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Justizze. Art. 45 ATSG

Bundesgericht

IV-Stelle klagt gegen Auferlegung der vollen Gerichtsgutachterkosten: Bundesgericht weicht Rechtsprechung ab und verneint bundesrechtliche Bindung an BSV-Tarif (Art. 45 Abs. 1 ATSG)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 V 269 · ATF 143 V 269 · DTF 143 V 269
Datum
29.06.2017
Geschäftsnummer
8C_113/2017
Abteilung
I. sozialrechtliche Abteilung
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 45 ATSG Art. 72bis IVV Art. 78 IVV

Zusammenfassung

Die IV-Stelle Luzern erhob Beschwerde gegen einen Entscheid des Kantonsgerichts Luzern, das ihr die gesamten Kosten eines polydisziplinären Gerichtsgutachtens in Höhe von Fr. 16'670.90 auferlegt hatte. Die IV-Stelle argumentierte, die Kosten müssten sich nach dem Tarifvertrag zwischen dem Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) und der medizinischen Gutachterstelle (MEDAS) richten, was einen Betrag von Fr. 10'882.10 ergeben würde. Die Versicherte verzichtete auf eine Stellungnahme. Das kantonale Gericht beantragte die Abweisung der Beschwerde, das BSV deren Gutheissung.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde der IV-Stelle Luzern ab und bestätigte damit die vollumfängliche Auferlegung der Gerichtsgutachterkosten durch das Kantonsgericht.

Das Bundesgericht stellte fest, dass es keine bundesrechtliche Grundlage dafür gibt, die kantonalen Versicherungsgerichte an den vom BSV mit den MEDAS vereinbarten Tarif für Verwaltungsgutachten auch bei Gerichtsgutachten zu binden. Insbesondere enthalten Art. 45 Abs. 1 ATSG, Art. 61 ATSG oder Art. 72bis IVV keine ausreichende gesetzliche Ermächtigung für eine solche Bindungswirkung. Die Kosten eines vom Gericht angeordneten Gutachtens sind rechtlich Gerichtskosten und nicht Verwaltungskosten, obwohl sie sich auf das sozialversicherungsrechtliche Abklärungsverfahren beziehen. Der Unterschied in der Beweisqualität und im erforderlichen Aufwand zwischen einem Administrativgutachten und einem Gerichtsgutachten – etwa aufgrund der strafrechtlichen Verantwortlichkeit des gerichtlichen Sachverständigen nach Art. 307 und Art. 309 lit. a StGB sowie der komplexeren Falllage im Beschwerdeverfahren – rechtfertigt unterschiedliche Vergütungsregelungen. Zudem führt die strikte Anwendung des BSV-Tarifs praktisch dazu, dass MEDAS-Gutachterstellen Gerichtsgutachten nicht mehr erstellen, was die Funktionsfähigkeit des Beschwerdeverfahrens gefährdet.

Die entscheidenden Normen waren Art. 43 Abs. 1 ATSG (Untersuchungsgrundsatz), Art. 45 Abs. 1 ATSG (Kostenübernahme durch den Versicherungsträger), Art. 45 Abs. 1 Satz 2 ATSG (Kostenübernahme bei unerlässlichen Massnahmen), Art. 72bis Abs. 1 IVV (Tarifvereinbarungen mit MEDAS) und Art. 78 Abs. 3 IVV (Kostenübernahme bei unerlässlichen Abklärungen). Die Gerichtskosten von Fr. 900.- wurden der unterliegenden IV-Stelle auferlegt; eine Parteientschädigung entfiel, da die Beschwerdegegnerin sich nicht vernehmen liess.

Diese Entscheidung ist bemerkenswert, weil das Bundesgericht hier eine langjährige Rechtsprechung zur Kostenberechnung von Gerichtsgutachten in der Invalidenversicherung grundlegend korrigiert und klargestellt hat, dass die kantonalen Gerichte bei der Festsetzung dieser Kosten ein eigenes Ermessen haben, das nur durch sachlich unvertretbare Willkür eingeschränkt ist.

