Kanton Uri wählt Landrat nach gemischtem Wahlsystem: Proporzteil verletzt Erfolgswertgleichheit wegen zu kleiner Wahlkreise (Art. 34 Abs. 2 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 143 I 92 · ATF 143 I 92 · DTF 143 I 92
- Datum
- 12.10.2016
- Geschäftsnummer
- 1C_511/2015
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 82 BGG Art. 88 BGG Art. 107 BGG Art. 34 BV Art. 87 KV/UR Art. 88 KV/UR Art. 55 VRPV
Zusammenfassung
Mehrere stimm- und wahlberechtigte Personen des Kantons Uri erhoben beim Bundesgericht Beschwerde gegen die Weisungen des Regierungsrats über die Gesamterneuerungswahl des Landrats für die Legislaturperiode 2016–2020. Sie rügten insbesondere die Wahlkreiseinteilung und das darin vorgesehene gemischte Wahlsystem, bei dem in Gemeinden mit einem oder zwei Sitzen nach dem Mehrheitsprinzip (Majorz), in Gemeinden mit drei oder mehr Sitzen nach dem Verhältnisprinzip (Proporz) gewählt wird. Streitig war, ob dieses System mit der bundesverfassungsmässigen Wahlrechtsgleichheit vereinbar ist, insbesondere ob die Proporzwahlkreise zu klein sind und damit zu viele gewichtslose Stimmen erzeugen.
Das Bundesgericht hielt die Beschwerde für begründet und stellte fest, dass das Verfahren für die Wahl des Landrats des Kantons Uri vor der Bundesverfassung nicht standhält. Entscheidend war, dass in sechs von acht Proporzwahlkreisen natürliche Quoren von mehr als 10 % entstanden – in drei Gemeinden mit je drei Sitzen 25 %, in einer mit vier Sitzen 20 %, in einer mit sechs Sitzen 14,3 %, in einer mit sieben Sitzen 12,5 %, in einer mit neun Sitzen 10 % und in einer mit 15 Sitzen 6,3 %. Diese Überschreitung des Leitwerts von 10 % ist grundsätzlich unzulässig, und der Regierungsrat brachte keine sachlichen Gründe vor, die solche erheblichen Einbrüche in das Proporzwahlverfahren rechtfertigen könnten. Damit verletzt das geltende Verfahren die Erfolgswertgleichheit gemäss Art. 34 Abs. 2 BV, die im Proporzverfahren wahlkreisübergreifend verwirklicht sein muss. Das Bundesgericht stellte ausdrücklich fest, dass die Sitzgarantie für jede Gemeinde verfassungskonform ist und die Beibehaltung des Majorzprinzips in den zwölf kleinsten Gemeinden unter bestimmten Voraussetzungen (wie Anwendung der Methode „Doppelter Pukelsheim“ in den Proporzgemeinden) sachlich gerechtfertigt sein könnte; diese Frage war jedoch nicht entscheidend, da die Verfassungswidrigkeit allein im Proporzteil lag. Die zuständigen Behörden des Kantons Uri wurden aufgefordert, im Hinblick auf die nächste Landratswahl eine verfassungskonforme Wahlordnung zu schaffen. Es wurden keine Gerichtskosten erhoben, und der Kanton Uri hat den Beschwerdeführern eine Parteientschädigung von Fr. 2'500.-- zu bezahlen. Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie die gefestigte Rechtsprechung zur wahlkreisübergreifenden Erfolgswertgleichheit im Proporzverfahren bestätigt und klare Grenzen für zulässige natürliche Quoren setzt.
