Fluglärmenteignung Opfikon: MIFLU-Modell bestätigt, Kapitalabgeltung und volle Entschädigung ab 10% Wertverlust (Art. 19 lit. b EntG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 134 II 49 · ATF 134 II 49 · DTF 134 II 49
- Datum
- 08.02.2008
- Geschäftsnummer
- BGE 134 II 49
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 26 BV Art. 16 EntG Art. 19 EntG Art. 19bis EntG Art. 20 EntG Art. 22 EntG Art. 41 EntG Art. 88 EntG Art. 667 ZGB Art. 962 ZGB
Zusammenfassung
Die unique zurich airport Flughafen Zürich AG und der Kanton Zürich bestritten gegenüber einem Grundeigentümer in Opfikon-Glattbrugg die Enteignungsentschädigung für übermässigen Fluglärm bei Abflügen von Piste 16. Streitig waren insbesondere das Vorliegen eines direkten Überflugs, die Unvorhersehbarkeit der Immissionen für einen nach 1960 erstellten Anbau, die Schwelle des schweren Schadens bei Selbstnutzung sowie die Anwendbarkeit des hedonischen Schätzmodells MIFLU. Zudem forderten die Enteigner die Anrechnung allgemeiner Standortvorteile, einen Abzug für künftige technologische Lärmentlastung und die Ausrichtung der Entschädigung in periodischen Raten mit Überprüfungsvorbehalt.
Das Bundesgericht hiess die Beschwerde des enteigneten Grundeigentümers teilweise gut und wies diejenige der Enteigner ab. Ein Anspruch auf Entschädigung für direkten Überflug wurde verneint, da die Abflüge über dem Grundstück in einer Höhe von meist über 400 bis 500 Metern erfolgten und keine regelmässige Verletzung des Luftraums gemäss Art. 667 Abs. 1 ZGB vorlag. Hingegen bestätigte das Gericht die Entschädigungspflicht für die Unterdrückung nachbarlicher Abwehrrechte. Für den Anbau wurde die Unvorhersehbarkeit bejaht, weil der Werkvertrag im Oktober 1960 abgeschlossen und die Bauarbeiten vor dem 1. Januar 1961 begonnen hatten; massgebend ist hierfür der Abschluss des Werkvertrags oder Baubeginn, nicht bloss die Planung. Der lärmbedingte Schaden besteht auch bei Selbstnutzung ohne Verkauf, und eine Entwertung von 10 % des Verkehrswerts genügt bereits für die Annahme eines schweren Schadens gemäss Art. 19 lit. b EntG und Art. 26 Abs. 2 BV. Allgemeine Standortvorteile der Flughafennähe bleiben bei der Schadensbemessung ausser Betracht, da sie kein Sondervorteil im Sinne von Art. 22 EntG sind. Künftige, am Stichtag 1. Januar 1997 noch unsichere technologische Lärmreduktionen dürfen nicht abgezogen werden. Das hedonische Modell MIFLU wurde als wissenschaftlich anerkannte Methode zur Bestimmung des fluglärmbedingten Minderwerts von Einfamilienhäusern und Stockwerkeigentum zugelassen; die Lageklassenmethode erwies sich hingegen als zu ungenau. Die Entschädigung ist zwingend als einmalige Kapitalzahlung auszurichten, nicht in periodischen Raten mit Anpassungsklausel. Die festgesetzte Entschädigung von CHF 150'000 (nach Abzug von CHF 20'000 für Schallschutzmassnahmen) ist ab dem 1. Januar 1997 gemäss Art. 76 Abs. 5 Satz 3 EntG zu verzinsen. Eine Grundbucheintragung der Entschädigungsleistung wurde mangels gesetzlicher Grundlage und fehlender Einigung nicht angeordnet.
