Erlass der AHV-Rückerstattung verweigert: Beweislastumkehr wegen Aktenmängeln verneint, guter Glaube ausgeschlossen (Art. 25 ATSG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 138 V 218 · ATF 138 V 218 · DTF 138 V 218
- Datum
- 26.04.2012
- Geschäftsnummer
- 9C_951/2011
- Abteilung
- II. sozialrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 70bis AHVV Art. 25 ATSG Art. 31 ATSG Art. 46 ATSG Art. 29 BV
Zusammenfassung
Ein verwitweter Mann bezog ab 1997 eine Witwerrente der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV). Im Jahr 2001 heiratete er erneut, meldete dies jedoch erst im Jahr 2009 auf Nachfrage hin oder behauptete, bereits 2002 ein Schreiben an die Ausgleichskasse geschickt zu haben. Die Kasse hob die Rente rückwirkend auf und forderte unrechtmässig bezogene Beträge zurück. Der Versicherte beantragte den Erlass dieser Rückforderung. Die Vorinstanz bejahte den guten Glauben und wies die Sache zur Prüfung der grossen Härte zurück, da sie eine unvollständige Aktenführung durch die Kasse vermutete und daher die Beweislast umkehrte. Die Ausgleichskasse focht diesen Zwischenentscheid beim Bundesgericht an.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde der Ausgleichskasse gut und hebt den kantonalen Rückweisungsentscheid auf. Es stellt fest, dass der gute Glaube als Voraussetzung für einen Erlass der Rückerstattung fehlt.
Entscheidend ist die Frage der Beweislast regarding der angeblichen Meldung der Wiederverheiratung im Jahr 2002. Das Bundesgericht korrigiert die Feststellung der Vorinstanz, wonach die Aktenführung der Kasse mangelhaft gewesen sei. Die festgestellten Unzulänglichkeiten (fehlende Rentensteuerausweise im falschen Dossier, teilweise fehlende Erhöhungsblätter) seien geringfügig und rechtfertigten keine Umkehr der Beweislast. Da die Aktenführungspflicht nach Art. 46 ATSG und das Recht auf Akteneinsicht nach Art. 29 Abs. 2 BV nicht verletzt wurden, trug der Versicherte die Beweislast für seine Gutgläubigkeit. Da er keinen Versandnachweis für das behauptete Schreiben vorlegen konnte und dieses in den Akten fehlte, herrschte Beweislosigkeit. Diese ging zulasten des Versicherten, weshalb von einer Nichtmeldung und damit einer grobfahrlässigen Verletzung der Meldepflicht (Art. 31 Abs. 1 ATSG, Art. 70bis Abs. 1 AHVV) auszugehen war. Eine solche grobe Fahrlässigkeit schliesst den guten Glauben im Sinne von Art. 25 Abs. 1 ATSG aus.
Zusätzlich hält das Gericht fest, dass selbst wenn die Meldung erfolgt wäre, der gute Glaube zu verneinen gewesen wäre. Ein wiederverheirateter Personengenosse könne nicht jahrelang gutgläubig eine Witwerrente beziehen, ohne beim neuen Zivilstand nachzufragen, ob die Weiterausrichtung rechtens sei. Da der gute Glaube fehlt, braucht die weitere Erlassvoraussetzung der grossen wirtschaftlichen Härte nicht mehr geprüft zu werden. Die Beschwerde der Ausgleichskasse ist somit begründet.
