Justizze.

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Justizze. Art. 1 VO

Bundesgericht

Deutscher Staatsangehöriger mit Versicherungszeiten in Deutschland und Österreich beantragt Überbrückungsleistungen für ältere Arbeitslose: Anrechnung ausländischer Zeiten verneint, da Leistungen als Vorruhestandsleistungen im Sinne der VO 883/2004 qualifiziert (Art. 1 Bst. x, Art. 3 Abs. 1 Bst. i, Art. 66 VO 883/2004)

BGE / ATF / DTF
BGE 149 V 136 · ATF 149 V 136 · DTF 149 V 136
Datum
01.07.2021
Geschäftsnummer
BGE 149 V 136
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 114 BV Art. 3 LPTD Art. 4 LPTD Art. 5 LPTD Art. 1 VO Art. 3 VO Art. 66 VO Art. 5 ÜLG

Zusammenfassung

Der 1959 geborene A., deutscher Staatsangehöriger, meldete sich per 1. Juli 2021 von der Arbeitsvermittlung ab und beantragte bei der Ausgleichskasse Appenzell Ausserrhoden Überbrückungsleistungen für ältere Arbeitslose. Die Ausgleichskasse verneinte den Anspruch mit der Begründung, die gesetzliche Mindestversicherungsdauer von 20 Jahren in der Schweiz sei nicht erreicht. A. hatte zwar Versicherungszeiten in Deutschland, Österreich und der Schweiz zurückgelegt, aber nur knapp 14 Jahre in der Schweiz AHV-versichert. Das Obergericht Appenzell Ausserrhoden wies seine Beschwerde ab. Vor dem Bundesgericht machte A. geltend, die Überbrückungsleistungen seien Leistungen bei Arbeitslosigkeit im Sinne der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 und daher müssten seine ausländischen Versicherungszeiten bei der Berechnung der Mindestversicherungsdauer berücksichtigt werden. Er argumentierte insbesondere, die Leistungen dienten der Existenzsicherung im Alter und hätten keinen beschäftigungspolitischen Zweck wie Vorruhestandsleistungen.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte die Ablehnung des Anspruchs auf Überbrückungsleistungen. Es stellte fest, dass die Überbrückungsleistungen gemäss dem Bundesgesetz über Überbrückungsleistungen für ältere Arbeitslose (ÜLG) als Vorruhestandsleistungen im Sinne von Artikel 1 Buchstabe x und Artikel 3 Absatz 1 Buchstabe i der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 zu qualifizieren sind. Diese Qualifikation erfolgt autonom nach EU-Recht unter Berücksichtigung von Zweck, Art und grundlegenden Merkmalen der Leistung und nicht nach nationalem Recht. Die Überbrückungsleistungen dienen nicht der Absicherung des Risikos eines Einkommensverlustes infolge Arbeitslosigkeit, sondern der Existenzsicherung bis zum Erreichen des ordentlichen AHV-Rentenalters; sie sind bedarfsabhängig, werden aus allgemeinen Bundesmitteln finanziert und setzen eine Mindestversicherungsdauer von 20 Jahren in der Schweiz voraus. Da Vorruhestandsleistungen gemäss Artikel 66 der VO 883/2004 von der Regel der Zusammenrechnung von Versicherungszeiten ausgeschlossen sind, dürfen ausländische Versicherungszeiten nicht angerechnet werden. Der Beschwerdeführer war lediglich rund 14 Jahre in der Schweiz AHV-versichert und erfüllte somit die Voraussetzung des Artikels 5 Absatz 1 lit. b ÜLG nicht. Die Verfassungsgrundlage in Artikel 114 Absatz 5 BV bezieht sich auf die Arbeitslosenfürsorge, was den Fürsorgecharakter der Leistungen unterstreicht, aber nicht deren Einordnung als Leistungen bei Arbeitslosigkeit rechtfertigt. Die Pflicht zur Meldung von Integrationsbemühungen nach der Verordnung zum ÜLG ändert diese Qualifikation nicht, da sie keine Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt voraussetzt und keine Sanktionen bei Nichterfüllung vorsieht. Damit steht dem Beschwerdeführer kein Anspruch auf Überbrückungsleistungen zu.