Regeste
Enteignung nachbarrechtlicher Abwehransprüche infolge Fluglärms sowie von Abwehrrechten gegen den direkten Überflug; Bemessung der Entschädigung. VORGEHEN ZUR KLÄRUNG MASSGEBLICHER RECHTSFRAGEN. Auswahl eines "leading case" aus 18 von der Schätzungskommission durchgeführten Verfahren zur Beantwortung prinzipieller Rechtsfragen (E. 2). ÜBERFLUG BEI STARTS AB PISTE 16. Zusammenfassung und Bestätigung der Rechtsprechung zum enteignungsrechtlichen Entschädigungsanspruch bei Überflügen. Definition des enteignungsrechtlich relevanten direkten Überflugs (E. 5-5.3). Im vorliegenden Fall direkter Eingriff ins Grundeigentum verneint (E. 5.5). ENTSCHÄDIGUNGSPFLICHTIGE UNTERDRÜCKUNG VON NACHBARRECHTEN; UNVORHERSEHBARKEIT UND SPEZIALITÄT DER IMMISSIONEN SOWIE SCHWERE DES SCHADENS. Für die Vorhersehbarkeit der Lärmeinwirkungen ist bei der Überbauung eines Grundstücks oder beim Ausbau eines bestehenden Gebäudes darauf abzustellen, ob der Werkvertrag vor dem 1. Januar 1961 abgeschlossen worden ist oder ob der Baubeginn in die Zeit vor diesem Datum fällt (E. 7). Immissionen, die im Wesentlichen erst nach dem 1. Januar 1961 eingetreten sind, können dem Nachbarn bei der Beurteilung der Spezialität nicht als Lärmvorbelastung zur Last gelegt werden (E. 8). Ein lärmbedingter Schaden tritt bei selbst genutzten Liegenschaften nicht erst beim Verkauf ein (E. 9) und wiegt nicht nur bei einer Entwertung der Liegenschaft um mindestens einen Drittel des Verkehrswertes schwer (E. 10). Auch eine Entwertung um 10 % kann einen schweren Schaden darstellen (E. 11). BEMESSUNG DES SCHADENS. Die nicht mit der Enteignung in Zusammenhang stehenden werterhöhenden oder -mindernden Auswirkungen des Werks, so auch der Standortvorteil der Flughafennähe, sind bei der Schadensermittlung völlig wegzudenken. Als Sondervorteil im Sinne von Art. 22 EntG fällt nur jener Nutzen in Betracht, der allein dem teilenteigneten Grundstück entsteht, nicht dagegen ein allgemeiner Vorteil, welcher der ganzen Nachbarschaft und damit auch den Nichtenteigneten zugutekommt (E. 12). Künftige mögliche, aber am Schätzungsstichtag noch unsichere Entwicklungen der Lärmsituation sind bei der Entschädigungsbemessung nicht zu berücksichtigen (E. 13). ANWENDBARE SCHÄTZUNGSMETHODE. Ausgestaltung des von den Enteignern in das Verfahren eingebrachten, auf ökonometrischen bzw. hedonischen Ansätzen beruhenden Modells "Minderwert Fluglärm" MIFLU (E. 17 und 18). Anwendbarkeit des einen hohen wissenschaftlichen Standard aufweisenden Modells zur Ermittlung des fluglärmbedingten Minderwertes von Einfamilienhäusern und Stockwerkeigentum (E. 18). HÖHE, FORM UND VERZINSUNG DER ENTSCHÄDIGUNG. Neue Festsetzung der Entwertung nach MIFLU-Berechnung (E. 19). Periodisch zu entrichtende Entschädigungsleistungen sind nur für vorübergehende Enteignungen vorzusehen. Die Überprüfung und Neufestlegung einer Entschädigung nach einem bestimmten Zeitablauf ist unzulässig. Die fluglärmbedingte Entwertung ist durch Kapitalzahlung abzugelten (E. 20). Verzinsung der Enteignungsentschädigung (E. 21). ANMERKUNG DER ENTSCHÄDIGUNGSLEISTUNG IM GRUNDBUCH. Frage, ob eine Anmerkung der Entschädigungsleistung im Grundbuch aufgrund einer Vereinbarung vorgenommen werden könnte, offengelassen. Keine gesetzliche Grundlage für eine entsprechende Anordnung (E. 22). Regeste Expropriation de droits de voisinage à cause du bruit du trafic aérien et expropriation du droit de se défendre contre le survol direct; calcul de l'indemnité. MANIÈRE DE PROCÉDER POUR RÉSOUDRE DES QUESTIONS JURIDIQUES IMPORTANTES. Choix d'un "leading case", parmi 18 procédures traitées par la commission d'estimation, dans le but de résoudre des questions juridiques de principe (consid. 