Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 55a StGB

Bundesgericht

Einstellung wegen häuslicher Gewalt sperrt Verurteilung für Tätlichkeiten: Ne bis in idem und Unteilbarkeit des Strafantrags (Art. 55a StGB)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 IV 104 · ATF 143 IV 104 · DTF 143 IV 104
Datum
23.12.2016
Geschäftsnummer
BGE 143 IV 104
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 32 StGB Art. 33 StGB Art. 55a StGB Art. 11 StPO Art. 319 StPO Art. 320 StPO Art. 329 StPO Art. 339 StPO Art. 379 StPO

Zusammenfassung

Ein Ehemann und seine Schwester wurden erstinstanzlich wegen gemeinsamer Tätlichkeiten zum Nachteil der Ehefrau verurteilt, nachdem ein separates Verfahren wegen Raubes freigesprochen hatte. Die Ehefrau hatte zuvor einer Sistierung des Verfahrens wegen gegenseitiger häuslicher Gewalt zugestimmt, was zur rechtskräftigen Einstellung führte. Der Ehemann und die Schwester rügten vor Bundesgericht, dass die Verurteilung wegen Tätlichkeiten gegen das Verbot der doppelten Strafverfolgung und den Grundsatz der Unteilbarkeit des Strafantrags verstosse.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerden gut und hebt die Schuldsprüche wegen Tätlichkeiten auf. Es stellt fest, dass die rechtskräftige Einstellung des Strafverfahrens wegen häuslicher Gewalt gemäss Art. 55a StGB auch den konkreten Vorfall vom 22. Juni 2012 erfasste, da dieser Teil des zeitlichen Rahmens der eingestellten Verfahren war. Die Zustimmung zur Sistierung und das unbenutzte Verstreichenlassen der Widerrufsfrist wirken wie ein Rückzug des Strafantrags. Aufgrund des Grundsatzes der Unteilbarkeit des Strafantrags (Art. 32 und Art. 33 Abs. 3 StGB) muss das Verfahren auch gegenüber der Schwester als Beteiligter eingestellt werden. Eine generelle Aufklärungspflicht der Behörden über diese Rechtsfolge wird verneint.

Regeste

Art. 32, 33 Abs. 3 und Art. 55a StGB, Art. 11 Abs. 1 und Art. 320 Abs. 4 StPO; Verfahrenseinstellung gestützt auf Art. 55a StGB; Grundsatz "ne bis in idem"; Unteilbarkeit des Strafantrags und des Rückzugs desselben. Die Verurteilung eines Ehegatten wegen Tätlichkeiten zum Nachteil seiner Ehegattin in einem abgetrennten Verfahren wegen Raubes verstösst gegen Art. 55a StGB und den Grundsatz "ne bis in idem", wenn die Strafverfahren gegen die Ehegatten wegen gegenseitiger Tätlichkeiten betreffend den fraglichen Tatzeitraum zuvor in Anwendung von Art. 55a StGB rechtskräftig eingestellt wurden (E. 4). Das Ersuchen um Verfahrenssistierung bzw. die Zustimmung zum Antrag der zuständigen Behörde auf Verfahrenssistierung (Art. 55a Abs. 1 lit. b StGB) und das unbenutzte Verstreichenlassen der Frist für den Widerruf der Zustimmung zur Verfahrenssistierung (Art. 55a Abs. 2 StGB) kommen dem Rückzug eines Strafantrags gleich. Sind Tätlichkeiten des Ehegatten zu beurteilen, an welchen sich Dritte beteiligt haben sollen, ist angesichts des Grundsatzes der Unteilbarkeit der Strafverfolgung bei Antragsdelikten auch das Strafverfahren gegen die Beteiligten einzustellen (E. 5.1-5.3). Aufklärungspflicht der Behörden über die Unteilbarkeit der Strafverfolgung verneint (E. 5.4). Regeste Art. 32, 33 al. 3 et art. 55a CP, art. 11 al. 1 et art. 320 al. 4 CPP; classement de la procédure fondé sur l'art. 55a CP; principe "ne bis in idem"; indivisibilité de la plainte pénale et de son retrait. La condamnation d'un conjoint pour des voies de fait commises au préjudice de son épouse dans le cadre d'une procédure séparée pour brigandage viole l'art. 55a CP et le principe "ne bis in idem" lorsque la procédure contre les conjoints pour des voies de fait réciproques intervenues pendant la période considérée a préalablement fait l'objet d'une décision de classement entrée en force en application de l'art. 55a CP (consid. 4). La requête de suspension de la procédure, respectivement l'accord donné à la proposition de suspension de l'autorité compétente (art. 55a al. 1 let. b CP) et l'écoulement du délai pour révoquer l'accord sur la suspension de la procédure sans qu'il ne soit utilisé (art. 55a al. 2 CP) équivalent à un retrait de la plainte pénale. Le principe de l'indivisibilité de la poursuite pénale pour les infractions poursuivies sur plainte commande que la procédure soit également classée en ce qui concerne les tiers qui ont participé aux voies de fait du conjoint (consid. 5.1-5.3). Obligation d'information de l'autorité au sujet de l'indivisibilité de la poursuite niée (consid. 5.4). Regesto Art. 32, 33 cpv. 3 e art. 55a CP, art. 11 cpv. 1 e art. 320 cpv. 4 CPP; abbandono del procedimento fondato sull'art. 55a CP; principio "ne bis in idem"; indivisibilità della querela e della desistenza dalla stessa. La condanna di un coniuge per titolo di vie di fatto ai danni di sua moglie, pronunciata nell'ambito di una procedura separata relativa a una rapina, viola l'art. 55a CP e il principio "ne bis in idem", qualora il procedimento penale nei confronti dei coniugi per titolo di vie di fatto reciproche commesse in un determinato arco temporale sia stato antecedentemente abbandonato in applicazione dell'art. 55a CP con una decisione cresciuta in giudicato (consid. 4). La richiesta volta alla sospensione del procedimento, rispettivamente il consenso alla domanda in questo senso dell'autorità competente (art. 55a cpv. 1 lett. b CP) e la mancata revoca del consenso alla sospensione del procedimento nel termine previsto a tal fine (art. 55a cpv. 2 CP) equivalgono a una desistenza dalla querela. Il principio dell'indivisibilità del perseguimento penale applicabile ai reati perseguibili a querela di parte impone l'abbandono del procedimento anche nei confronti del terzo che avrebbe partecipato alle vie di fatto del coniuge (consid. 5.1-5.3). Negato l'obbligo dell'autorità di informare in merito all'indivisibilità del perseguimento penale (consid. 5.4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

Verwandte Entscheide