Sicherungsentzug nach Missachtung der Abstinenzauflage: EtG-Wert von 8 pg/mg beweist Alkoholkonsum (Art. 17 Abs. 5 SVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 140 II 334 · ATF 140 II 334 · DTF 140 II 334
- Datum
- 13.06.2014
- Geschäftsnummer
- 1C_809/2013
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Die Abteilung Administrativmassnahmen der Staats- und Jugendanwaltschaft des Kantons Glarus focht ein Urteil des kantonalen Verwaltungsgerichts an, das einen Sicherungsentzug des Führerausweises aufgehoben hatte. Der Betroffene war zuvor wegen wiederholter Trunkenheitsfahrten aufgefallen und erhielt seinen Ausweis nur unter der Auflage einer ärztlich kontrollierten Alkoholtotalabstinenz zurück. Eine Haaranalyse ergab einen Ethylglucuronid-Wert (EtG) von 8 pg/mg. Die Vorinstanz wertete diesen Befund als Nachweis der Abstinenz, indem sie eine Messunsicherheit zugunsten des Fahrers berücksichtigte. Die Beschwerdeführerin rügte diese Interpretation als offensichtlich unzutreffend und verlangte die Bestätigung des Entzugs.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut und bestätigt den Sicherungsentzug des Führerausweises. Es stellt fest, dass die Vorinstanz den EtG-Wert falsch interpretiert hat.
Im Rahmen eines Sicherungsentzugs nach Art. 17 Abs. 5 SVG gilt die Unschuldsvermutung nicht, da es sich um eine Massnahme zur Verkehrssicherheit handelt und nicht um eine Strafe für schuldhaftes Verhalten. Daher darf bei der Bewertung von Messergebnissen mit Unsicherheiten nicht automatisch zugunsten des Betroffenen korrigiert werden, wie dies im Strafverfahren üblich ist. Bei Haaranalysen ist vielmehr auf den gemessenen Wert selbst abzustellen, wenn dieser – wie hier mit 8 pg/mg – über dem Toleranzgrenzwert von 7 pg/mg liegt. Werte über 7 pg/mg sprechen für einen moderaten Alkoholkonsum und damit für eine Verletzung der Abstinenzauflage.
Das Gericht klärt zudem die Rechtsprechung zur Haaranalyse nach Art. 55 Abs. 7 lit. c SVG: Ein EtG-Wert zwischen 2 und 7 pg/mg ist nicht schlüssig allein, sondern muss im Kontext gewürdigt werden; Werte über 7 pg/mg widerlegen die Abstinenz jedoch eindeutig. Da der Betroffene durch die frühere Rechtsprechung zwar prozessual geschützt wurde, aber materiell gegen seine Pflicht verstossen hat, wird der Entzug bestätigt. Auf Kosten und Parteientschädigungen wird verzichtet, um die Klarstellung der Rechtsprechung zu honorieren.
Regeste
Sicherungsentzug; Wiedererteilung des Führerausweises unter einer Alkoholabstinenzauflage; Haaranalyse; Vertrauensschutz bei Klarstellung der Rechtsprechung; Art. 16d Abs. 1 und Art. 17 Abs. 5 SVG. Sicherungsentzug nach Missachtung einer Abstinenzauflage (E. 2). Nachweis der Einhaltung der Abstinenzauflage mittels Haaranalyse (E. 3-5). Sicherungsentzüge dienen der Gewährleistung der Verkehrssicherheit; in den sie betreffenden Verfahren gilt die Unschuldsvermutung nicht. Bei der Haaranalyse zum Nachweis der Abstinenz ist auf den gemessenen Mittelwert, ohne Berücksichtigung der Messungenauigkeit von +/- 25 %, abzustellen (E. 6). Interpretation der Messwerte: Bei EtG-Werten unter der Nachweisgrenze von 2 pg/mg gilt die Abstinenz als eingehalten, bei Werten von über 7 pg/mg als missachtet. Werte dazwischen sind für sich allein nicht schlüssig. Anwendung in concreto (E. 7). Vertrauensschutz bei Klarstellung der Rechtsprechung (E. 8). Regeste Retrait de sécurité; restitution du permis de conduire sous condition d'une abstinence à l'alcool; analyse de cheveux; protection de la confiance en cas de précision de la jurisprudence; art. 16d al. 1 et art. 17 al. 5 LCR. Retrait de sécurité du permis de conduire en raison du non-respect de l'obligation d'abstinence (consid. 2). Contrôle du respect de l'abstinence au moyen d'une analyse de cheveux (consid. 3-5). Les retraits de sécurité du permis de conduire garantissent la sécurité du trafic; la présomption d'innocence ne vaut pas dans les procédures les concernant. Lorsque l'analyse de cheveux est utilisée comme preuve de l'abstinence, il faut se fonder sur la valeur moyenne mesurée sans égard à l'incertitude de mesure de +/- 25 % (consid. 6). Interprétation de la valeur mesurée: l'obligation d'abstinence est tenue pour respectée en cas de valeurs EtG inférieures au seuil de détection de 2 pg/mg, et pour violée en cas de valeurs supérieures à 7 pg/mg. Les valeurs situées entre deux ne sont pas probantes à elles seules. Application au cas concret (consid. 7). Protection de la confiance en cas de précision de la jurisprudence (consid. 8). Regesto Revoca a scopo di sicurezza; restituzione della licenza di condurre a condizione di astenersi dal consumo di bevande alcoliche; analisi dei capelli; tutela della fiducia nel contesto di un chiarimento della giurisprudenza; art. 16d cpv. 1 e art. 17 cpv. 5 LCStr. Revoca a scopo di sicurezza in seguito all'inosservanza di un obbligo di astinenza (consid. 2). Controllo del rispetto dell'obbligo di astinenza per il tramite di un'analisi dei capelli (consid. 3-5). Le revoche a scopo di sicurezza servono a garantire la sicurezza del traffico; nei relativi procedimenti, la presunzione di innocenza non vale. Nel quadro dell'analisi dei capelli tendente a provare l'astinenza, ci si deve fondare sul valore medio misurato, senza tener conto dell'inesattezza della misurazione di +/- 25 % (consid. 6). Interpretazione dei valori misurati: di fronte a valori EtG inferiori al limite di rilevamento di 2 pg/mg, l'astinenza è rispettata, dinanzi a valori superiori a 7 pg/mg essa è disattesa. Valori che si situano entro questi due limiti da soli non sono concludenti. Applicazione nel caso concreto (consid. 7). Tutela della fiducia nel contesto di un chiarimento della giurisprudenza (consid. 8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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