Justizze.

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Justizze. Art. 14 AsylG

Bundesgericht

Asylsuchende mutmassliche Menschenhandelsopferin erhält Anspruch auf Kurzaufenthaltsbewilligung für Dauer des Strafverfahrens (Art. 14 Abs. 1 lit. b Übereinkommen zur Bekämpfung des Menschenhandels)

BGE / ATF / DTF
BGE 145 I 308 · ATF 145 I 308 · DTF 145 I 308
Datum
14.02.2019
Geschäftsnummer
BGE 145 I 308
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 30 AIG Art. 14 AsylG Art. 36 VZAE

Zusammenfassung

Eine kenianische Staatsangehörige stellte unter falscher Identität ein Asylgesuch, das vom Staatssekretariat für Migration nicht behandelt wurde, weil sie über Italien eingereist war und dort ein Visum besessen hatte. Gleichzeitig beantragte sie als mutmassliches Opfer von Menschenhandel eine Kurzaufenthaltsbewilligung für die Dauer des laufenden polizeilichen Ermittlungs- und Strafverfahrens in der Schweiz. Das Migrationsamt des Kantons Zürich trat auf das Gesuch nicht ein, was vom Verwaltungsgericht des Kantons Zürich bestätigt wurde. Die Beschwerdeführerin wandte sich daraufhin ans Bundesgericht mit der Behauptung, ihr stehe ein Anspruch auf Erteilung einer solchen Bewilligung zu.

Das Bundesgericht hob das vorinstanzliche Urteil auf und erkannte einen Anspruch der Beschwerdeführerin auf Erteilung einer Kurzaufenthaltsbewilligung an. Der Anspruch beruht nicht auf nationalem Recht wie Art. 30 Abs. 1 lit. e AIG oder Art. 36 VZAE, da diese Bestimmungen lediglich ein Ermessen der Behörden vorsehen und keine individuellen Rechte verleihen. Vielmehr ergibt sich der Anspruch unmittelbar aus Art. 14 Abs. 1 lit. b des Übereinkommens zur Bekämpfung des Menschenhandels, dessen self-executing-Charakter vom Bundesgericht bejaht wird: Sobald die zuständige Strafverfolgungsbehörde – hier die Stadtpolizei Zürich – die Verfügbarkeit des mutmasslichen Opfers für das Strafverfahren als erforderlich ansieht, ist die Erteilung einer Kurzaufenthaltsbewilligung zwingend vorgeschrieben. Die Vorinstanz hatte zu Unrecht angenommen, die Verfügbarkeit könne auch nach einer Dublin-Wegweisung nach Italien durch ein Kurzvisum sichergestellt werden; das Bundesgericht wies dies als willkürlich zurück, weil die zeitnahe und zuverlässige Mitwirkung des Opfers bei einem laufenden Strafverfahren nur durch einen rechtmässigen Aufenthalt in der Schweiz gewährleistet sei. Die Weisungen des Staatssekretariats für Migration, die eine solche Visumpraxis nahelegen, sind mit Art. 14 Abs. 1 lit. b ÜBM unvereinbar. Der Grundsatz der Ausschliesslichkeit des Asylverfahrens nach Art. 14 Abs. 1 AsylG steht diesem Anspruch nicht entgegen, weil dieser offensichtlich ist und völkerrechtlich fundiert ist. Die Beschwerdeführerin hat zudem Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege. Die Entscheidung stellt einen Meilenstein dar, weil sie erstmals klargestellt hat, dass Art. 14 Abs. 1 lit. b ÜBM unmittelbar und zwingend wirkt und den nationalen Behörden keinen Ermessensspielraum lässt.

