Abbruch eines geschützten Hauses und Demontage der Zivilschutzsirene: Schuldspruch wegen Sachbeschädigung und Widerhandlung gegen Baurecht bestätigt; Ersatzforderung nach Bruttoprinzip (Art. 144 StGB, § 213 PBG/LU)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 141 IV 305 · ATF 141 IV 305 · DTF 141 IV 305
- Datum
- 23.06.2015
- Geschäftsnummer
- 6B_978/2014
- Abteilung
- Strafrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 42 BGG Art. 106 BGG Art. 26 BV Art. 29 BV Art. 32 BV Art. 36 BV Art. 6 EMRK Art. 187 PBG/LU Art. 213 PBG/LU Art. 30 StGB Art. 31 StGB Art. 70 StGB Art. 71 StGB Art. 97 StGB Art. 109 StGB Art. 144 StGB Art. 304 StPO Art. 448 StPO
Zusammenfassung
Ein Beschwerdeführer liess ein Einfamilienhaus in Meggen abbrechen, das im kommunalen Inventar der schützenswerten Kulturobjekte aufgeführt war, und demontierte dabei die auf dem Dach montierte Zivilschutzsirene, ohne dies der Gemeinde ordentlich anzukündigen. Die Vorinstanzen verurteilten ihn wegen Sachbeschädigung und Widerhandlung gegen das kantonale Planungs- und Baugesetz zu einer bedingten Geldstrafe, einer Busse sowie einer staatlichen Ersatzforderung. Der Beschwerdeführer rügt vor Bundesgericht insbesondere die Verjährung der Taten und der Ersatzforderung, das Fehlen eines gültigen Strafantrags, die Qualifikation der Sirenen-Demontage als Sachbeschädigung sowie die Höhe der Ersatzforderung und die Beweiswürdigung.
Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten ist. Es bestätigt den Schuldspruch wegen Sachbeschädigung und Widerhandlung gegen das kantonale Baurecht sowie die auferlegte Ersatzforderung.
Zur Rüge der Verjährung hält das Gericht fest, dass die Strafverfügung des Amtsstatthalters vom 9. Februar 2010 als erstinstanzliches Urteil im Sinne von Art. 97 Abs. 3 StGB gilt, da ihr eine untersuchungsrichterliche Einvernahme und Akteneinsicht vorausgingen. Damit war die dreijährige Verjährungsfrist für die Übertretung des kantonalen Rechts (Art. 109 StGB) gewahrt. Für die Ersatzforderung ist zudem Art. 70 Abs. 3 StGB massgebend, wonach die Einziehung auch dann möglich ist, wenn die strafbare Handlung selbst bereits verjährt ist; diese Bestimmung findet auch bei Übertretungen Anwendung.
Bezüglich des Strafantrags für die Sachbeschädigung (Art. 144 Abs. 1 StGB) stellt das Gericht fest, dass der Gemeinderat am 23. Januar 2008 beschlossen hatte, Strafanzeige zu erstatten, und diesen Beschluss samt Protokoll dem Amtsstatthalter zugestellt hat. Dies genügt als rechtsgenügende Willenserklärung zur Strafverfolgung im Sinne von Art. 30 und Art. 31 StGB, wobei die Formvorschriften des alten kantonalen Prozessrechts bzw. Art. 304 Abs. 1 StPO erfüllt sind.
Den Tatbestand der Sachbeschädigung bejaht das Gericht, weil die Demontage der Sirene diese dauerhaft unbrauchbar machte. Eine Zivilschutzsirene kann ihre Warnfunktion nur am vorgesehenen Ort erfüllen; die theoretische Funktionsfähigkeit nach einer Neumontage an anderer Stelle ändert nichts daran, dass die Sache im ursprünglichen Zustand zerstört bzw. unbrauchbar gemacht wurde (Art. 144 Abs. 1 StGB).
Die Widerhandlung gegen das kantonale Planungs- und Baugesetz (§ 187 i.V.m. § 213 Abs. 1 und 2 PBG/LU) wird bestätigt, da das Haus im Inventar der schützenswerten Objekte stand und der Beschwerdeführer trotz negativer Entscheide der Gemeinde (August 2007 und Januar 2008) ohne Bewilligung abbrach. Das Verhalten war nicht durch Zweifel an der Schutzwürdigkeit entschuldbar.
Die Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs (Konfrontationsrecht, Art. 6 Ziff. 3 lit. d EMRK, Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 32 Abs. 2 BV) wird verworfen, da der Beschwerdeführer keine entsprechenden Einvernahme-Anträge gestellt hatte und somit auf sein Recht verzichtet hat.
