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Justizze. Art. 1a AHVG

Bundesgericht

Deutsche Missionarin mit Lebensmittelpunkt in Ostafrika verliert vor Bundesgericht: Keine AHV-Pflichtversicherung mangels Wohnsitz in EU/EFTA und fehlender Gleichbehandlung nach FZA (Art. 1a AHVG)

BGE / ATF / DTF
BGE 138 V 186 · ATF 138 V 186 · DTF 138 V 186
Datum
17.02.2012
Geschäftsnummer
9C_474/2011
Abteilung
II. sozialrechtliche Abteilung
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 1a AHVG Art. 2 FZA Art. 9 FZA Art. 3 VO

Zusammenfassung

Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) focht ein Urteil des Sozialversicherungsgerichts Basel-Stadt an, welches die obligatorische Versicherung einer deutschen Staatsangehörigen in der Schweizer Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) bejaht hatte. Die Beschwerdeführerin arbeitete seit 2009 für einen Schweizer Verein als Leiterin eines Frauenprojekts in Ostafrika. Das kantonale Gericht hatte gestützt auf das Freizügigkeitsabkommen (FZA) und die Verordnung (EWG) Nr. 1408/71 eine Gleichbehandlung mit Schweizer Bürgern im Ausland abgeleitet. Strittig war, ob europarechtliche Bestimmungen die schweizerische Regelung zur Versicherungspflicht überlagern oder ob das nationale Recht autonom anzuwenden ist.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerde des BSV gut und hebt den kantonalen Entscheid auf. Es stellt fest, dass die Beschwerdeführerin nach schweizerischem Recht nicht obligatorisch versichert ist, da sie weder Wohnsitz noch Beschäftigungsort in der Schweiz hat und keine Schweizer Bürgerin ist (Art. 1a Abs. 1 lit. a-c AHVG).

Die Vorinstanz hatte eine Gleichbehandlung über das Freizügigkeitsabkommen hergeleitet. Das Bundesgericht prüft dies jedoch zurückhaltend. Für die Anwendung der Verordnung (EWG) Nr. 1408/71 wäre ein Wohnort in einem Mitgliedstaat nötig. Die Beschwerdeführerin hat ihren Lebensmittelpunkt jedoch in Ostafrika begründet. Sie löste ihre Wohnung in Deutschland auf, verschiffte ihren Hausrat nach Afrika, baute dort ein Haus um und richtete sich langfristig ein. Diese objektiven Umstände zeigen, dass sie nicht in einem EU/EFTA-Staat wohnt. Daher greift das Gleichbehandlungsgebot von Art. 3 Abs. 1 VO 1408/71 nicht.

Auch das Diskriminierungsverbot betreffend soziale Vergünstigungen (Art. 9 Abs. 2 Anhang I FZA) hilft der Beschwerdeführerin nicht. Die obligatorische Unterstellung unter die AHV ist eine Leistung der sozialen Sicherheit im Sinne der VO 1408/71, keine 'soziale Vergünstigung' im engeren Sinne. Zudem fehlt es am persönlichen Anwendungsbereich, da keine hinreichende Verbindung zum Schweizer Arbeitsmarkt besteht. Schliesslich verbietet Art. 2 FZA keine Diskriminierung gegenüber Drittstaatenangehörigen; das Abkommen regelt nur die Beziehungen zwischen den Vertragsparteien.

Da keine staatsvertragliche Regelung die Versicherung gebietet, ist Art. 1a AHVG autonom anzuwenden. Eine freiwillige Weiterversicherung nach Art. 1a Abs. 3 lit. a AHVG scheitert daran, dass die Beschwerdeführerin keinen ausreichenden Aufenthalt in der Schweiz vor Aufnahme der Tätigkeit nachweisen konnte.

Regeste

a Art. 1a Abs. 1 lit. c AHVG; Art. 1 lit. h und i sowie Art. 3 Abs. 1 der Verordnung (EWG) Nr. 1408/71; Unterstellung unter die AHV. Eine deutsche Staatsangehörige ohne Wohnsitz in der Schweiz, die für ein schweizerisches Missionswerk in Tansania arbeitet, ist nicht obligatorisch bei der schweizerischen AHV versichert. Mangels Wohnorts in einem Mitgliedstaat kann sie nicht gestützt auf Art. 3 Abs. 1 der Verordnung Nr. 1408/71 einen Anspruch auf Gleichbehandlung mit Schweizer Bürgern, die im Ausland tätig sind, geltend machen (E. 3.1-3.3). Regeste b Art. 9 Abs. 2 Anhang I FZA; Gleichbehandlungsgebot betreffend soziale Vergünstigungen. Die obligatorische Unterstellung unter die AHV fällt nicht in den sachlichen Anwendungsbereich einer "sozialen Vergünstigung", sondern berührt eine Leistung der sozialen Sicherheit im Sinne von Art. 4 Abs. 1 lit. c der Verordnung Nr. 1408/71 (E. 3.4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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