Zu Unrecht sistierte Invalidenrente wegen strafrechtlicher Massnahme: Nachzahlung ex tunc nach Art. 85 IVV und Art. 77 AHVV (Art. 48 Abs. 1 IVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 129 V 211 · ATF 129 V 211 · DTF 129 V 211
- Datum
- 24.01.2003
- Geschäftsnummer
- BGE 129 V 211
- Abteilung
- CH_BGE_007
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Die IV-Stelle des Kantons St. Gallen hatte die Invalidenrente einer seit Kindesalter invaliden Versicherten aufgrund einer stationären Massnahme nach Art. 43 StGB sistiert und bereits bezogene Renten rückgefordert. Später stellte sich heraus, dass die Sistierung materiell unrechtmässig war, da primär Behandlungsbedürftigkeit und nicht Sozialgefährlichkeit vorlag. Die IV-Stelle nahm die Rentenzahlungen erst ab April 1998 wieder auf. Das kantonale Versicherungsgericht hob diese Verfügung auf und wies die Sache zur Nachzahlung ab April 1993 zurück. Die IV-Stelle führt Beschwerde gegen diesen Entscheid.
Das Bundesgericht weist die Verwaltungsgerichtsbeschwerde der IV-Stelle ab und bestätigt die Rückweisung der Sache zur Nachzahlung der Rente ab April 1993.
Die Sistierung der Rente war materiell unrechtmässig, da die Versicherte sich aufgrund klarer Behandlungsbedürftigkeit und nicht wegen Sozialgefährlichkeit im Massnahmenvollzug befand. Für die Zeit nach Erlass der rechtskräftigen Sistierungsverfügung liegt eine Neuanmeldung vor. Da die fehlerhafte Beurteilung keinen spezifisch invalidenversicherungsrechtlichen Aspekt betraf, findet Art. 48 Abs. 2 IVG keine Anwendung; massgebend ist stattdessen Art. 48 Abs. 1 IVG, wonach die Nachzahlung maximal fünf Jahre zurück erfolgen kann.
Für den Zeitraum vor Erlass der Sistierungsverfügung handelt es sich um eine Wiedererwägung. Da die unrichtige Qualifizierung des Massnahmenvollzugs ebenfalls kein spezifisch IV-rechtliches Element darstellt, ist Art. 88bis Abs. 1 lit. c IVV nicht anwendbar. Stattdessen greifen Art. 85 Abs. 1 IVV in Verbindung mit Art. 77 AHVV sowie Art. 48 Abs. 1 IVG ein, was eine rückwirkende Nachzahlung innerhalb der Fünfjahresfrist ab Geltendmachung des Anspruchs durch die Sozialhilfestelle am 27. April 1998 rechtfertigt.
Regeste
Art. 48 Abs. 1 und 2 IVG; Art. 85 Abs. 1 IVV in Verbindung mit Art. 77 AHVV; Art. 88bis Abs. 1 lit. c IVV: Verfahrensrechtliche Qualifizierung der - im Anschluss an eine zu Unrecht erfolgte Sistierung - wieder aufgenommenen Rentenausrichtung; zeitliche Wirkungsweise (ex nunc oder ex tunc). Wurde eine Invalidenrente zufolge unrichtiger Beurteilung eines strafrechtlich angeordneten Massnahmenvollzugs zu Unrecht sistiert, kann darauf bezüglich des von der Sistierungsverfügung erfassten, bis zu deren Erlass reichenden Zeitraums wiedererwägungsweise zurückgekommen werden, sofern die entsprechenden Voraussetzungen (zweifellose Unrichtigkeit der Sistierungsverfügung, erhebliche Bedeutung der Berichtigung) erfüllt sind. Da es sich bei der unrichtigen Qualifizierung des Massnahmenvollzugs nicht um einen spezifisch invalidenversicherungsrechtlichen Aspekt handelt, gelangt bei der Wiederaufnahme der Rentenzahlungen für diese Periode Art. 88bis Abs. 1 lit. c IVV nicht zur Anwendung; massgebend sind die Art. 85 Abs. 1 IVV in Verbindung mit Art. 77 AHVV sowie Art. 48 Abs. 1 IVG. Für die Zeit nach Erlass der Sistierungsverfügung sind - da diesbezüglich noch keine Verfügung vorliegt - die bei einer Neuanmeldung des Rentenanspruchs geltenden Regeln zu beachten, mit der Folge, dass die Rentennachzahlung gestützt auf Art. 48 Abs. 1 IVG bis maximal fünf Jahre zurück bis zum ersten nach dem