Schliesslich prüft das Gericht die Ersatzforderung (Art. 70 f. StGB). Es hält die Anwendung des Bruttoprinzips für nicht willkürlich und verhältnismässig (Art. 26 BV, Art. 36 Abs. 3 BV). Die Vorinstanz durfte die Abbruchkosten und den Wert des zerstörten Gebäudes nicht in Abzug bringen, da sich strafbares Verhalten nicht lohnen soll und der Beschwerdeführer das Risiko der fehlenden Baubewilligung bewusst in Kauf nahm. Die Berechnungsmethode (Lageklassenmethode) und die Schlüssigkeit des gerichtlichen Gutachtens werden nicht als willkürlich beanstandet; private Gegengutachten rechtfertigten kein Obergutachten.
Regeste
Illegaler Abbruch eines schützenswerten Einfamilienhauses; Verjährung der Einziehung bei Übertretungen; Berechnung der Ersatzforderung; Art. 26 und 36 Abs. 3 BV; Art. 97 Abs. 3, Art. 70 f. und 109 StGB. Verjährung der Einziehung bei Übertretungen (E. 1). Anwendung des Brutto- oder Nettoprinzips bei der Festlegung einer Ersatzforderung (Zusammenfassung und Bestätigung der Rechtsprechung; E. 6.3.3). Kognition des Bundesgerichts bei Ersatzforderungen in Anwendung kantonalen Rechts (E. 6.4). Der Beschwerdeführer liess das Einfamilienhaus im Wissen um die verweigerte Entlassung des Objekts aus dem kommunalen Inventar der schützenswerten Kulturobjekte abreissen, um darauf eine gewinnbringende Überbauung vornehmen zu können. Nicht als willkürlich oder unverhältnismässig zu beanstanden ist unter diesen Umständen, wenn die Kosten des Abbruchs, d.h. der eigentlichen Straftat, und der Wert des abgebrochenen Gebäudes bei der Berechnung der Ersatzforderung nicht zum Abzug zugelassen werden. Unerheblich war, dass im Zeitpunkt des Einziehungsentscheids noch nicht mit letzter Sicherheit feststand, ob das Immobilienprojekt mit der höheren Ausnutzung überhaupt verwirklicht werden kann (E. 6.5). Ermittlung des Verkehrswerts des unüberbauten Grundstücks nach der Lageklassenmethode (E. 6.6). Regeste Destruction illégale d'une maison individuelle protégée; prescription de la confiscation en matière de contraventions; calcul de la créance compensatrice; art. 26 et 36 al. 3 Cst.; art. 97 al. 3, art. 70 s. et 109 CP. Prescription de la confiscation en matière de contraventions (consid. 1). Application du principe du bénéfice brut ou du bénéfice net lors de la fixation d'une créance compensatrice (résumé et confirmation de la jurisprudence; consid. 6.3.3). Pouvoir d'examen du Tribunal fédéral en matière de créances compensatrices prononcées en application du droit cantonal (consid. 6.4). Le recourant a fait raser la maison individuelle conscient du refus du retrait de l'objet de l'inventaire communal des objets culturels protégés, pour pouvoir faire ériger à la place une construction lucrative. Dans ces circonstances, il n'est pas arbitraire ou disproportionné de ne pas déduire les coûts de la destruction, c'est-à-dire de la véritable infraction, ni la valeur de la construction détruite pour le calcul de la créance compensatrice. Il importe peu qu'au moment de la décision de confiscation il n'était pas encore tout à fait sûr que le projet immobilier permettant une exploitation du sol plus élevée puisse véritablement être réalisé (consid. 6.5). Estimation de la valeur vénale du terrain non construit selon la méthode de classification par centralité (consid. 6.6). Regesto Demolizione illegale di una casa unifamiliare degna di protezione; prescrizione del diritto di ordinare la confisca in caso di contravvenzioni; calcolo del risarcimento equivalente; art. 26 e 36 cpv. 3 Cost.; art. 97 cpv. 3, art. 70 seg. e 109 CP. Prescrizione del diritto di ordinare la confisca in caso di contravvenzioni (consid. 1). Applicazione del principio lordo o netto nell'ambito della determinazione di un risarcimento equivalente (riepilogo e conferma della giurisprudenza; consid. 6.3.3). Potere cognitivo del Tribunale federale in materia di risarcimenti equivalenti pronunciati in applicazione del diritto cantonale (consid. 6.4). Il ricorrente ha fatto demolire la casa unifamiliare, sapendo del rifiuto di stralciare l'oggetto dall'inventario comunale dei beni culturali protetti, per poter edificare al suo posto uno stabile di reddito. In simili circostanze non appare arbitrario né sproporzionato non dedurre i costi di demolizione, ovvero dell'infrazione vera e propria, e il valore dell'edificio demolito nell'ambito del calcolo del risarcimento equivalente. È irrilevante che al momento della decisione di confisca non fosse ancora stato accertato con assoluta certezza se il progetto immobiliare con un grado di utilizzazione maggiore potesse essere effettivamente realizzato (consid. 6.5). Determinazione del valore venale di un fondo non edificato in base al metodo di classificazione secondo la situazione (consid. 6.6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.