Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 15 IVG

Bundesgericht

IV-Stelle lehnt Kostenübernahme für Aufenthalt in sozialtherapeutischer Institution ab: Berufsberatung nach Art. 15 IVG nicht gegeben, da primär Sozialrehabilitation und Schulstoffaufholung im Vordergrund standen

BGE / ATF / DTF
BGE 151 V 79 · ATF 151 V 79 · DTF 151 V 79
Datum
26.11.2024
Geschäftsnummer
8C_120/2024
Abteilung
IV. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 99 BGG Art. 1a IVG Art. 4 IVG Art. 15 IVG Art. 41 IVV Art. 78 IVV

Zusammenfassung

Die IV-Stelle Appenzell Ausserrhoden weigerte sich, die Kosten für den Aufenthalt des Versicherten A.________ in der Institution D.________ zu übernehmen. Der Versicherte wandte sich dagegen an das kantonale Obergericht, das die IV-Stelle verpflichtete, sämtliche Kosten in Höhe von Fr. 120'043.25 zu tragen. Die IV-Stelle legte Beschwerde beim Bundesgericht ein und beantragte die Aufhebung des kantonalen Urteils. Streitig war, ob der Aufenthalt in der Institution D.________ als Massnahme der Berufsberatung nach Art. 15 IVG anzusehen ist und ob die IV-Stelle die Kosten dafür zu übernehmen hat.

Das Bundesgericht hob das Urteil des Obergerichts Appenzell Ausserrhoden auf und bestätigte die Verfügung der IV-Stelle vom 31. Januar 2023, die lediglich Fr. 17'475.- für den Zeitraum vom 15. August bis 19. Dezember 2016 als Kostenübernahme für den Aufenthalt in der Institution D.________ vorsah. Für die erste Phase des Aufenthalts vom 16. November bis 16. Dezember 2015 und vom 8. Februar bis 14. August 2016 stellte das Bundesgericht fest, dass der Aufenthalt primär der Sozialrehabilitation und der Stabilisierung des gesundheitlichen Zustands diente, wobei insbesondere das Nachholen schulischer Defizite im Vordergrund stand; dies fällt nach ständiger Rechtsprechung nicht unter den Begriff der Berufsberatung nach Art. 15 IVG. Es fehlten zudem eigentliche Abklärungen von Neigungen und Fertigkeiten oder ein praktischer Arbeitsversuch im Hinblick auf die Berufswahl. Für die zweite Phase vom 15. August bis 19. Dezember 2016, während der der Versicherte parallel eine berufliche Abklärung und anschließend ein Vorlehrjahr absolvierte, bestätigte das Bundesgericht die Berechnung der IV-Stelle, die auf der Tarifziffer 906.081.2 (Wohnen mit normaler Betreuung) basierte und Fr. 3'495.- monatlich zugrunde legte, was insgesamt Fr. 17'475.- ergab. Die IVSE-Tarife sind für IV-Leistungen nicht verbindlich, da Einrichtungen gemäß Art. 3 Abs. 4 IVSE nicht unter diese Vereinbarung fallen, wenn sie Leistungen zur beruflichen Eingliederung im Sinne des IVG erbringen. Die IV-Stelle hatte daher korrekt die eigenen Tarifvereinbarungen angewandt. Die Beschwerde war zulässig, weil aus dem Gesamtzusammenhang der Beschwerdebegründung nach Treu und Glauben ersichtlich war, dass die IV-Stelle die Bestätigung ihrer Verfügung vom 31. Januar 2023 verlangte. Als unterliegende Partei hat der Beschwerdegegner die Gerichtskosten von Fr. 800.- zu tragen. Die Sache wurde zur Neuverlegung der Kosten des vorangegangenen Verfahrens an das Obergericht Appenzell Ausserrhoden zurückgewiesen. Diese Entscheidung klärt präzise die Grenzen der Berufsberatung nach Art. 15 IVG und betont die strikte Trennung zwischen sozialtherapeutischen Maßnahmen und solchen, die unmittelbar der Berufswahl dienen.

Regeste

Art. 1a lit. a, Art. 15 sowie Art. 27 IVG in Verbindung mit Art. 41 Abs. 1 lit. l IVV; Übernahme von Aufenthaltskosten in einer Institution bei gleichzeitiger beruflicher Abklärung bzw. erstmaliger beruflicher Eingliederung (Vorlehrjahr) in einer anderen Institution unter dem Titel der Berufsberatung nach Art. 15 IVG. Die Bestimmungen der Interkantonalen Vereinbarung vom 13. Dezember 2002 für soziale Einrichtungen (IVSE) kommen für die Invalidenversicherung nicht zum Tragen. Die jeweiligen Leistungserbringer schliessen mit der Invalidenversicherung eigene Vereinbarungen oder eine Vereinbarung eines Preises im Einzelfall nach eigenem Tarifmodell ab, je nach den gewünschten Leistungen (E. 8). Regeste Art. 1a let. a, art. 15 et art. 27 LAI en relation avec l'art. 41 al. 1 let. l RAI; prise en charge des frais de séjour dans une institution en cas de mesure d'instruction professionnelle simultanée ou de première réadaptation professionnelle (année de préapprentissage) dans une autre institution au titre de l'orientation professionnelle selon l'art. 15 LAI. Les dispositions de la Convention intercantonale du 13 décembre 2002 relative aux institutions sociales (CIIS) ne s'appliquent pas à l'assurance-invalidité. Les fournisseurs de prestations respectifs concluent avec l'assurance-invalidité leurs propres conventions ou un accord sur le prix au cas par cas selon leur propre modèle tarifaire, en fonction des prestations voulues (consid. 8). Regesto Art. 1a lett. a, art. 15 e art. 27 LAI in relazione con l'art. 41 cpv. 1 lett. l OAI; assunzione delle spese di soggiorno in un istituto in caso di contemporaneo accertamento professionale o di prima integrazione professionale (anno di pre-apprendistato) in un altro istituto a titolo di orientamento professionale ai sensi dell'art. 15 LAI. Le disposizioni della Convenzione intercantonale del 13 dicembre 2002 per le istituzioni sociali (CIIS) non sono applicabili all'assicurazione per l'invalidità. I rispettivi fornitori di prestazioni concludono con l'assicurazione per l'invalidità accordi propri o un accordo su un prezzo nel singolo caso secondo il proprio modello tariffario, a seconda delle prestazioni richieste (consid. 8).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

Verwandte Entscheide