Regeste

Art. 30 Abs. 1 lit. e AIG, Art. 36 VZAE, Art. 14 Abs. 1 AsylG, Art. 14 Übereinkommen zur Bekämpfung des Menschenhandels; Art. 4 EMRK. Anspruch eines (mutmasslichen) Opfers von Menschenhandel auf Erteilung einer Kurzaufenthaltsbewilligung für die Dauer eines Strafverfahrens, das der Verfolgung des Menschenhandels dient. Nach dem Grundsatz der Ausschliesslichkeit des Asylverfahrens (Art. 14 Abs. 1 AsylG) kann ein Verfahren auf Erteilung einer ausländerrechtlichen Bewilligung während der Hängigkeit des Asylverfahrens nur eingeleitet werden, wenn ein Anspruch auf die Erteilung der Bewilligung besteht (E. 3.1). Art. 30 AIG und Art. 36 VZAE gewähren keinen Anspruch (E. 3.3). Hingegen ergibt sich ein Bewilligungsanspruch aus Art. 14 Abs. 1 lit. b des Übereinkommens (E. 3.4.2), dem self-executing-Charakter zukommt (E. 3.2 und 3.4.1) auch im Licht von Art. 4 EMRK (E. 3.4.3). Art. 6 CEDAW kommt keine weiterreichende Bedeutung zu (E. 3.4.4). Die Verfügbarkeit eines mutmasslichen Menschenhandelsopfers für das in der Schweiz durchgeführte Strafverfahren kann nicht nach einer Dublin-Wegweisung nach Italien sichergestellt werden, indem ein Visum für einen Kurzaufenthalt ausgestellt wird; soweit die Weisungen des SEM eine solche Praxis nahelegen, sind sie mit den Vorgaben aus Art. 14 Abs. 1 lit. b des Übereinkommens nicht zu vereinbaren (E. 4.1). Regeste Art. 30 al. 1 let. e LEI, art. 36 OASA, art. 14 al. 1 LAsi, art. 14 de la Convention sur la lutte contre la traite des êtres humains; art. 4 CEDH. Droit d'une victime (présumée) de la traite des êtres humains à l'octroi d'une autorisation de séjour de courte durée pour la durée de la procédure pénale poursuivant la traite en question. Selon le principe de l'exclusivité de la procédure d'asile (art. 14 al. 1 LAsi), une procédure visant l'octroi d'une autorisation de séjour ne peut être engagée pendant la procédure d'asile que s'il existe un droit à l'obtention d'une telle autorisation (consid. 3.1). Les art. 30 LEI et 36 OASA ne confèrent aucun droit (consid. 3.3). Un droit à l'obtention d'une autorisation de séjour découle, en revanche, de l'art. 14 al. 1 let. b de la Convention sur la lutte contre la traite des êtres humains (consid. 3.4.2), qui possède un caractère "self-executing" (consid. 3.2 et 3.4.1), au regard également de l'art. 4 CEDH (consid. 3.4.3). L'art. 6 de la Convention sur l'élimination de toutes les formes de discrimination à l'égard des femmes n'a pas une portée plus large (consid. 3.4.4). La disponibilité d'une victime présumée de la traite des êtres humains pour les besoins de la procédure pénale menée en Suisse ne peut pas être assurée, après un renvoi Dublin vers l'Italie, au moyen d'un visa pour un séjour de courte durée; dans la mesure où les directives du SEM recommandent une telle pratique, elles ne sont pas compatibles avec les exigences de l'art. 14 al. 1 let. b de la Convention sur la lutte contre la traite des êtres humains (consid. 4.1). Regesto Art. 30 cpv. 1 lett. e LStrI, art. 36 OASA, art. 14 cpv. 1 LAsi, art. 14 della Convenzione sulla lotta contro la tratta di esseri umani; art. 4 CEDU. Diritto di una persona che si ritiene vittima di una tratta di esseri umani alla concessione di un permesso di soggiorno di breve durata per la durata di una procedura penale che serve a perseguire la tratta in questione. Secondo il principio dell'esclusività della procedura d'asilo (art. 14 cpv. 1 LAsi), è possibile avviare una procedura che mira alla concessione di un permesso di soggiorno nel corso di una procedura d'asilo solo se esiste un diritto all'ottenimento dell'autorizzazione (consid. 3.1). Gli art. 30 LStrI e 36 OASA non conferiscono nessun diritto (consid. 3.3). Per contro, un diritto all'ottenimento di un'autorizzazione risulta dall'art. 14 cpv. 1 lett. b della Convenzione sulla lotta contro la tratta di esseri umani (consid. 3.4.2), che ha un carattere "self-executing" (consid. 3.2 e 3.4.1), anche alla luce dell'art. 4 CEDU (consid. 3.4.3). L'art. 6 della Convenzione sull'eliminazione di ogni forma di discriminazione nei confronti della donna non ha portata più ampia (consid. 3.4.4). La disponibilità di una persona che si ritiene vittima di una tratta di esseri umani per i bisogni della procedura penale condotta in Svizzera non può essere assicurata, dopo un rinvio Dublino verso l'Italia, concedendo un visto per un soggiorno di breve durata; nella misura in cui le direttive della SEM prospettano una simile pratica, esse non sono compatibili con le esigenze dell'art. 14 cpv. 1 lett. b della Convenzione sulla lotta contro la tratta di esseri umani (consid. 4.1).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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