2). SURVOL AU DÉCOLLAGE DEPUIS LA PISTE 16. Résumé et confirmation de la jurisprudence au sujet du droit à une indemnité d'expropriation en cas de survol d'un bien-fonds. Définition du survol direct, au sens du droit de l'expropriation (consid. 5-5.3). Dans le cas d'espèce, négation d'une atteinte directe à la propriété foncière (consid. 5.5). RESTRICTION DES DROITS DE VOISINAGE DONNANT LIEU À INDEMNISATION; IMPRÉVISIBILITÉ ET SPÉCIALITÉ DES IMMISSIONS, AINSI QUE GRAVITÉ DU DOMMAGE. Pour la condition de l'imprévisibilité des immissions de bruit, en cas de réalisation d'une construction sur un bien-fonds ou en cas d'agrandissement d'une construction existante, l'élément déterminant est la conclusion d'un contrat d'entreprise avant le 1er janvier 1961, voire le début des travaux dans la période précédant cette date (consid. 7). Dans l'appréciation de la spécialité, des immissions qui pour l'essentiel sont apparues après le 1er janvier 1961, ne peuvent pas être considérées, au détriment du voisin, comme un élément démontrant que le terrain était déjà exposé au bruit (consid. 8). Le dommage dû au bruit ne se produit pas uniquement au moment de la vente, dans le cas d'un bien-fonds utilisé par son propriétaire (consid. 9), et ce dommage n'est pas considéré comme grave seulement quand la dévaluation de l'immeuble est d'au moins un tiers (consid. 10). Une diminution de valeur de 10 % peut aussi constituer un dommage grave (consid. 11). ESTIMATION DU DOMMAGE. Les effets de l'ouvrage qui sont à l'origine d'augmentations ou de diminutions de valeur sans relation avec l'expropriation, notamment l'avantage d'un emplacement proche de l'aéroport, doivent être totalement ignorés dans l'estimation du dommage. On ne considère comme un avantage particulier au sens de l'art. 22 LEx que celui qui se produit pour un bien-fonds faisant l'objet d'une expropriation partielle, mais pas en revanche l'avantage général profitant à l'ensemble du voisinage, dont font également parties des personnes qui ne sont pas expropriées (consid. 12). Des évolutions possibles mais encore incertaines, à la date déterminante pour l'estimation, du niveau de bruit ne doivent pas être prises en considération pour le calcul de l'indemnité (consid. 13). MÉTHODE D'ESTIMATION APPLICABLE. Description du modèle économétrique, qui tient compte d'aspects "hédonistes", retenu par l'expropriant dans cette procédure (modèle "Minderwert Fluglärm", ou MIFLU; consid. 17 et 18). Application de ce modèle très élaboré d'un point de vue scientifique, pour déterminer la moins-value causée par le bruit aérien sur des maisons familiales et des appartements en PPE (consid. 18). MONTANT ET FORME DE L'INDEMNITÉ, INTÉRÊTS. Nouvelle détermination de la dévaluation selon le calcul MIFLU (consid. 19). Des prestations périodiques pour l'indemnisation ne peuvent être prévues qu'en cas d'expropriation à titre temporaire. Il n'est pas admissible de revoir et de fixer à nouveau une indemnité après une certaine période. La dévaluation causée par le bruit aérien doit être compensée par un paiement en capital (consid. 20). Intérêts dus en relation avec une indemnité d'expropriation (consid. 21). MENTION AU REGISTRE FONCIER DE L'INDEMNITÉ D'EXPROPRIATION. Si les parties y consentent, le versement de l'indemnité d'expropriation peut-il être mentionné au registre foncier? Question laissée indécise. Absence de base légale pour imposer une telle mention (consid. 22). Regesto Espropriazione di diritti di vicinato a causa del rumore derivante dal traffico aereo nonché di diritti di difesa contro il sorvolo diretto; calcolo dell'indennità. MODO DI PROCEDERE PER CHIARIRE QUESTIONI GIURIDICHE DETERMINANTI. Scelta di un "leading case" tra le 18 procedure trattate dalla Commissione federale di stima al fine di risolvere questioni giuridiche di principio (consid. 