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Justizze. Art. 4 VO

Bundesgericht

Grenzgängerkind mit Wohnsitz Deutschland: Keine IV-Medizinalmassnahmen trotz KVG-Pflicht, Gleichbehandlung gewahrt (Art. 9 Abs. 2 IVG, Art. 4 VO 883/2004)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 V 1 · ATF 143 V 1 · DTF 143 V 1
Datum
27.01.2017
Geschäftsnummer
BGE 143 V 1
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 1a AHVG Art. 3 ATSG Art. 4 CE Art. 1b IVG Art. 6 IVG Art. 8 IVG Art. 9 IVG Art. 13 IVG Art. 29 IVG Art. 36 IVG Art. 39 IVG Art. 3 KVG Art. 25 KVG Art. 64 KVG Art. 1 KVV Art. 103 KVV Art. 3 VO Art. 4 VO Art. 17 VO Art. 18 VO

Zusammenfassung

Ein Kind eines in der Schweiz tätigen Grenzgängers zog 2013 mit seiner Familie nach Deutschland. Die IV-Stelle für Versicherte im Ausland lehnte daraufhin weitere medizinische Massnahmen zur Behandlung von Geburtsgebrechen ab, da das Kind nicht mehr in der Schweiz wohne. Das Bundesverwaltungsgericht hatte dem Kind diese Leistungen zugesprochen. Die IV-Stelle beschwerte sich gegen diesen Entscheid beim Bundesgericht. Es geht um die Frage, ob der Ausschluss von nicht in der Schweiz wohnhaften Kindern von Grenzgängern von medizinischen Massnahmen der Invalidenversicherung mit dem europäischen Koordinationsrecht vereinbar ist.

Das Bundesgericht hiess die Beschwerde der IV-Stelle für Versicherte im Ausland gut und hob den Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts auf. Der Anspruch auf medizinische Massnahmen nach Art. 13 IVG steht Kindern von in der Schweiz erwerbstätigen Grenzgängern, die nicht in der Schweiz wohnen, nicht zu, da sie gemäss Art. 1b IVG in Verbindung mit Art. 1a Abs. 1 lit. a AHVG nicht der schweizerischen Invalidenversicherung unterstellt sind.

Diese Regelung verstösst nicht gegen das Gleichbehandlungsgebot von Art. 4 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004. Zwar sind Grenzgänger und ihre Familienangehörigen in der Schweiz obligatorisch krankenversichert (Art. 3 Abs. 3 lit. a KVG, Art. 1 Abs. 2 lit. d KVV), doch stellen medizinische Massnahmen bei Geburtsgebrechen sachlich eine krankenversicherungsähnliche Leistung dar. Die Beschränkung des Wahlrechts dieser Personen auf die Krankenversicherung ist daher objektiv gerechtfertigt. Zudem ist die Kostenbeteiligung in der Krankenversicherung mit maximal CHF 350 pro Jahr (Art. 64 Abs. 4 KVG, Art. 103 Abs. 2 KVV) verhältnismässig, da der Selbstbehalt nicht ausschliesslich der Behandlung von Geburtsgebrechen zugeordnet werden kann und die obligatorische Krankenpflegeversicherung auch andere Krankheiten abdeckt (Art. 25 Abs. 1 KVG). Die Verordnung Nr. 883/2004 zielt auf Koordination, nicht auf Harmonisierung ab und erzwingt keine Unterstellung unter spezifische Versicherungszweige (Art. 17 ff., Art. 18 Abs. 2 VO 883/2004).

Entscheidend ist, dass die meisten Grenzgängerkinder die versicherungsmässigen Voraussetzungen für eine IV-Rente ohnehin nicht erfüllen würden (Art. 6, Art. 9, Art. 36, Art. 39 IVG), weshalb eine Eingliederung in der Schweiz vermieden werden soll. Die Vorinstanz hat die Vereinbarkeit von Art. 9 Abs. 2 IVG mit dem Abkommensrecht zu Unrecht verneint.

Regeste

Art. 9 Abs. 2 IVG; Art. 4 und 17 ff. der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit: versicherungsmässige Voraussetzungen in Bezug auf Eingliederungsmassnahmen bei Kindern von in der Schweiz erwerbstätigen Grenzgängern. Art. 9 Abs. 2 IVG, der nicht in der Schweiz wohnhafte, aber hier obligatorisch krankenversicherte Kinder von hier tätigen Grenzgängern von der Unterstellung unter die schweizerische Invalidenversicherung ausnimmt, hält sich im Rahmen der Verordnung Nr. 883/2004, ist insbesondere mit Art. 4 (Gleichbehandlungsgebot) vereinbar (E. 5). Regeste Art. 9 al. 2 LAI; art. 4 et 17 ss du Règlement (CE) n° 883/2004 du Parlement européen et du Conseil du 29 avril 2004 portant sur la coordination des systèmes de sécurité sociale: conditions d'assurance en relation avec des mesures de réadaptation dans le cas d'enfants de frontaliers travaillant en Suisse. L'art. 9 al. 2 LAI, qui soustrait à l'assujettissement à l'assurance-invalidité suisse les enfants de frontaliers actifs en Suisse qui n'y sont pas domiciliés mais qui sont obligatoirement soumis à l'assurance-maladie, reste valable dans le cadre du Règlement n° 883/2004 et est en particulier conciliable avec l'art. 4 (égalité de traitement; consid. 5). Regesto Art. 9 cpv. 2 LAI; art. 4 e 17 segg. del Regolamento (CE) n. 883/2004 del Parlamento europeo e del Consiglio del 29 aprile 2004 relativo al coordinamento dei sistemi di sicurezza sociale: condizioni assicurative in relazione ai provvedimenti d'integrazione in caso di figli di frontalieri che lavorano in Svizzera. L'art. 9 cpv. 2 LAI, che esclude dall'assoggettamento all'assicurazione invalidità svizzera i figli dei frontalieri che esercitano un'attività lucrativa in Svizzera e che non hanno qui domicilio ma sono qui assicurati obbligatoriamente all'assicurazione malattie, resta valido nell'ambito del Regolamento n. 883/2004 ed è in particolare compatibile con l'art. 4 (principio della parità di trattamento; consid. 5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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