letzten von der Rechtskraft der Sistierungsverfügung erfassten Monat zu erfolgen hat; Art. 48 Abs. 2 IVG ist nicht anwendbar, weil nicht eine fehlerhafte Beurteilung eines spezifisch invalidenversicherungsrechtlichen Gesichtspunktes Anlass für die Rentensistierung bildete. Regeste Art. 48 al. 1 et 2 LAI; art. 85 al. 1 RAI en liaison avec l'art. 77 RAVS; art. 88bis al. 1 let. c RAI: Qualification procédurale de la reprise du versement indûment suspendu d'une rente; effet dans le temps (ex nunc ou ex tunc). Lorsqu'une rente d'invalidité a été suspendue à tort en raison de l'appréciation erronée portée sur une mesure pénale dont l'exécution a été ordonnée, il peut y avoir lieu à reconsidération - dans la mesure où les conditions spécifiques en sont données (caractère sans nul douté erroné de la décision de suspension, importance notable de la rectification) - pour le laps de temps couvert par la décision de suspension jusqu'à ce qu'elle a été rendue. La qualification incorrecte ne portant pas sur un élément spécifique au droit de l'assurance-invalidité (l'exécution de la mesure), il n'y a pas lieu d'appliquer l'art. 88bis al. 1 let. c RAI à la reprise du versement de la rente pour cette période, mais bien l'art. 85 al. 1 RAI en corrélation avec les art. 77 RAVS et 48 al. 1 LAI. Pour la période postérieure à la décision de suspension - aucune décision ne déployant ses effets -, il convient, de prendre en compte les règles régissant la nouvelle demande de prestations. En conséquence, le paiement de la rente, conformément à l'art. 48 al. 1 LAI, ne peut intervenir rétroactivement que pour cinq ans au plus jusqu'au premier mois suivant le dernier mois touché par les effets de la décision de suspension; l'appréciation erronée qui a motivé cette dernière ne portant pas sur un aspect spécifique au droit de l'assurance-invalidité, l'art. 48 al. 2 LAI n'est, en revanche, pas applicable. Regesto Art. 48 cpv. 1 e 2 LAI; art. 85 cpv. 1 OAI in relazione con l'art. 77 OAVS; art. 88bis cvp. 1 lett. c OAI: Qualifica procedurale del ripristino del versamento di una rendita che era stato sospeso a torto; effetto temporale (ex nunc o ex tunc). Se una rendita d'invalidità è stata sospesa a torto a seguito di un giudizio errato sull'esecuzione di una misura penale, vi si può rinvenire - datene le condizioni (decisione di sospensione senza dubbio errata, rettifica di importante rilievo) - in via di riconsiderazione per lo spazio di tempo interessato dalla decisione di sospensione fino alla sua emanazione. La qualifica erronea dell'esecuzione della misura non concernendo un aspetto specifico dell'assicurazione invalidità, l'art. 88bis cpv. 1 lett. c OAI non risulta applicabile in caso di ripristino della rendita per questo periodo; determinante è l'art. 85 cpv. 1 OAI in relazione con gli art. 77 OAVS e 48 cpv. 1 LAI. Per il periodo successivo alla decisione sospensiva - per il quale non è stato emanato alcun provvedimento - sono da considerare le regole valevoli per una nuova domanda di prestazione. Di conseguenza, il recupero della rendita, conformemente all'art. 48 cpv. 1 LAI, può avvenire retroattivamente a partire da cinque anni al massimo dal primo mese che segue l'ultimo mese interessato dagli effetti della decisione di sospensione; l'art. 48 cpv. 2 LAI non risulta applicabile in quanto il motivo della sospensione della rendita non è dovuto alla valutazione erronea di un aspetto specifico del diritto dell'assicurazione invalidità.
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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