Regeste
Art. 34 Abs. 1 und 2 BV; Wahl eines kantonalen Parlaments in einem gemischten Wahlverfahren, welches Elemente sowohl des Majorz- als auch des Proporzprinzips enthält. Die Erfolgswertgleichheit als Teilgehalt der Wahlrechtsgleichheit hat wahlkreisübergreifenden Charakter, indem sie auch eine innerhalb des gesamten Wahlgebiets gleiche Verwirklichung des Erfolgswerts bedingt. Wenn sich ein Kanton zum Proporzwahlverfahren bekennt, bleibt für eine rein wahlkreisbezogene Verwirklichung der Proportionalität kein Platz (E. 3). Soweit bei der Wahl eines kantonalen Parlaments das Proporzwahlverfahren zur Anwendung gelangt, lassen sich auch in einem gemischten Wahlsystem Wahlkreise, die gemessen am Leitwert eines grundsätzlich noch zulässigen natürlichen Quorums von 10 % deutlich zu klein sind, nicht rechtfertigen (E. 5). Ein gemischtes Wahlsystem ist unter bestimmten Voraussetzungen mit der Bundesverfassung vereinbar (E. 6.1-6.3). Eine Sitzgarantie für kleine Gemeinden, die einen eigenen Wahlkreis bilden, kann mit der Wahlrechtsgleichheit vereinbar sein, selbst wenn das Verhältnis zwischen der den Wahlkreisen zugeteilten Sitzzahl und der repräsentierten Bevölkerung teilweise stark variiert (E. 6.4). Regeste Art. 34 al. 1 et 2 Cst.; élection d'un parlement cantonal selon un système d'élection mixte, comprenant des éléments des systèmes majoritaire et proportionnel. L'égalité des chances de succès - en tant que composante de l'égalité de droit en matière d'élections - a un caractère qui va au-delà des arrondissements électoraux, dans la mesure où elle a pour conséquence une même réalisation des chances de succès à l'intérieur de tout le territoire électoral. Si un canton choisit le système proportionnel, il ne reste pas de place pour une pure réalisation de la proportionnalité liée aux circonscriptions électorales (consid. 3). Tant que le système proportionnel est utilisé pour l'élection d'un parlement cantonal, il n'est pas possible, dans un système d'élection mixte, de justifier des circonscriptions électorales, qui sont trop petites par rapport à une valeur-seuil d'un quorum naturel de 10 % considéré en principe comme admissible (consid. 5). Un système d'élection mixte est, à certaines conditions, compatible avec la Constitution fédérale (consid. 6.1-6.3). Une garantie de siège pour des petites communes, qui forment un seul arrondissement électoral, peut être compatible avec l'égalité de droit en matière d'élections, même si le rapport entre le nombre de sièges à répartir dans les arrondissements électoraux et la population représentée varie partiellement fortement (consid. 6.4). Regesto Art. 34 cpv. 1 e 2 Cost.; elezione di un Parlamento cantonale secondo un sistema misto, che contiene elementi del sistema maggioritario e di quello proporzionale. Il principio dell'equivalenza dell'influenza dei voti sull'esito di elezioni, quale componente del principio dell'uguaglianza in materia di diritto di voto, ha un carattere che va oltre i circondari elettorali, in quanto richiede la medesima realizzazione del principio dell'equivalenza anche all'interno di tutto il comprensorio elettorale. Qualora un Cantone scelga il sistema di voto proporzionale, non rimane più spazio per una realizzazione pura della proporzionalità limitatamente ai singoli circondari elettorali (consid. 3). Nella misura in cui nell'elezione di un Parlamento cantonale si applichi il sistema proporzionale, anche in un sistema di elezioni misto, circondari elettorali manifestamente troppo piccoli che non permettono di raggiungere di principio il valore di riferimento di un quorum naturale del 10% non sono giustificabili (consid. 5). A determinate condizioni un sistema di elezione misto è compatibile con la Costituzione federale (consid. 6.1-6.3). La garanzia di un seggio per piccoli comuni, che formano un proprio circondario elettorale, può essere compatibile con il principio dell'uguaglianza in materia di diritto di voto, anche qualora il rapporto tra il numero dei seggi attribuito ai circondari elettorali e la popolazione rappresentata vari in parte fortemente (consid. 6.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.