Sozialhilferückforderung ohne Kenntnis des IV-Antrags: objektive Leistungskoordination genügt, Zustimmung entbehrlich (Art. 50 Abs. 2 IVG, Art. 85bis IVV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 131 V 242 · ATF 131 V 242 · DTF 131 V 242
- Datum
- 05.08.2005
- Geschäftsnummer
- BGE 131 V 242
- Abteilung
- CH_BGE_007
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Eine versicherte Person bezieht zwischen Januar 1999 und April 2001 Sozialhilfeleistungen einer Gemeinde, während sie gleichzeitig bei der Arbeitslosenversicherung gemeldet ist und erst im Januar 2000 einen Antrag auf Invalidenrente stellt. Die Gemeinde weiss zum Zeitpunkt der Ausrichtung der Sozialhilfe nichts von diesem späteren oder parallelen IV-Verfahren. Nachträglich verlangt die Gemeinde die Rückerstattung der Sozialhilfe aus der rückwirkend zugesprochenen IV-Rente mittels Drittauszahlung. Die versicherte Person wehrt sich dagegen mit dem Argument, die Sozialhilfe sei nicht "im Hinblick auf" eine IV-Leistung erbracht worden, da die Gemeinde keine Kenntnis vom IV-Antrag hatte. Zudem rügt sie das Fehlen ihrer schriftlichen Zustimmung zur Drittauszahlung und die Nichtverwendung eines speziellen Formulars durch die Gemeinde.
Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab und bestätigt die Zulässigkeit der Drittauszahlung der IV-Rentennachzahlung an die Sozialhilfebehörde trotz fehlender subjektiver Kenntnis der Behörde vom IV-Antrag.
Entscheidend ist, dass für die Leistungskoordination zwischen Sozialhilfe und Invalidenversicherung allein die objektive zeitliche Deckungsgleichheit der Leistungen massgebend ist. Im vorliegenden Fall bezog die Beschwerdeführerin faktisch Sozialhilfe für denselben Zeitraum, für den ihr nun eine IV-Rente nachbezahlt wurde. Das Gericht reduziert den Wortlaut "im Hinblick auf eine Rente der Invalidenversicherung" teleologisch, da eine subjektive Kenntnis der Sozialhilfebehörde vom IV-Antrag nicht erforderlich ist. Eine solche enge Auslegung würde zu einem stossenden Verstoss gegen den verfassungsmässigen Gleichbehandlungsgrundsatz führen, da Versicherte, die ihren IV-Antrag verschweigen, von der Rückforderung profitieren würden, während jene, die ihn offenlegen, benachteiligt wären. Diese objektive Betrachtungsweise entspricht dem Sinn und Zweck der Norm zur Verhinderung eines doppelten Leistungsbezugs.
Hinsichtlich der formellen Voraussetzungen hält das Gericht fest, dass bei Vorschussleistungen aufgrund eines gesetzlichen Rückforderungsrechts (Art. 85bis Abs. 2 lit. b IVV) keine ausdrückliche Zustimmung der versicherten Person zur Drittauszahlung notwendig ist. Dieses Erfordernis gilt nur für freiwillige Leistungen nach lit. a. Bei gesetzlichen Ansprüchen tritt das eindeutige Rückforderungsrecht an die Stelle der Zustimmung. Ferner stellt die Vorschrift, wonach der Anspruch auf einem besonderen Formular geltend gemacht werden muss, lediglich eine Ordnungsvorschrift dar, deren Nichteinhaltung die materielle Berechtigung zur Drittauszahlung nicht berührt.