2). SORVOLO AL DECOLLO DALLA PISTA 16. Riassunto e conferma della giurisprudenza riguardo alle pretese d'indennità di espropriazione in caso di sorvolo. Definizione del sorvolo diretto, rilevante sotto il profilo del diritto espropriativo (consid. 5-5.3). Ingerenza diretta nella proprietà fondiaria negata in concreto (consid. 5.5). RESTRIZIONE DI DIRITTI DI VICINATO SOGGETTA AD INDENNITÀ; IMPREVEDIBILITÀ E SPECIALITÀ DELLE IMMISSIONI NONCHÉ GRAVITÀ DEL DANNO. Per la condizione dell'imprevedibilità delle immissioni nel caso di edificazione di un fondo o di ampliamento di un edificio esistente è determinante la conclusione del contratto di appalto prima del 1° gennaio 1961, rispettivamente l'inizio dei lavori di costruzione nel periodo precedente questa data (consid. 7). Nella valutazione della specialità, immissioni sopravvenute essenzialmente dopo il 1° gennaio 1961 non possono essere considerate, a danno del vicino, come una preesistente esposizione del fondo al rumore (consid. 8). Il danno dovuto al rumore nel caso di un fondo utilizzato dal suo proprietario non si realizza unicamente al momento della vendita (consid. 9) e non è considerato grave solamente quando la svalutazione dell'immobile è di almeno un terzo del valore venale (consid. 10). Anche una svalutazione del 10 % può costituire un danno grave (consid. 11). CALCOLO DEL DANNO. Gli effetti dell'opera che comportano aumenti o diminuzioni di valore non in relazione con l'espropriazione, segnatamente il vantaggio di un'ubicazione nelle vicinanze dell'aeroporto, devono essere completamente ignorati nella determinazione del danno. È considerato vantaggio speciale ai sensi dell'art. 22 LEspr unicamente quello risultante per il fondo oggetto di espropriazione parziale, non per contro il vantaggio generale a favore dell'intero vicinato, di cui beneficia quindi anche chi non è espropriato (consid. 12). Evoluzioni future della situazione fonica, possibili ma ancora incerte alla data determinante per la stima, non devono essere prese in considerazione per il calcolo dell'indennità (consid. 13). METODO DI STIMA APPLICABILE. Configurazione del modello "Minderwert Fluglärm" (MIFLU), proposto dall'espropriante nella procedura e fondato su un'impostazione econometrica ed edonistica (consid. 17 e 18). Applicabilità di questo modello, che presenta un livello scientifico elevato, per stabilire la diminuzione di valore provocata dal rumore del traffico aereo su abitazioni familiari e fondi costituiti in proprietà per piani (consid. 18). AMMONTARE E FORMA DELL'INDENNITÀ, INTERESSI. Nuova determinazione della svalutazione secondo il calcolo MIFLU (consid. 19). Prestazioni periodiche per il versamento dell'indennità possono essere previste solo per espropriazioni a titolo temporaneo. È inammissibile rivalutare e stabilire a nuovo un'indennità dopo la scadenza di un periodo determinato. La diminuzione del valore causata dal rumore del traffico aereo deve essere compensata mediante il pagamento di un capitale (consid. 20). Interessi sull'indennità di espropriazione (consid. 21). MENZIONE NEL REGISTRO FONDIARIO DELL'INDENNITÀ DI ESPROPRIAZIONE. Questione di sapere, lasciata indecisa, se sia possibile menzionare il versamento dell'indennità di espropriazione nel registro fondiario sulla base di una convenzione tra le parti. Assenza di una base legale per imporre una simile menzione (consid. 22).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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