Schwyzer Wahlgesetz: Ausschluss der Verwaltungsgerichtsbeschwerde gegen Einspracheentscheide bei kantonalen Wahlen ist mit Art. 29a BV vereinbar (Art. 29a BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 143 I 426 · ATF 143 I 426 · DTF 143 I 426
- Datum
- 01.09.2017
- Geschäftsnummer
- BGE 143 I 426
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 82 BGG Art. 88 BGG Art. 89 BGG Art. 101 BGG Art. 130 BGG Art. 5 BV Art. 29a BV
Zusammenfassung
Mehrere wahlberechtigte Personen des Kantons Schwyz erhoben beim Bundesgericht Beschwerde gegen die revidierten §§ 53 und 53a des kantonalen Wahl- und Abstimmungsgesetzes (WAG/SZ), die den Rechtsschutz im Zusammenhang mit kantonalen Volkswahlen regeln. Sie rügten, diese Bestimmungen verstießen gegen Art. 29a BV und Art. 88 BGG, weil sie grundsätzlich die Beschwerde an das kantonale Verwaltungsgericht gegen Einspracheentscheide des Regierungsrats oder Kantonsrats ausschlössen. Streitig war insbesondere, ob dieser Ausschluss mit der bundesverfassungsmässigen Rechtsweggarantie vereinbar ist und ob eine bundesrechtskonforme Auslegung der kantonalen Regelung möglich ist.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten war. Es stellte fest, dass die Beschwerdeführer als wahlberechtigte Personen des Kantons Schwyz gemäss Art. 89 Abs. 3 BGG legitimiert waren und die Beschwerdefrist nach Art. 101 BGG mit der Einreichung am 24. Dezember 2016 eingehalten wurde. Da ein kantonales Rechtsmittel im Sinne einer abstrakten Normenkontrolle nicht zur Verfügung stand, war der direkte Zugang zum Bundesgericht nach Art. 88 Abs. 1 lit. a und Abs. 2 BGG gegeben. Das Gericht entschied jedoch, dass die angefochtenen §§ 53 und 53a WAG/SZ mit übergeordnetem Recht vereinbar sind, weil sie einer bundesrechtskonformen Auslegung zugänglich sind: Der Ausschluss der Verwaltungsgerichtsbeschwerde ist zulässig, wenn der Regierungsrat oder der Kantonsrat einen eigenen Entscheid oder Realakt in Kenntnis der Einwände in Wiedererwägung zieht; in anderen Konstellationen – etwa bei Anfechtung von Verfügungen untergeordneter Behörden oder bei Rechtsmittelentscheiden des Kantonsrats – greift gemäss § 53 Abs. 3 VRP/SZ die Ausnahme, wonach der Ausschluss nicht gilt, soweit übergeordnetes Recht eine gerichtliche Beurteilung zwingend verlangt. Damit erfüllen die Normen die Anforderungen von Art. 29a BV i.V.m. Art. 88 BGG. Das Feststellungsbegehren wurde mangels selbständiger Bedeutung zurückgewiesen, und die Rüge gegen die kantonale Verfassung wurde mangels ausreichender Begründung nach Art. 42 Abs. 1 BGG nicht behandelt. Die Entscheidung bestätigt die Rechtsprechung, dass die Kantone bei kantonalen Stimmrechtsangelegenheiten eine gerichtliche Rechtsmittelinstanz vorzusehen haben, aber auch, dass eine bundesrechtskonforme Auslegung kantonaler Regelungen Vorrang vor einer Aufhebung hat.
Regeste
Änderung des Wahl- und Abstimmungsgesetzes des Kantons Schwyz; Beschwerde in Stimmrechtssachen; abstrakte Normenkontrolle; Art. 29a BV, Art. 82 lit. c und Art. 88 Abs. 2 BGG. Wird im Verfahren der abstrakten Normenkontrolle geltend gemacht, ein Erlass verletze in der Umschreibung der politischen Rechte höherstufig garantierte Rechte, übernimmt die Beschwerde nach Art. 82 lit. c BGG die Funktion von Art. 82 lit. b BGG. Die Legitimation und der Instanzenzug richten sich indes nach den spezifischen Regeln der Beschwerde in Stimmrechtssachen (E. 1). Vor dem Hintergrund von Art. 29a BV und der Zielsetzungen des Bundesgerichtsgesetzes müssen die Kantone in kantonalen Stimmrechtsangelegenheiten als Rechtsmittelinstanz im Sinne von Art. 88 Abs. 2 Satz 1 BGG eine gerichtliche Behörde einsetzen. Die Ausnahme gemäss Art. 88 Abs. 2 Satz 2 BGG, wonach die Kantone gegen Akte des Parlaments und der Regierung in kantonalen Stimmrechtsangelegenheiten nicht zwingend ein Rechtsmittel vorsehen müssen, gilt nicht für Rechtsmittelentscheide (Bestätigung der Rechtsprechung; E. 3.1). Die Regelung des Kantons Schwyz, wonach gegen Einspracheentscheide des Regierungsrats oder des Kantonsrats, welche im Zusammenhang mit kantonalen Volkswahlen ergehen, die Beschwerde an das kantonale Verwaltungsgericht grundsätzlich ausgeschlossen ist, bietet keine Probleme, wenn der Regierungsrat oder der Kantonsrat einen eigenen Entscheid oder Realakt auf Einsprache hin in Wiedererwägung zieht. Sie lässt sich aber auch in den anderen Konstellationen, in denen ein kantonales Rechtsmittel an eine gerichtliche Behörde von Bundesrechts wegen vorzusehen ist, bundesrechtskonform auslegen (E. 3.2-3.4). Regeste Modification de la loi sur les élections et les votations du canton de Schwyz; recours en matière de droits politiques; contrôle abstrait des normes; art. 29a Cst., art. 82 let. c et art. 88 al. 2 LTF. Lorsque, dans une procédure de contrôle abstrait des normes, il est allégué qu'un arrêté viole, dans la définition du contenu et de l'étendue des droits politiques, des droits de rang supérieur, le recours en vertu de l'art. 82 let. c LTF prévaut sur le recours de l'art. 82 let. b LTF. La qualité pour recourir et les voies de droit sont régies par les règles spécifiques du recours en matière de droits politiques (consid. 