi del privilegio di regresso verso un assicuratore sociale (art. 75 LPGA), nella misura in cui il debito avrebbe - senza il privilegio di regresso - dovuto essere assunto nei rapporti interni dal privilegiato (consid. 3). Che si tratti del regresso dell'INSAI, dell'AI o dell'AVS non gioca alcun ruolo (consid. 4). Dalla giurisprudenza del Tribunale federale non può essere dedotto che l'ordine di regresso previsto dall'art. 51 cpv. 2 CO sia solo applicabile in caso di intenzione o negligenza grave. Il tribunale può unicamente derogare da questo ordine nel caso concreto, se un'applicazione rigida non sia confacente alle circostanze particolari del singolo caso. Questo presupposto non è adempiuto nella fattispecie (consid. 7 e 7.4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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