Regeste
a Art. 50 Abs. 2 IVG (in der bis 31. Dezember 2002 gültig gewesenen Fassung); Art. 85bis IVV: Tragweite der Wendung "im Hinblick auf die Leistung der Invalidenversicherung" resp. "im Hinblick auf eine Rente der Invalidenversicherung" erbrachte Vorschussleistungen. Für die Leistungskoordination zwischen Sozialhilfe und Invalidenversicherung kann es nur darauf ankommen, dass objektiv für den gleichen Zeitraum Sozialhilfe- und Invalidenversicherungsleistungen fliessen und dass für die zur Verhinderung eines doppelten Leistungsbezugs erforderliche Drittauszahlung die weiteren normativen Erfordernisse des Art. 85bis IVV erfüllt sind, hingegen nicht, dass die Sozialhilfeleistungen in subjektiver Kenntnis eines bei der Invalidenversicherung gestellten oder noch zu stellenden Leistungsbegehrens ausgerichtet wurden. (Erw. 5) Regeste b Art. 50 Abs. 2 IVG (in der bis 31. Dezember 2002 gültig gewesenen Fassung); Art. 85bis Abs. 1 Satz 3 und Abs. 2 lit. b IVV: Zustimmung zur Drittauszahlung und Geltendmachung auf besonderem Formular. - Im Rahmen von Art. 85bis Abs. 2 lit. b IVV ist - im Gegensatz zu den freiwilligen Leistungen nach lit. a - keine Zustimmung der versicherten Person nötig; diese wird durch das Erfordernis eines "eindeutigen Rückforderungsrechts" ersetzt. (Erw. 6) - Die in Art. 85bis Abs. 1 Satz 3 IVV vorgesehene Geltendmachung der Drittauszahlung auf besonderem Formular stellt eine blosse Ordnungsvorschrift dar. (Erw. 6) Regeste a Art. 50 al. 2 LAI (dans sa teneur en vigueur jusqu'au 31 décembre 2002); art. 85bis RAI: Portée des expressions avances accordées "dans l'attente de l'octroi des prestations de l'assurance-invalidité", respectivement "en vue de l'octroi d'une rente de l'assurance-invalidité". Pour la coordination des prestations entre l'assistance sociale et l'assurance-invalidité, est déterminant le fait que des prestations de l'assistance sociale et de l'assurance-invalidité ont été objectivement versées durant la même période et que les autres conditions de l'art. 85bis RAI relatives au versement en mains de tiers pour éviter le double octroi de prestations sont remplies, mais non pas que les prestations de l'assistance sociale ont été allouées dans la connaissance subjective qu'une demande de prestations à l'assurance-invalidité a été déposée ou doit l'être prochainement. (consid. 5) Regeste b Art. 50 al. 2 LAI (dans sa teneur en vigueur jusqu'au 31 décembre 2002); art. 85bis al. 1, 3e phrase et al. 2 let. b RAI: Consentement au versement en mains de tiers et formulaire spécial. - Dans l'éventualité de l'art. 85bis al. 2 let. b RAI et contrairement aux prestations librement consenties de la lettre a, le consentement de la personne assurée n'est pas nécessaire; celui-ci est remplacé par l'exigence d'un droit au remboursement "sans équivoque". (consid. 6) - L'obligation, prévue par l'art. 85bis al. 1, 3e phrase RAI, pour les organismes ayant consenti une avance de faire valoir leurs droits au moyen d'une formule spéciale n'est qu'une prescription d'ordre. (consid. 6) Regesto a Art. 50 cpv. 2 LAI (nella versione in vigore fino al 31 dicembre 2002); art. 85bis OAI: Portata delle espressioni "in attesa della concessione di prestazioni dell'assicurazione per l'invalidità", rispettivamente "in vista della concessione di una rendita dell'assicurazione invalidità". Per il coordinamento delle prestazioni tra l'assistenza sociale e l'assicurazione per l'invalidità è unicamente determinante il fatto che per lo stesso periodo siano oggettivamente state versate prestazioni assistenziali e prestazioni dell'assicurazione per l'invalidità e che per il pagamento nelle mani di terzi, necessario per impedire una doppia riscossione di prestazioni, siano soddisfatte le altre condizioni dell'art. 85bis OAI; non per contro il fatto che le prestazioni assistenziali sono state assegnate in conoscenza di una - già presentata o comunque ancora da presentare - domanda di prestazioni all'assicurazione invalidità. (consid. 5) Regesto b Art. 50 cpv. 2 LAI (nella versione in vigore fino al 31 dicembre 2002); art. 85bis cpv. 1 terza frase e cpv. 2 lett. b OAI: Consenso al versamento nelle mani di terzi e utilizzo di formulario speciale. - Nell'ambito dell'art. 85bis cpv. 2 lett. b OAI e contrariamente alle prestazioni liberamente consentite ai sensi della lett. a, il consenso della persona assicurata non è necessario; questo è rimpiazzato dal presupposto di un diritto al rimborso "senza equivoco". (consid. 6) - L'obbligo - previsto dall'art. 85bis cpv. 1 terza frase OAI - per gli organismi che hanno consentito anticipi di fare valere i loro diritti per mezzo di un formulario speciale rappresenta una semplice prescrizione d'ordine. (consid. 6)
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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