Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 12 BVV

Bundesgericht

Berufsvorsorge: Verzugszins für rückwirkende Invalidenrente richtet sich nach dem BVG-Mindestzinssatz zum Zeitpunkt der Klageeinreichung, nicht nach dem Zeitpunkt des Rentenbeginns (Art. 15 Abs. 2 BVG i.V.m. Art. 12 lit. j BVV 2)

BGE / ATF / DTF
BGE 151 V 219 · ATF 151 V 219 · DTF 151 V 219
Datum
01.01.2025
Geschäftsnummer
BGE 151 V 219
Abteilung
CH_BGE_007
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 34 ATSG Art. 45 ATSG Art. 61 ATSG Art. 107 BGG Art. 15 BVG Art. 12 BVV Art. 104 OR Art. 105 OR

Zusammenfassung

Die Stiftung Auffangeinrichtung BVG erhob Beschwerde gegen ein kantonales Urteil, das sie verpflichtete, dem Kläger A. rückwirkend ab 1. Januar 2014 eine ganze Invalidenrente auszurichten sowie Verzugszinsen von 1,75 % ab dem Zeitpunkt der Klageeinreichung am 26. Oktober 2021 zu zahlen; zudem hatte sie die Kosten eines gerichtlich eingeholten medizinischen Gutachtens in Höhe von Fr. 3'500.– zu tragen. Die Beschwerdeführerin beanstandete insbesondere die Höhe des Verzugszinssatzes und die Überbürdung der Gutachtenskosten. Im Streit stand, ob der Verzugszins nach dem BVG-Mindestzinssatz zum Zeitpunkt des Rentenbeginns oder zum Zeitpunkt der Klageeinreichung zu bemessen ist und ob die Vorsorgeeinrichtung für die Kosten eines gerichtlichen Gutachtens haftet, wenn sie ihre Sachverhaltsabklärungspflicht nicht genügend erfüllt hat.

Das Bundesgericht hob den Verzugszinssatz von 1,75 % auf 1 % für die bis zur Klageeinreichung geschuldeten Rentenbetreffnisse auf, weil die Verzugszinspflicht gemäss Art. 105 Abs. 1 OR erst mit der Klageeinreichung am 26. Oktober 2021 beginnt und daher der zum damaligen Zeitpunkt geltende BVG-Mindestzinssatz von 1 % (Art. 12 lit. j BVV 2) massgebend ist; für nach Klageeinreichung fällig gewordene Rentenleistungen gilt ab 1. Januar 2024 ein Zinssatz von 1,25 % (Art. 12 lit. k BVV 2). Die Vorinstanz verletzte damit Bundesrecht. Was die Gutachtenskosten betrifft, so stellte das Bundesgericht fest, dass die Vorsorgeeinrichtung ihrer Sachverhaltsabklärungspflicht nicht genügend nachgekommen war, da die von ihr eingereichten Unterlagen – Arztberichte und IV-Verfügung – nicht ausreichten, um die Begründetheit des Invaliditätsanspruchs verlässlich zu beurteilen; sie hätte daher selbstständig und auf eigene Kosten ein medizinisches Gutachten einholen müssen. Da das Berufsvorsorgegericht infolgedessen ergänzende Abklärungen vornehmen musste, sind die Kosten des asim-Gutachtens gemäss Art. 73 Abs. 2 BVG i.V.m. Art. 45 ATSG analog an die Vorsorgeeinrichtung zu überbinden. Der Rechtsgrundsatz des Rechtsmissbrauchsverbots (Art. 2 Abs. 2 ZGB) rechtfertigt diese Analogie. Die Beschwerde wurde daher teilweise gutgeheissen: der Verzugszinssatz wurde korrigiert und die Kostenauflage bestätigt. Das Urteil ist für die Praxis bedeutend, weil es klärt, dass im BVG-Bereich die Verzugszinsberechnung strikt nach dem Zeitpunkt der Klageeinreichung erfolgt und dass Vorsorgeeinrichtungen für ungenügende Sachverhaltsabklärung auch mit Gerichtskosten belastet werden können – analog zur Invalidenversicherung.