Die Entscheidung klärt zentral die Abgrenzung zwischen Vorruhestandsleistungen und Leistungen bei Arbeitslosigkeit im europäischen Koordinierungsrecht und bestätigt die Schweizer Gesetzgebung, die bewusst eine eigenständige Leistung außerhalb des Systems der Arbeitslosenversicherung geschaffen hat, um eine Lücke vor dem Rentenalter zu schließen. Sie unterstreicht die autonome Auslegung unionsrechtlicher Begriffe durch das Bundesgericht unter Beachtung der Rechtsprechung des EuGH, auch wenn diese nicht unmittelbar auf die konkrete Leistung anwendbar ist.

Regeste

Art. 114 Abs. 5 BV; Art. 3 Abs. 1, Art. 4 Abs. 1 und Art. 5 Abs. 1 lit. b ÜLG (in Kraft seit 1. Juli 2021); Art. 8, Art. 15 und Art. 16 des Abkommens vom 21. Juni 1999 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit (FZA); Art. 1 Abs. 1 Anhang II FZA; Art. 1 Bst. x, Art. 3 Abs. 1 Bst. i, Art. 6 und Art. 66 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit; Überbrückungsleistungen für ältere Arbeitslose; Vorruhestandsleistungen; Anrechnung von Versicherungszeiten im internationalen Verhältnis. Die Leistungen gemäss dem seit 1. Juli 2021 geltenden Bundesgesetz über Überbrückungsleistungen für ältere Arbeitslose (ÜLG) sind als Vorruhestandsleistungen im Sinne von Art. 1 Bst. x und Art. 3 Abs. 1 Bst. i der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 zu qualifizieren (E. 9.6), was zur Folge hat, dass ausländische Versicherungszeiten für die Berechnung der Mindestversicherungsdauer (von 20 Jahren) nicht anzurechnen sind (E. 9.7). Regeste Art. 114 al. 5 Cst.; art. 3 al. 1, art. 4 al. 1 et art. 5 al. 1 let. b LPtra (en vigueur depuis le 1 er juillet 2021); art. 8, art. 15 et art. 16 de l'Accord du 21 juin 1999 entre la Confédération suisse, d'une part, et la Communauté européenne et ses Etats membres, d'autre part, sur la libre circulation des personnes (ALCP); art. 1 par. 1 de l'annexe II de l'ALCP; art. 1 let. x, art. 3 par. 1 let. i, art. 6 et art. 66 du Règlement (CE) n° 883/2004 du Parlement européen et du Conseil du 29 avril 2004 portant sur la coordination des systèmes de sécurité sociale; prestations transitoires pour chômeurs âgés; prestations de préretraite; prise en compte des périodes d'assurance dans un contexte international. Les prestations selon la loi fédérale sur les prestations transitoires pour les chômeurs âgés (LPtra) en vigueur depuis le 1 er juillet 2021 doivent être qualifiées de prestations de préretraite au sens de l'art. 1 let. x et de l'art. 3 par. 1 let. i du Règlement (CE) n° 883/2004 (consid. 9.6), ce qui a pour effet que les périodes d'assurance à l'étranger ne sont pas prises en compte dans le calcul de la période d'assurance minimale (20 ans) (consid. 9.7). Regesto Art. 114 cpv. 5 Cost.; art. 3 cpv. 1, art. 4 cpv. 1 e art. 5 cpv. 1 lett. b LPTD (in vigore dal 1° luglio 2021); art. 8, art. 15 e art. 16 dell'Accordo del 21 giugno 1999 tra la Confederazione Svizzera, da una parte, e la Comunità europea ed i suoi Stati membri, dall'altra, sulla libera circolazione delle persone (ALC); art. 1 n. 1 dell'allegato II dell'ALC; art. 1 lett. x, art. 3 n. 1 lett. i, art. 6 e art. 66 del Regolamento (CE) n. 883/2004 del Parlamento europeo e del Consiglio del 29 aprile 2004 relativo al coordinamento dei sistemi di sicurezza sociale; prestazioni transitorie per disoccupati anziani; prestazioni di prepensionamento; computazione dei periodi di assicurazione in ambito internazionale. Le prestazioni previste dalla legge federale sulle prestazioni transitorie per i disoccupati anziani (LPTD) in vigore dal 1° luglio 2021 vanno qualificate come prestazioni di prepensionamento ai sensi dell'art. 1 lett. x e dell'art. 3 n. 1 lett. i del Regolamento (CE) n. 883/2004 (consid. 9.6), il che significa che i periodi di assicurazione all'estero non devono essere computati nel calcolo del periodo minimo di assicurazione (di 20 anni) (consid. 9.7).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.