Beschwerdeführer rügt fehlende gültige Strafanträge für Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung: Polizeirapporte ohne Unterschrift genügen als Protokoll (Art. 304 Abs. 1 StPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 145 IV 190 · ATF 145 IV 190 · DTF 145 IV 190
- Datum
- 15.05.2019
- Geschäftsnummer
- 6B_1237/2018
- Abteilung
- Strafrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 97 BGG Art. 22 StGB Art. 30 StGB Art. 31 StGB Art. 33 StGB Art. 47 StGB Art. 139 StGB Art. 144 StGB Art. 186 StGB Art. 10 StPO Art. 76 StPO Art. 303 StPO Art. 304 StPO
Zusammenfassung
Der Beschwerdeführer war wegen banden- und gewerbsmässigen Diebstahls, mehrfacher Sachbeschädigung, mehrfachen Hausfriedensbruchs, versuchten Betrugs, Urkundenfälschung und Fahrens ohne Berechtigung verurteilt worden. Er erhob Beschwerde mit dem Antrag, die Schuldsprüche wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung aufzuheben, weil dafür keine gültigen Strafanträge vorlägen. Er wandte sich zudem gegen die Strafzumessung und beantragte eine mildere Strafe. Die Vorinstanz hatte die Strafanträge in Polizeirapporten als gültig anerkannt, obwohl diese nicht vom Polizeibeamten unterschrieben waren, und die Strafzumessung unter Berücksichtigung einer leicht verminderten Steuerungsfähigkeit vorgenommen, jedoch ohne zusätzliche Milderung wegen seiner Tätigkeit als Polizei-Informant.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten war. Es stellte fest, dass die Polizeirapporte, in denen vermerkt war, dass die Geschädigten Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung gestellt hatten, als formgültige Protokollierung eines mündlichen Strafantrags im Sinne von Art. 304 Abs. 1 StPO zu qualifizieren sind, auch wenn sie nicht vom rapportierenden Polizeibeamten unterschrieben wurden. Entscheidend sei, dass der Verfasser der Rapporte namentlich erkennbar sei; eine Unterschrift sei nicht zwingend erforderlich, da es sich bei einem Polizeirapport um eine Urkunde im Sinne von Art. 110 Abs. 4 StGB handele. Der Verzicht dreier Geschädigter auf die Stellung als Privatkläger im Strafverfahren sei nicht gleichzusetzen mit einem Rückzug des Strafantrags gemäss Art. 33 StGB; der Strafantrag bleibe wirksam, solange er nicht ausdrücklich zurückgezogen werde. Anhaltspunkte dafür, dass die Polizeirapporte wahrheitswidrig seien, lägen nicht vor, insbesondere weil die Geschädigten die Polizei avisiert hatten, was auf ihren Willen zur strafrechtlichen Verfolgung hindeute. Zur Strafzumessung stellte das Bundesgericht fest, dass die Vorinstanz die leicht verminderte Steuerungsfähigkeit des Beschwerdeführers bereits strafmildernd berücksichtigt habe und für eine zusätzliche Milderung wegen seiner Informantentätigkeit kein Anlass bestehe. Eine Willkür der Vorinstanz bei der Bewertung dieser Umstände sei nicht nachgewiesen, so dass das Bundesgericht nicht eingreifen könne. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wurde gutgeheissen, da die Bedürftigkeit des Beschwerdeführers ersichtlich sei und sein Rechtsbegehren im Strafpunkt nicht aussichtslos gewesen sei (Art. 64 Abs. 1 BGG). Den Rechtsvertretern wurde eine Entschädigung von Fr. 3'000.-- aus der Bundesgerichtskasse ausgerichtet. Diese Entscheidung klärt erstmals abschliessend, dass ein Polizeirapport ohne Unterschrift als formgültiges Protokoll eines mündlichen Strafantrags im Sinne von Art. 304 Abs. 1 StPO genügt, sofern der Verfasser erkennbar ist.
Regeste
Art. 30 Abs. 1, Art. 33 und 110 Abs. 4 StGB; Art. 10 Abs. 3, Art. 76 ff., 120 und 304 Abs. 1 StPO; Protokollierung des mündlichen Strafantrags; Beweis des gültigen Strafantrags; Desinteresse des Geschädigten am Strafverfahren. Ein mündlicher Strafantrag kann auch in einem Polizeirapport protokolliert werden (E. 1.3). Ein Polizeirapport, in welchem vermerkt ist, dass ein Strafantrag gestellt wurde, ist als Urkunde im Sinne von Art. 110 Abs. 4 StGB zu qualifizieren. Die Unterschrift des rapportierenden Polizeibeamten ist nicht zwingend. Entscheidend ist, dass aus dem Polizeirapport hervorgeht, wer diesen verfasst hat. Ebenfalls nicht erforderlich ist, dass die Anzeige erstattende Person das Protokoll unterzeichnet (E. 1.4). Ob ein gültiger Strafantrag vorliegt, ist vom Staat zu beweisen (E. 1.5.1). Der Verzicht auf die Stellung als Privatkläger gilt nicht als Rückzug des Strafantrags im Sinne von Art. 33 StGB. Wird der Strafantrag nicht ausdrücklich zurückgezogen, ist das Strafverfahren trotz Desinteresse des Geschädigten fortzusetzen (E. 1.5.2). Regeste Art. 30 al. 1, art. 33 et 110 al. 4 CP; art. 10 al. 3, art. 76 ss, 120 et 304 al. 1 CPP; consignation d'une plainte orale au procès-verbal; preuve de l'existence d'une plainte pénale valable; désintérêt du lésé pour la procédure. Une plainte pénale orale peut aussi être consignée dans un rapport de police (consid. 1.3). Un rapport de police qui contient la mention du dépôt d'une plainte pénale constitue un titre au sens de l'art. 110 al. 4 CP. La signature du policier qui a rédigé le rapport n'est pas indispensable. Est déterminant le fait que le rapport mentionne la personne qui en est l'auteur. Il n'est pas non plus nécessaire que le procès-verbal porte la signature de la personne qui a déposé la plainte (consid. 1.4). La preuve de l'existence d'une plainte pénale valable incombe à l'Etat (consid. 1.5.1). Le fait de renoncer à la position de partie plaignante ne doit pas être considéré comme un retrait de plainte au sens de l'art. 33 CP. Si la plainte n'est pas formellement retirée, la procédure doit être poursuivie malgré le désintérêt du lésé (consid. 1.5.2). Regesto Art. 30 cpv. 1, art. 33 e 110 cpv. 4 CP; art. 10 cpv. 3, art. 76 segg., 120 e 304 cpv. 1 CPP; verbalizzazione della querela presentata oralmente; prova dell'esistenza di una valida querela; disinteresse del danneggiato per il procedimento penale. Una querela sporta oralmente può essere messa a verbale anche in un rapporto di polizia (consid. 1.3). Un rapporto di polizia, in cui è annotato l'inoltro di una querela, costituisce un documento ai sensi dell'art. 110 cpv. 4 CP. Non è necessaria la firma dell'agente di polizia estensore del rapporto e neppure quella del querelante. Decisivo è che il rapporto di polizia indichi chi lo ha redatto (consid. 1.4). La prova dell'esistenza di una valida querela incombe allo Stato (consid. 1.5.1). La rinuncia alla veste di accusatore privato non equivale a una desistenza dalla querela giusta l'art. 33 CP. In mancanza di un esplicito ritiro della querela, il procedimento penale deve seguire il suo corso, malgrado il disinteresse del danneggiato (consid. 1.5.2).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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