Regeste
a Art. 25 Abs. 1 zweiter Satz ATSG; Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 46 ATSG; Erlass der Rückerstattung unrechtmässig bezogener Witwerrenten: guter Glaube oder zumindest grobfahrlässige Verletzung der Meldepflicht hinsichtlich Wiederverheiratung? Umkehr der Beweislast wegen Verletzung der Aktenführungspflicht durch die Ausgleichskasse? Die in casu festgestellten geringfügigen Unzulänglichkeiten bei der elektronischen Verwaltung des Aktendossiers rechtfertigen keineswegs die vorinstanzliche Annahme, wonach die Ausgleichskasse der ihr obliegenden Aktenführungspflicht nicht ordnungsgemäss und vollständig nachgekommen sei und deshalb mit Bezug auf die in den Unterlagen fehlende Anzeige der Wiederverheiratung eine Umkehr der Beweislast eintrete (E. 4-9). Regeste b Art. 25 Abs. 1 zweiter Satz ATSG; Art. 70 bis AHVV; Erlassvoraussetzung des guten Glaubens in casu selbst bei Erfüllung der Meldepflicht betreffend Zivilstandsänderung zu verneinen. Man kann als wiederum Verheirateter nicht gutgläubig über Jahre hinweg weiterhin eine Witwerrente beziehen, ohne bei der Ausgleichskasse je nachgefragt zu haben, ob die Anzeige der neuerlichen Eheschliessung eingegangen und die Weiterausrichtung der Rente tatsächlich rechtens sei. Für jedermann ist nämlich einsichtig, dass der neue Zivilstand den alten ersetzt, an welchen der Bezug der Witwerrente, allein schon dem Namen nach, gebunden war (E. 10). Regeste a Art. 25 al. 1, 2 e phrase, LPGA; art. 29 al. 2 Cst.; art. 46 LPGA; remise de la restitution de rentes de veuf indûment touchées: celui qui n'annonce pas son remariage fait-il preuve de bonne foi ou à tout le moins d'une grossière négligence? Y a-t-il renversement du fardeau de la preuve en cas de violation de l'obligation de tenue du dossier par la caisse de compensation? De légères insuffisances constatées dans la gestion électronique du dossier ne justifient pas de conclure en l'espèce, comme l'a fait l'autorité précédente, que la caisse de compensation n'aurait pas pleinement respecté en bonne et due forme son obligation de tenue du dossier et qu'il en résulterait un renversement du fardeau de la preuve eu égard à l'absence dans le dossier de l'annonce du remariage (consid. 4-9). Regeste b Art. 25 al. 1, 2 e phrase, LPGA; art 70 bis RAVS; rejet de l'application du principe de la bonne foi malgré le respect de l'obligation d'annoncer le changement d'état civil. Celui qui se remarie ne peut pas continuer de bonne foi à percevoir pendant des années une rente de veuf, sans s'être renseigné auprès de la caisse de compensation sur la question de savoir si l'annonce de son remariage lui est bien parvenue et si la poursuite du versement de la rente est encore légitime. Il est en effet clair pour tout un chacun que le nouvel état civil remplace l'ancien auquel était lié, comme son nom l'indique, la perception de la rente de veuf (consid. 10). Regesto a Art. 25 cpv. 1 seconda frase LPGA; art. 29 cpv. 2 Cost.; art. 46 LPGA; condono dell'obbligo di restituire rendite per vedovo percepite indebitamente: buona fede o violazione, perlomeno per grave negligenza, dell'obbligo di informare in merito al passaggio a nuove nozze? Inversione dell'onere della prova per violazione dell'obbligo di costituire un incarto da parte della cassa di compensazione? Le insufficienze di poco conto inerenti alla gestione elettronica dell'incarto accertate nel caso di specie non giustificano in nessun modo la presunzione dell'istanza precedente, secondo cui la cassa di compensazione non avrebbe adempiuto, nelle dovute forme e in maniera completa, al proprio obbligo di costituire un incarto, ragione per cui interverrebbe un'inversione dell'onere della prova in relazione al carente annuncio agli atti del passaggio a nuove nozze (consid. 4-9). Regesto b Art. 25 cpv. 1 seconda frase LPGA; art. 70 bis OAVS; la buona fede quale condizione del condono dev'essere nella specie negata perfino nel caso di adempimento dell'obbligo di informare sulla modificazione dello stato civile. Colui che si risposa non può in buona fede continuare a percepire per anni una rendita per vedovo, senza mai essersi informato presso la cassa di compensazione se l'annuncio del passaggio a nuove nozze sia pervenuto e se l'ulteriore pagamento della rendita sia effettivamente corretto. Ognuno comprende infatti che il nuovo stato civile sostituisce quello vecchio, al quale l'ottenimento della rendita per vedovo, già solo a causa del nome, era legato (consid. 10).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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