Justizze.

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Justizze. Art. 130 StPO

Bundesgericht

Beschuldigter beantragt amtliche Verteidigung wegen Drohung und grober Verkehrsverstöße: Kein Anspruch auf notwendige oder amtliche Verteidigung bei fehlender Schwere und Komplexität (Art. 130 lit. b und c StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 I 164 · ATF 143 I 164 · DTF 143 I 164
Datum
03.04.2017
Geschäftsnummer
BGE 143 I 164
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 6 EMRK Art. 130 StPO Art. 131 StPO Art. 132 StPO

Zusammenfassung

Ein Beschuldigter erhob Beschwerde gegen die Ablehnung seines Gesuchs um Bestellung einer amtlichen Verteidigung im Strafverfahren wegen grober Verletzung von Verkehrsregeln und Drohung. Er machte geltend, ihm drohe eine Maximalstrafe von drei Jahren Freiheitsstrafe und er sei aufgrund seiner Bildung und Sozialisation nicht in der Lage, sich wirksam zu verteidigen. Die Vorinstanzen hatten den Antrag abgewiesen, weil die konkrete Strafdrohung gering sei und keine Anhaltspunkte für eine eingeschränkte Verteidigungsfähigkeit vorlägen. Der Beschwerdeführer rügte eine Verletzung seiner Rechte auf ein faires Verfahren und auf effektive Verteidigung.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten war. Es stellte fest, dass kein Anspruch auf notwendige Verteidigung nach Art. 130 lit. b StPO bestand, weil konkret keine Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr oder eine freiheitsentziehende Massnahme drohte – die Staatsanwaltschaft beantragte lediglich eine Geldstrafe von 50 Tagessätzen und eine Busse von Fr. 1'000.-. Auch Art. 130 lit. c StPO war nicht erfüllt, da keine körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen vorlagen und die vom Beschwerdeführer angeführten Gründe wie sein Bildungsniveau und seine frühe Zeit in Südamerika keine objektiv gewichtigen Einschränkungen seiner Verteidigungsfähigkeit darstellten; er absolvierte die Schweizer Oberstufe, beherrschte Deutsch, arbeitete als Detailhandelsfachmann und plante eine Handelsschule. Die Strafbehörden hatten ihn mehrfach und hinreichend über seine Rechte aufgeklärt, sodass keine Verletzung der Aufklärungs- und Fürsorgepflicht nach Art. 6 Ziff. 1 EMRK und Art. 31/32 BV vorlag. Die abstrakte Betrachtungsweise der gesetzlichen Höchststrafe nach Art. 6 Ziff. 3 lit. c EMRK wurde zurückgewiesen, da der EGMR in der Quaranta-Rechtsprechung stets die Gesamtheit der Umstände berücksichtigt und eine isolierte Betrachtung der Strafdrohung zu unangemessenen Ergebnissen führen würde. Schliesslich war auch kein Anspruch auf amtliche Verteidigung nach Art. 132 StPO gegeben, weil der Fall weder einen Bagatellfall überschritt noch tatsächliche oder rechtliche Schwierigkeiten aufwies, denen der Beschuldigte allein nicht gewachsen gewesen wäre: Der Sachverhalt beschränkte sich auf zwei klare Tatvorwürfe (Abstandsverstoss und Drohung mit einem geschlossenen Klappmesser), die Beweislage war überschaubar (Aussagen der Beteiligten und beschlagnahmte Gegenstände), und es stellten sich keine heiklen Rechtsfragen. Die Kosten des Verfahrens trägt der Beschwerdeführer.

