Tochter beantragt nach Tod der Mutter Vergütung von Pflegekosten: örtliche Zuständigkeit des Versicherungsgerichts richtet sich nach Wohnsitz der verstorbenen versicherten Person (Art. 58 Abs. 3 ATSG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 143 V 363 · ATF 143 V 363 · DTF 143 V 363
- Datum
- 28.11.2017
- Geschäftsnummer
- 9C_18/2017
- Abteilung
- II. sozialrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Rückweisung
Tragende Normen
Art. 39 ATSG Art. 58 ATSG Art. 60 ATSG Art. 82 BGG Art. 90 BGG Art. 95 BGG Art. 5 RRV
Zusammenfassung
Eine Tochter hatte bei der Ausgleichskasse des Kantons Thurgau die Vergütung von Pflegekosten für ihre verstorbene Mutter beantragt, die Ergänzungsleistungen bezogen hatte. Nach Ablehnung des Gesuchs erhob die Tochter Beschwerde. Das Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau lehnte diese mit der Begründung ab, es sei örtlich unzuständig, weil die Tochter im Kanton St. Gallen wohne. Gleichzeitig hatte das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen sich ebenfalls für unzuständig erklärt und die Sache zurücküberwiesen. Streit war, welches kantonale Versicherungsgericht für die Beschwerde zuständig ist – jenes am Wohnsitz der Tochter oder jenes am Wohnsitz der verstorbenen Mutter.
Das Bundesgericht hob den Nichteintretensentscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Thurgau auf und verwies die Sache zur materiellen Beurteilung zurück. Es stellte fest, dass die örtliche Zuständigkeit des kantonalen Versicherungsgerichts bei Ergänzungsleistungsstreitigkeiten ausschliesslich nach Art. 58 ATSG bestimmt wird und sich am Wohnsitz der versicherten Person orientiert – hier der verstorbenen Mutter in Y.________ (TG). Die Tochter ist weder versicherte Person noch Beschwerde führender Dritter im Sinne des EL-Rechts, sondern lediglich Rechtsnachfolgerin ihrer Mutter gemäss § 5 RRV Ergänzungsleistungen zur AHV/IV; ihr eigener Wohnsitz im Kanton St. Gallen ist daher für die örtliche Zuständigkeit nicht massgeblich. Die Pflegeleistungen wurden unstreitig ausschliesslich am Wohnsitz der Mutter in Y.________ (TG) erbracht, was den direktesten sachlichen Bezug zum Kanton Thurgau begründet. Der Nichteintretensentscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Thurgau verletzte daher Art. 95 lit. a BGG. Das Bundesgericht verurteilte den Kanton Thurgau zur Entschädigung der Beschwerdeführerin mit Fr. 2'800.– für das bundesgerichtliche Verfahren und erhob keine Gerichtskosten. Die Entscheidung klärt präzise, dass bei postmortaler Vergütung von Pflegekosten im EL-Bereich der Gerichtsstand allein am Wohnsitz der verstorbenen versicherten Person liegt – auch wenn die Rechtsnachfolgerin anderswo wohnt.
Regeste
Art. 58 Abs. 1 ATSG; Art. 14 Abs. 1 lit. b i.V.m. Abs. 2 ELG; § 5 und 5a der Verordnung des Regierungsrates des Kantons Thurgau vom 11. Dezember 2007 zum Gesetz über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung; örtliche Zuständigkeit (negativer Kompetenzkonflikt). Wird die Vergütung für ausgewiesene Krankheits- und Behinderungskosten nach kantonalem Recht allein der Bezügerin der jährlichen Ergänzungsleistung (EL) ausbezahlt, so gilt deren Tochter, welche die Pflegeleistungen erbrachte, weder selber als versicherte Person, noch hat sie einen originären Leistungsanspruch. Ebenso wenig kann sie als Dritte im Sinne des Art. 58 Abs. 1 ATSG angesehen werden, steht doch die von ihr geltend gemachte (Pflege-)Tätigkeit bzw. deren Kostenersatz im EL-rechtlichen Kontext innerhalb des streitigen Rechtsverhältnisses. Die örtliche Zuständigkeit des kantonalen Versicherungsgerichts richtet sich daher nach dem Wohnsitz der Ergänzungsleistungsbezügerin im Zeitraum, für welchen die Anspruchsberechtigung konkret besteht (E. 5.3). Regeste Art. 58 al. 1 LPGA; art. 14 al. 1 let. b en relation avec l'al. 2 LPC; § 5 et 5a de l'ordonnance du Conseil d'Etat du canton de Thurgovie du 11 décembre 2007 sur la loi sur les prestations complémentaires à l'AVS et à l'AI; compétence à raison du lieu (conflit négatif de compétence). Si les frais de maladie et d'invalidité reconnus selon le droit cantonal sont remboursés à la seule bénéficiaire de la prestation complémentaire (PC) annuelle, sa fille, qui fournissait les prestations de soins, ne peut elle-même être considérée comme la personne assurée ni n'a un droit originaire aux prestations. Elle peut d'autant moins être considérée comme un tiers au sens de l'art. 58 al. 1 LPGA que l'activité (de soins), respectivement le remboursement des frais relatifs à celle-ci, qu'elle avait fait valoir, fait partie du rapport juridique litigieux dans le contexte du droit des prestations complémentaires. La compétence territoriale du tribunal cantonal des assurances résulte dès lors du domicile de la bénéficiaire des prestations complémentaires pour la période pour laquelle le droit aux prestations existe concrètement (consid. 5.3). Regesto Art. 58 cpv. 1 LPGA; art. 14 cpv. 1 lett. b in relazione al cpv. 2 LPC; § 5 e 5a dell'ordinanza del Consiglio di Stato del Cantone Turgovia dell'11 dicembre 2007 sulla legge sulle prestazioni complementari all'AVS e all'AI; competenza territoriale (conflitto negativo di competenza). Se le spese di malattia e d'invalidità riconosciute dal diritto cantonale sono rimborsate alla sola beneficiaria della prestazione complementare (PC) annua, sua figlia, prestatrice di cure, non può essere considerata come la persona assicurata né dispone di un diritto originario alle prestazioni. Essa non può neanche essere ritenuta quale terzo nel senso dell'art. 58 cpv. 1 LPGA, perché l'attività (di cura), rispettivamente il rimborso delle spese corrispondenti da lei fatte valere, fa parte del rapporto giuridico litigioso nel contesto del diritto alle prestazioni complementari. La competenza territoriale del tribunale cantonale delle assicurazioni corrisponde quindi al domicilio della beneficiaria delle prestazioni complementari per il periodo in cui il diritto alle prestazioni esiste concretamente (consid. 5.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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