Regeste

Art. 72 bis Abs. 1 IVV; Art. 43 Abs. 1, Art. 45 Abs. 1 und Art. 61 lit. c ATSG; Höhe der von der IV-Stelle zu tragenden Kosten eines polydisziplinären Gerichtsgutachtens. Im Sinne der bisherigen Rechtsprechung besteht mit Art. 45 Abs. 1 ATSG eine genügende gesetzliche Grundlage, dem Versicherungsträger die Kosten eines Gerichtsgutachtens aufzuerlegen (E. 6.2.1). Was die Bemessung der Kosten dieser Abklärungen angeht, fehlt eine bundesgesetzliche Grundlage dafür, dass das BSV mit den MEDAS Tarifvereinbarungen mit Geltung auch für die erstinstanzlichen Beschwerdeverfahren treffen könnte (E. 6.2.2). Eine solche Gesetzesgrundlage, die zu erlassen der Bund ohne Weiteres befugt wäre, ist unabdingbar (E. 6.2.2). Mit Blick auf die fehlende gesetzliche Grundlage wird die bisherige Rechtsprechung insoweit aufgegeben, als die kantonalen Versicherungsgerichte und das Bundesverwaltungsgericht nicht mehr an den Tarif gemäss Anhang 2 der Vereinbarung zwischen dem BSV und den MEDAS gebunden sind. Das bedeutet, dass die IV-Stellen im Rahmen der mit BGE 139 V 496 umschriebenen Grundsätze für die gesamten Kosten des Gerichtsgutachtens aufzukommen haben (E. 7.2). Der vom BSV mit den MEDAS vereinbarte Tarif kann immerhin als Richtschnur dienen, an der sich die Beteiligten zu orientieren haben. Darüber hinaus ergeht die Empfehlung, entweder die erforderliche Gesetzesgrundlage zu schaffen oder aber den bestehenden Tarif unter repräsentativem Einbezug der erstinstanzlichen Beschwerdeinstanzen an die Besonderheiten des Gerichtsverfahrens anzupassen (E. 7.3). Regeste Art. 72 bis al. 1 RAI; art. 43 al. 1, art. 45 al. 1 et art. 61 let. c LPGA; montant des coûts d'une expertise judiciaire pluridisciplinaire à la charge de l'office AI. Conformément à la jurisprudence valable jusqu'à présent, l'art. 45 al. 1 LPGA constitue une base légale suffisante pour mettre les coûts d'une expertise judiciaire à la charge de l'assureur (consid. 6.2.1). En ce qui concerne le calcul du coût de ces mesures d'instruction, il n'existe pas de base légale de droit fédéral en vertu de laquelle l'OFAS pourrait conclure avec les COMAI des conventions tarifaires valables également pour les procédures de recours de première instance (consid. 6.2.2). Une telle base légale, que la Confédération serait sans plus habilitée à promulguer, est indispensable (consid. 6.2.2). En l'absence d'une base légale, la jurisprudence valable jusqu'à présent est abandonnée dans la mesure où les tribunaux cantonaux des assurances et le Tribunal administratif fédéral ne sont plus liés au tarif selon l'annexe 2 de la convention entre l'OFAS et les COMAI. Cela signifie qu'en vertu des principes définis à l' ATF 139 V 496, les offices AI doivent prendre en charge l'ensemble des coûts de l'expertise judiciaire (consid. 7.2). Le tarif conclu par l'OFAS avec les COMAI peut toujours servir de ligne directrice dont les intéressés doivent s'inspirer. En outre, il est souhaitable soit d'édicter la base légale nécessaire, soit d'adapter le tarif existant actuellement aux particularités de la procédure judiciaire en consultant, à titre représentatif, les autorités de recours de première instance (consid. 7.3). Regesto Art. 72 bis cpv. 1 OAI; art. 43 cpv. 1, art. 45 cpv. 1 e art. 61 lett. c LPGA; ammontare delle spese di una perizia giudiziaria pluridisciplinare poste a carico dell'Ufficio AI. Secondo la giurisprudenza finora applicata l'art. 45 cpv. 1 LPGA è una base legale sufficiente per accollare all'assicuratore le spese di una perizia giudiziaria (consid. 6.2.1). Per quanto attiene all'ammontare delle spese della perizia manca una base legale del diritto federale, perché la convenzione tariffale tra l'UFAS e i centri d'osservazione medica dell'AI possa trovare applicazione anche per la procedura di ricorso di primo grado (consid. 6.2.2). Una normativa del genere, che la Confederazione sarebbe autorizzata a promulgare, è imprescindibile (consid. 6.2.2). Avuto riguardo dell'assenza di una base legale, la giurisprudenza è modificata nel senso che i tribunali cantonali delle assicurazioni e il Tribunale amministrativo federale non sono più vincolati alla tariffa dell'allegato 2 della Convenzione tra l'UFAS e i centri d'osservazione medica dell'AI. Ciò significa che l'Ufficio AI in base ai principi stabiliti dalla DTF 139 V 496 deve sopportare l'integralità delle spese di perizia giudiziaria (consid. 7.2). La Convenzione tariffale può sempre servire come indicazione, a cui le parti devono orientarsi. Oltre a ciò, si formula l'auspicio di creare la base legale necessaria o di adattare l'attuale tariffa alle particolarità della procedura giudiziaria, coinvolgendo a titolo rappresentativo, le autorità di ricorso di primo grado (consid. 7.3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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