Regeste

Art. 6 Ziff. 3 lit. c und Art. 6 Ziff. 1 EMRK, Art. 29 Abs. 3, Art. 31 Abs. 2 und Art. 32 Abs. 2 BV, Art. 130 und Art. 132 StPO: notwendige und amtliche Verteidigung. Ein Anspruch auf notwendige Verteidigung ergibt sich weder aus Art. 29 Abs. 3 BV noch aus Art. 6 Ziff. 3 lit. c EMRK. Nach Massgabe der Garantie der Fairness sowie der Aufklärungs- und Fürsorgepflicht (Art. 6 Ziff. 1 EMRK, Art. 31 Abs. 2 und Art. 32 Abs. 2 BV) kann es geboten sein, dass die Strafbehörde von Amtes wegen für eine notwendige Verteidigung zu sorgen hat (Bestätigung der Rechtsprechung; E. 2.3). Gesetzlicher Anspruch auf notwendige Verteidigung (E. 2.4), insbesondere aus Art. 130 lit. b StPO (zur Anknüpfung an das konkret zu erwartende Strafmass, vgl. E. 2.4.3) und Art. 130 lit. c StPO ("anderer Grund", vgl. E. 2.4.4). Unentgeltliche Bestellung einer amtlichen Verteidigung gemäss Art. 6 Ziff. 3 lit. c und Art. 6 Ziff. 1 EMRK in der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (E. 3.2). Zur "abstrakten Betrachtungsweise" gemäss Quaranta -Rechtsprechung (E. 3.3) und deren Harmonisierung mit der StPO- Konzeption (E. 3.4-3.6). Regeste Art. 6 par. 3 let. c et art. 6 par. 1 CEDH, art. 29 al. 3, art. 31 al. 2 et art. 32 al. 2 Cst., art. 130 et 132 CPP: défense obligatoire et d'office. Un droit à une défense obligatoire ne résulte ni de l'art. 29 al. 3 Cst., ni de l'art. 6 par. 3 let. c CEDH. Au regard du droit à un procès équitable, ainsi que des devoirs d'information et d'assistance incombant aux autorités pénales (art. 6 par. 1 CEDH, 31 al. 2 et 32 al. 2 Cst.), celles-ci peuvent être amenées à examiner d'office si un cas de défense obligatoire entre en considération (confirmation de la jurisprudence; consid. 2.3). Conditions légales du droit à une défense obligatoire (consid. 2.4), en particulier en application de l'art. 130 let. b CPP (eu égard à la peine concrètement encourue, voir consid. 2.4.3) et de l'art. 130 let. c CPP ("autres motifs", voir consid. 2.4.4). Assistance gratuite d'un avocat d'office selon l'art. 6 par. 3 let. c et art. 6 par. 1 CEDH dans la jurisprudence de la Cour européenne des droits de l'homme (consid. 3.2). "Prise en compte abstraite" (de la peine encourue) selon la jurisprudence Quaranta (consid. 3.3) et son harmonisation avec la conception du CPP (consid. 3.4-3.6). Regesto Art. 6 n. 3 lett. c e art. 6 n. 1 CEDU, art. 29 cpv. 3, art. 31 cpv. 2 e art. 32 cpv. 2 Cost., art. 130 e art. 132 CPP: difesa obbligatoria e d'ufficio. Un diritto a una difesa obbligatoria non deriva né dall'art. 29 cpv. 3 Cost. né dall'art. 6 n. 3 lett. c CEDU. I principi dell'equo procedimento, come pure degli obblighi di informazione e di assistenza (art. 6 n. 1 CEDU, art. 31 cpv. 2 e art. 32 cpv. 2 Cost.) possono esigere dall'autorità penale ch'essa intervenga d'ufficio se si è in presenza di una difesa obbligatoria (conferma della giurisprudenza, consid. 2.3). Condizioni legali del diritto a una difesa obbligatoria (consid. 2.4), in particolare in applicazione dell'art. 130 lett. b CPP (in relazione alla pena concretamente presumibile cfr. consid. 2.4.3) e dell'art. 130 lett. c CPP ("altri motivi", cfr. consid. 2.4.4). Assistenza gratuita di un difensore d'ufficio secondo l'art. 6 n. 3 lett. c e art. 6 n. 1 CEDU nella giurisprudenza della Corte europea dei diritti dell'uomo (consid. 3.2). Sulla "considerazione astratta" secondo la giurisprudenza Quaranta (consid. 3.3) e la sua armonizzazione con la concezione del CPP (consid. 3.4-3.6).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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