Regeste

a Art. 15 Abs. 2 BVG i.V.m. Art. 12 lit. j und k BVV 2; Art. 104 f. OR; Verzugszinssatz. Ist dem Vorsorgereglement in Bezug auf die in zeitlicher Hinsicht massgebliche Höhe des Verzugszinssatzes keine Regelung zu entnehmen, gelangen die allgemeinen intertemporalrechtlichen Prinzipien zur Anwendung. Beginnt die Verzugszinspflicht - wie im vorliegend zu beurteilenden Fall - mit der Klageeinreichung, bemisst sich die Höhe des Zinssatzes nach den in diesem Zeitpunkt gültigen reglementarischen Bestimmungen; für die später fällig gewordenen Rentenleistungen gelten die im betreffenden Zeitraum relevanten Rechtsgrundlagen (E. 3.3.2). Regeste b Art. 73 Abs. 2 BVG; Art. 45, 61 ATSG; Gerichtsgutachtenskosten. Kommt die Vorsorgeeinrichtung ihrer Sachverhaltsabklärungspflicht nicht resp. nicht in genügender Weise nach und muss das Berufsvorsorgegericht in einem nachfolgenden Klageverfahren ergänzende (gutachterliche) Abklärungen vornehmen, hat die Vorsorgeeinrichtung die entsprechenden Kosten zu tragen. Die im invaliden- und unfallversicherungsrechtlichen Bereich diesbezüglich zu Art. 45 ATSG ergangenen Rechtsprechungsgrundsätze sind analog heranzuziehen (E. 6.3.2). Regeste a Art. 15 al. 2 LPP en relation avec l'art. 12 let. j et k OPP 2; art. 104 s. CO; taux d'intérêt moratoire. Si le règlement de prévoyance ne contient aucune disposition relative au taux d'intérêt moratoire déterminant dans le temps, les principes généraux du droit intertemporel s'appliquent. Si l'obligation de verser des intérêts moratoires commence - comme dans le cas à juger en l'espèce - au moment de l'introduction de la demande, le montant du taux d'intérêt se calcule selon les dispositions réglementaires en vigueur à ce moment-là; pour les prestations de rente devenues exigibles ultérieurement, ce sont les bases juridiques pertinentes pour la période concernée qui s'appliquent (consid. 3.3.2). Regeste b Art. 73 al. 2 LPP; art. 45, 61 LPGA; frais d'expertise judiciaire. Si l'institution de prévoyance ne remplit pas ou pas suffisamment son obligation d'établir les faits et que le tribunal de la prévoyance professionnelle doit procéder à des clarifications complémentaires (expertises) dans une procédure d'action ultérieure, l'institution de prévoyance doit supporter les frais correspondants. Il convient d'appliquer par analogie les principes jurisprudentiels relatifs à l'art. 45 LPGA qui prévalent dans le domaine du droit de l'assurance-invalidité et de l'assurance-accidents (consid. 6.3.2). Regesto a Art. 15 cpv. 2 LPP in relazione con l'art. 12 lett. j e k OPP 2; art. 104 seg. CO; tasso d'interesse moratorio. Se il regolamento di previdenza non contiene alcuna disposizione sul tasso d'interesse moratorio determinante dal punto di vista temporale, si applicano i principi generali del diritto intertemporale. Se l'obbligo di versare gli interessi moratori inizia - come nel caso in esame - con l'introduzione della domanda, l'importo del tasso d'interesse è determinato sulla base delle disposizioni del regolamento in vigore in quel momento; per le prestazioni di rendite divenute esigibili successivamente si applicano i principi giuridici determinanti per tale periodo (consid. 3.3.2). Regesto b Art. 73 cpv. 2 LPP; art. 45, 61 LPGA; spese di una perizia giudiziaria. Se l'istituto di previdenza non adempie in tutto o in parte al suo dovere di accertare i fatti e il tribunale della previdenza professionale deve procedere ad accertamenti (peritali) complementari in una successiva procedura d'azione, l'istituto di previdenza deve sostenere i costi corrispondenti. I principi giurisprudenziali relativi all'art. 45 LPGA, che si applicano nel diritto dell'assicurazione per l'invalidità e in quello dell'assicurazione contro gli infortuni, devono essere applicati per analogia (consid. 6.3.2).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

Verwandte Entscheide