1). Conformément à l'art. 29a Cst. et aux objectifs de la LTF, les cantons doivent instituer une autorité judiciaire comme instance de recours au sens de l'art. 88 al. 2, 1 re phrase, LTF dans les affaires cantonales de droits politiques. L'exception de l'art. 88 al. 2, 2 e phrase, LTF, en vertu de laquelle les cantons ne doivent pas nécessairement prévoir une voie de droit contre les actes du parlement et du gouvernement dans les affaires cantonales de droits politiques, ne vaut pas pour les décisions sur recours (confirmation de jurisprudence; consid. 3.1). Selon la réglementation du canton de Schwyz, un recours auprès du Tribunal administratif cantonal est en principe exclu contre les décisions du Conseil d'Etat ou du Grand Conseil prises sur opposition dans le cadre des élections cantonales populaires. Cela ne présente aucun problème dès lors que le Conseil d'Etat ou le Grand Conseil réexamine ses propres décisions ou actes matériels sur demande de réexamen. Cette réglementation peut également être interprétée de façon conforme au droit fédéral dans les autres cas de figure dans lesquels une voie de droit cantonale doit être prévue auprès d'une instance judiciaire en vertu du droit fédéral (consid. 3.2-3.4). Regesto Modifica della legge sulle elezioni e votazioni del Cantone di Svitto; ricorso nelle cause concernenti il diritto di voto; controllo astratto delle norme; art. 29a Cost., art. 82 lett. c e art. 88 cpv. 2 LTF. Qualora nel contesto di una procedura del controllo astratto delle norme è fatto valere che un atto normativo nella definizione dei diritti politici viola diritti garantiti di rango superiore, il ricorso ai sensi dell'art. 82 lett. c LTF assume le funzioni dell'art. 82 lett. b LTF. La legittimazione e le vie di ricorso si orientano tuttavia alle specifiche regole del ricorso concernente il diritto di voto (consid. 1). Sotto il profilo dell'art. 29a Cost. e delle finalità della LTF, nell'ambito dei diritti politici in materia cantonale, i Cantoni devono istituire, quale autorità di ricorso ai sensi dell'art. 88 cpv. 2 primo periodo LTF, un'autorità giudiziaria. L'eccezione dell'art. 88 cpv. 2 secondo periodo LTF, secondo cui contro atti del Parlamento e del Governo nell'ambito di diritti politici in materia cantonale i Cantoni non devono imperativamente prevedere un rimedio giuridico, non vale per le decisioni rese su ricorso (conferma della giurisprudenza; consid. 3.1) La regolamentazione del Cantone Svitto, secondo la quale avverso le decisioni su opposizione del Consiglio di Stato o del Parlamento cantonale emanate in relazione a elezioni popolari cantonali è di massima escluso il ricorso al Tribunale cantonale amministrativo, non pone nessun problema nella misura in cui il Consiglio di Stato o il Gran Consiglio riconsiderano una loro decisione o un atto reale in seguito a un'opposizione. Essa può essere interpretata in maniera conforme al diritto federale anche nel quadro di altre costellazioni, nelle quali un rimedio di diritto cantonale a un'autorità giudiziaria debba essere previsto in virtù del diritto federale (consid. 3.2-3.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
Verwandte Entscheide
- Ärztevereinigung und Facharzt klagen gegen kantonale Höchstzahlen für OKP-Zulassung: Verordnung auf richtiger Normstufe, keine Verletzung der Wirtschaftsfreiheit oder Grundversorgung (Art. 55a KVG)
- Ständeratswahl im Kanton Schaffhausen: Kein politischer Wohnsitz am Wahltag führt zur Aufhebung der Wahl (Art. 34 BV)
- Kandidatin wechselt kurz nach Kantonsratswahl von GLP zur FDP: Schwere Irreführung über Listenzugehörigkeit bei Doppelproporzverfahren verletzt Wahlfreiheit (Art. 34 Abs. 2 BV)
- Kantonsrat muss beschlossene Verfassungsänderung als formellen Gegenvorschlag zur Volksinitiative gegenüberstellen: Verletzung der Wahl- und Abstimmungsfreiheit bei gestaffelter Abstimmung (Art. 34 Abs. 2 BV)
- Kanton Basel-Stadt führt Rückkehrrecht für Mieter nach Sanierung ein: Direkter Eingriff in privatrechtliches Mietverhältnis verletzt Vorrang des Bundesrechts (Art. 49 BV i.V.m. Art. 109 und Art. 122 BV)
- Beschwerdeführer rügen schwyzerische Corona-Verordnung: Kein aktuelles Rechtsschutzinteresse und unzureichende Begründung, Veranstaltungsverbot bleibt verhältnismässig (Art. 22 BV, Art. 36 BV)
- Kanton Zürich und OJPD äussern sich vor eidgenössischer Volksabstimmung zum NDG: Intervention des Kantons zulässig, jene der OJPD unzulässig (Art. 34 Abs. 1 und 2 BV)
- Kanton Uri wählt Landrat nach gemischtem Wahlsystem: Proporzteil verletzt Erfolgswertgleichheit wegen zu kleiner Wahlkreise (Art. 34 Abs. 2 BV)