Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 63 AuG

Bundesgericht

Afghanischer Ehemann mit zweijähriger Freiheitsstrafe: Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung unverhältnismässig wegen familiärer Bindungen (Art. 63 Abs. 1 lit. a AuG)

BGE / ATF / DTF
BGE 139 I 145 · ATF 139 I 145 · DTF 139 I 145
Datum
15.03.2013
Geschäftsnummer
BGE 139 I 145
Abteilung
CH_BGE_001
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 51 AuG Art. 62 AuG Art. 63 AuG Art. 96 AuG Art. 8 EMRK

Zusammenfassung

Ein 1986 geborener afghanischer Staatsangehöriger, der seit 2001 in der Schweiz lebt und seit 2005 mit einer Schweizerin verheiratet ist, wurde 2010 wegen Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Das Migrationsamt des Kantons Zürich verweigerte daraufhin die Verlängerung seiner Aufenthaltsbewilligung. Die Vorinstanzen bestätigten diese Verfügung unter Hinweis auf die Schwere der Drogendelikte und die sogenannte "Zweijahresregel". Der Betroffene focht den Entscheid beim Bundesgericht an und machte geltend, dass ihm und seiner Familie ein Verbleib in der Schweiz zuzumuten sei.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut und ordnet die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung an. Es bestätigt zwar, dass die Verurteilung zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe einen Widerrufsgrund nach Art. 63 Abs. 1 lit. a i.V.m. Art. 62 lit. b AuG bildet, hält jedoch fest, dass die "Reneja-Praxis" keine absolute Grenze darstellt. Bei der Verhältnismässigkeitsprüfung gemäss Art. 96 Abs. 1 AuG und Art. 8 EMRK überwiegen im konkreten Fall die privaten Interessen des Beschwerdeführers. Massgebend war insbesondere, dass seine schweizerische Ehefrau eine Ausreise nach Afghanistan aufgrund der dortigen desolaten humanitären und sicherheitspolitischen Lage nicht zugemutet werden kann. Zudem besteht eine intakte und enge Beziehung zum gemeinsamen, damals fünfjährigen Sohn, dessen Entwicklung durch eine Trennung gefährdet wäre. Der Beschwerdeführer lebte bereits zwölf Jahre in der Schweiz, war erwerbstätig und hatte sich seit der Tat wohlverhalten; es handelte sich um seine Erstverurteilung. Trotz der Schwere der Drogendelikte (Verkauf von Kokain und Heroin) erwies sich die Fernhaltung als unverhältnismässig. Das Gericht sprach eine ausdrückliche Verwarnung nach Art. 96 Abs. 2 AuG aus.

Regeste

Art. 63 Abs. 1 lit. a i.V.m. Art. 62 lit. b und Art. 51 Abs. 1 lit. b AuG; Art. 96 Abs. 1 AuG; Art. 8 Ziff. 1 und 2 EMRK; Aufenthalts- und Niederlassungsbewilligung; Verhältnismässigkeitsprüfung beim Vorliegen von Widerrufsgründen. Wiederholung der massgeblichen Kriterien für die Abwägung zwischen den öffentlichen Fernhalteinteressen und den privaten Interessen des Ausländers am Verbleib in der Schweiz (E. 2.4 und 2.5). Grundsätzliches Festhalten an der sog. "Reneja"-Praxis, wonach einem Ausländer nach bloss kurzer Aufenthaltsdauer und bei einer Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren oder mehr in der Regel selbst dann kein Aufenthaltstitel mehr zu erteilen ist, wenn der schweizerischen Ehepartnerin die Ausreise nicht oder nur schwer zuzumuten ist. Wie bisher stellt diese sog. "Zweijahresregel" aber - ungeachtet der Art der Delinquenz - keine feste Grenze dar. Entscheidend ist stets das Gesamtbild eines jeden Einzelfalles, welches anhand von sämtlichen massgeblichen Kriterien zu bewerten ist. Trotz der Verurteilung zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe erweist sich die Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung im vorliegenden Fall, namentlich aufgrund der familiären Situation des Betroffenen, als unverhältnismässig (Bestätigung der Rechtsprechung; E. 3.4-3.9).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

Verwandte Entscheide